Der neue Roman der österreichischen Bachmannpreisträgerin beginnt mit einem Hasendrama: Die Sommerferien stehen kurz bevor; der zehnjährige Oz und seine Mitschüler entfernen sich unerlaubterweise vom Pausenhof und gehen zum Kaninchenstall hinter dem Schulgebäude. Jemand versäumt, die Stalltür wieder ordentlich zu verschließen, und gleich wird der Hausmeister den Rasen rund um den Stall mähen. Man kann sich denken, was geschieht. Das ist der Auftakt zu einem rasanten Roman, der Familiengeschichte, Roadtrip und hoffnungsvoll aufgeladene literarische Beschreibung einer Diagnose mit dem Namen ADHS zugleich ist. Oz hat die Diagnose. Seine Mutter Ann ebenfalls, nur gab es in ihrer Kindheit dafür noch keinen Namen.
Ann möchte Oz über die Ferien in ein Camp für Kinder schicken. Sie braucht Ruhe, möchte nach der Trennung von ihrem Mann auch der Frage nachgehen: „Wer bin ich geworden?“ – Ann kämpft an vielen Fronten. Nach der dritten Befristung an der Uni kann sie davon ausgehen, bald keinen Job mehr zu haben. Ihre vierundsiebzigjährige Mutter lebt in den Bergen und scheint ebenfalls Betreuung zu brauchen. Die doppelte Care-Arbeit wird Ann nicht allein meistern können, und von ihrer unzuverlässigen Schwester erwartet sie kaum Hilfe. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Oz verschwindet, die Mutter auch, und über alldem schwebt die Bedrohung eines nahenden Unwetters.
Birgit Birnbachers Roman erzählt von der Einsamkeit neurodiverser Menschen; von den Versuchen, Impulskontrolle zu erlangen. Es ist aber zugleich – bei aller Schärfe, mit der Birnbacher auf die Außenwelt blickt – ein Roman, der eine zärtliche, empathische Sprache für das komplexe Liebesverhältnis zwischen Mutter und Sohn findet.