Buchkritik

Der Tod des Beamten: Novelle „Die Lebensentscheidung“ von Robert Menasse

Das Leben lässt sich nicht regulieren – diese bittere Einsicht trifft EU-Beamten Franz Fiala hart. Politische Hoffnungen und private Pläne zerschellen in dieser düsteren Novelle.

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Von Autor/in Wolfgang Schneider

Robert Menasse hat als Schriftsteller eine echte Marktlücke entdeckt: die Pro-EU Prosa. In mehreren Essays und zwei umfangreichen, mit Preisen ausgezeichneten Romanen hat er den Bürokratiekoloss mit literarischem Herzblut zu erwärmen versucht. 

Auch Franz Fiala, die Hauptfigur seiner Novelle „Die Lebensentscheidung“, ist Beamter in Brüssel. Er hat in einer Unterebene der Generaldirektion Umwelt am Green Deal mitgearbeitet und war nicht zuletzt an der Ausformulierung der Honigrichtlinie beteiligt.

Werte zu verbindlichen Normen machen – das ist die Devise, die bei den Bürgern aber zunehmend auf Ablehnung stößt: EU ist für viele gleichbedeutend geworden mit Verbotspolitik, Überregulierung und bürokratischer Dysfunktionalität.  

Frust in Brüssel 

Fiala setzen sie zu, die Nationalisten, Populisten und Wutbürger, die Traktorendemonstrationen oder diese ständigen Sticheleien sogar auf Familienfeiern: 

„Franz schenkte nach – und musste sich zurückhalten, die Flasche zu schütteln und dem Onkel den Champagner ins Gesicht zu spritzen, in dieses blöde, vor vertrottelter Heiterkeit glänzende, selbstverliebte Gesicht. Fritz sagte nämlich: Na, Herr Eurokrat, erzähl! Was heckt ihr gerade wieder aus in Brüssel?“

Fiala hält den Gegenwind nicht mehr aus – und gibt damit wohl auch die politische Enttäuschung des EU-Enthusiasten Robert Menasse zu erkennen. Frustriert trifft der Beamte eine „Lebensentscheidung“: Vorruhestand mit Ende Fünfzig.

Er möchte reisen, lesen, vielleicht endlich seine Freundin Nathalie heiraten. Und sich mehr um seine alte, an Alzheimer erkrankte Mutter kümmern, die in Wien noch in der Wohnung lebt, in der er aufgewachsen ist.  

Eine symbiotische Beziehung 

Ihre Verbindung ist immer eng, fast symbiotisch gewesen, auch wenn ihm das oft ein bisschen peinlich war. Sein Vater starb früh; die Mutter hat ihre Bildungsambitionen auf Franz übertragen.

Von Mutterliebe getragen, vom Mutterehrgeiz angeschoben, hat er Jura studiert und Karriere in Brüssel gemacht. Franz ist ihr ganzer Stolz; in ihrer Verwirrtheit glaubt sie manchmal sogar, dass er der persönliche Berater der EU-Präsidentin sei. 

Das Schicksal aber macht einen Strich durch die schönen Ruhestandspläne. Fiala erkrankt an Bauchspeicheldrüsenkrebs; ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Und an diesem Punkt wird die Novelle sehr existentiell und anrührend.

Versteckspiel ohne Erfolg

Sohn und Mutter Fiala versuchen fortan angestrengt, ihre Hinfälligkeit voreinander zu verbergen, ohne den anderen wirklich täuschen zu können. So auch in dieser Szene:

„Er beobachtete seine Mutter, bewunderte ihre Anstrengung, selbstbewusst, geradezu herrisch zu wirken, während sie so elendiglich in ihrem Fauteuil saß. 
Sie beobachtete ihren Sohn, sah mit Sorge, wie er schwer atmete, so dass er manchmal geradezu leise stöhnte.“

Du bist krank, sagte sie. Was hast du? 
Nichts. Es geht mir gut.

Noch erleben zu müssen, wie er, der einzige Sohn, vor ihr stirbt – das kann Franz seiner Mutter nicht zumuten. Es gilt durchzuhalten, wenigstens ein paar Tage länger als die Mutter. 

Vorbild Franz Werfel 

Dieses Grundmotiv hat Menasse aus Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“ übernommen. Dort heißt der schwer kranke Held ebenfalls Fiala: ein kleiner Beamter, der für seine Familie eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, die aber nur ausgezahlt wird, wenn er das fünfundsechzigste Lebensjahr erreicht.

Von den ersten Schmerzattacken über die siebenstündige Operation und die nachfolgenden Komplikationen bis zum finalen Zusammenbruch schildert Robert Menasse Fialas Krankheit zum Tode mit beklemmenden Details, in einer Sprache, die nicht nur berichtet, sondern Verstörung, Panik und die kleinen Schübe der Hoffnung auch formal abbildet.

Falls eine EU-Norm für unter die Haut gehende Prosa in Planung sein sollte – bei dieser Novelle könnte sie Maß nehmen.

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Wolfgang Schneider