Der Österreicher Robert Menasse hat höchst erfolgreich ein Genre erfunden: den EU-Roman. Für „Die Hauptstadt“ wurde er 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
Der Roman erzählt von einer Beamtin in der „Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission“, die den Auftrag erhält, das Image der Institution aufzubessern.
In der Fortsetzung „Die Erweiterung“ weitete Menasse sein EU-Projekt nach Osten aus und entwarf eine Geschichte rund um die mögliche EU-Mitgliedschaft Albaniens.
Menasses Verfahren ist das einer Collage von historisch belegten Fakten und fiktionalen Geschichtspartikeln. Sein EU-Projekt ist als Trilogie angelegt.
Die Erzählung „Die Lebensentscheidung“ ist nicht der Abschluss, sondern ein schmales, knapp 160 Seiten umfassendes Zwischenstück, das sich jedoch fein in den Gesamtkontext einfügt:
Franz Fiala heißt seine Hauptfigur, ist EU-Beamter in Brüssel, beschäftigt in der Generaldirektion Umwelt. Fiala ist zermürbt und frustriert von den Arbeitsumständen; die Lebensentscheidung, die dem Buch den Titel gibt, lautet: Vorruhestand mit Ende 50.
Damit beginnt aber das Drama erst. Reisen, möglicherweise heiraten – das waren seine Pläne. Stattdessen bekommt er die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Seine Mutter lebt in Wien, ist schwer dement.
Er fährt zu ihr in die Wohnung, in der er selbst aufgewachsen ist. Fialas einziger Wunsch ist der, nicht vor der Mutter zu sterben. Diesen Prozess der Krankheit, des Kampfes und der gleichzeitigen Vertrautheit zwischen Mutter und Sohn beschreibt Menasse auf anrührende Weise.