„Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“

„Die Natur braucht uns nicht“ – Umweltschützer Paul Kingsnorth veröffentlicht Essays

Der Umweltaktivist und Autor Paul Kingsnorth schreibt seit 15 Jahren über Umweltzerstörung, den Kampf um die Zukunft der Menschheit und den Umgang mit einer veränderten Welt. Nun hat er seine Essays im Band „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“ versammelt.

Teilen

Stand

Von Autor/in Axel Weiß

Paul Kingsnorth versammelt Essays über den Umweltschutz

Die Analyse ist klar: „Das Ausmaß des Artensterbens ist größer als irgendwann zuvor in den vergangenen 65 Millionen Jahren. Seit Beginn der Menschheit befand sich noch nie so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre wie heute.“

Und wie verarbeiten wir solche Erkenntnisse? Flucht ins Landidyll? Klimakleber? Der englische Autor Paul Kingsnorth hat sich für das Essay-Schreiben entschieden. Obwohl teils über 15 Jahre alt, haben seine Abhandlungen über die Welt und unseren Umgang mit Natur nichts Angestaubtes.

Es sind Zeugnisse von der Neugier auf den Planeten, seine Vielfalt und vielfältige Unbegreiflichkeit. Es sind Zeugnisse von brillanter Beobachtung und breitem Wissen, aber auch des Leidens: an einer übermächtigen Technik und ihrem Einfluss auf unsere Gesellschaften und an gewaltigen Zerstörungen der Natur und fehlender Wirkmächtigkeit.

Paul Kingsnorth
Paul Kingsnorth, Autor und Umweltaktivist picture alliance / Photoshot | -

„Wir wussten, was getan werden musste, doch es lag nicht in unserer Macht“

Immer schneller, immer höher, aber wohin? „Wir, die Grünen, wussten, was getan werden musste, doch es lag nicht in unserer Macht, es in die Tat umzusetzen“, schreibt der langjährige Umweltschützer, zeitweilig stellvertretender Herausgeber der radikal-ökologischen Zeitschrift „The Ecologist“.

Das erinnert an Horst Stern, Urgestein des deutschen Umweltjournalismus. Der in den 1970er-Jahren populäre Autor mit besten Einschaltquoten beklagte später hochbetagt seine angebliche Wirkungslosigkeit. Und hat doch mit seinen Filmen für Umwelt- und Naturschutz langfristig viel erreicht.

Es kann kompliziert sein, ein einfacheres Leben zu leben

Diese Welt ist für wache Geister so faszinierend wie schwer auszuhalten mit ihrer Schönheit, Zerstörung, Grausamkeit und Glück. Hilft Religion? Auch wenn sich Kingsnorth mit dem Buddhismus auseinandergesetzt hat: Die richtige Gelassenheit mag sich nicht einstellen.

Lieber also Rückzug und Bäumchen pflanzen im eigenen Garten?! Was den Autor zu der trockenen Erkenntnis führt, dass es kompliziert sein kann, ein einfacheres Leben zu leben. Schon weil das Gartenwerkzeug für dieses einfache Leben in einem hochkomplexen industriellen Prozess gefertigt wurde. Kingsnorth beobachtet ehrlich, denkt nach und lässt uns an seinen Gedanken teilhaben. Das liest sich durchweg flüssig.

Die Natur braucht uns nicht, und die Vernichtung als Begriff ist etwas, um das sich einzig und allein die Menschen Sorgen machen.

Keine reine Wahrheit mit schnellen Lösungen

Die Erkenntnis, dass eine Antwort in der Wissenschaft zehn neue Fragen aufwirft, zeigt sich auch in den „Bekenntnissen eines genesenden Umweltschützers“. Wobei der Buchtitel zu kurz greift. Der studierte Historiker räsoniert schließlich auch über den Niedergang der englischen Kultur in Großbritannien und das bleibt auch für Nicht-Briten durchaus unterhaltsam.

Nein, das Buch ist keine Abrechnung mit zahm gewordenen Umweltaktivisten, wie es teils beworben wird. Auch, aber es geht um viel mehr: um die Erkenntnis, dass es die reine Wahrheit nicht gibt und die schnellen Lösungen. Auch nicht für die Umweltkrise. Paul Kingsnorth will mehr Wildnis wagen. Das Spirituelle und Intuitive soll in der Erklärung der Welt seinen Platz haben: Alles ist Natur, auch wir.

Windräder im Sonnenuntergang, Windpark Bachra
Ist es zu spät für eine echte Wende im Umweltschutz? Autor Paul Kingsnorth denkt: Vernichtung ist etwas, um das sich nur die Menschen Sorgen machen. Die Natur braucht den Menschen nicht. Karina Hessland

„Das Ende der Welt wie wir sie kennen bedeutet nicht das Ende der Welt insgesamt“

Das sind Anleihen an die Deep-Ecology-Bewegung der 1980er-Jahre, die einen beseelten Planeten postulierte: „Thinking as a mountain“ – wie ein Berg denken. Auch Kingsnorth plädiert für „Unzivilisation“, kritisiert Fortschrittsmythos und mächtigen Konsumkapitalismus, bleibt dabei dennoch zuversichtlich:

„Das Ende der Welt wie wir sie kennen bedeutet nicht das Ende der Welt ingesamt. Zusammen werden wir Hoffnung finden können jenseits der Hoffnung, und wir werden die Wege finden, die uns auf die unbekannte Welt führen, die uns bevorsteht.“

Als Umweltpolitik ernst genommen wurde 40 Jahre Bundesumweltministerium – Mehr als eine Reaktion auf Tschernobyl

Das Umweltministerium verstand sich sich 1986 als Korrektiv gegen Umweltzerstörung und beendete Praktiken, die heute absurd erscheinen. Heute sind die Aufgaben komplexer, sagt Historiker Frank Uekötter.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

100 Jahre Kruger-Nationalpark – Einer der wichtigsten und größten Wildschutzgebiete der Welt

Er gilt als einer der berühmtesten Nationalparks der Welt und als Inbegriff der afrikanischen Wildnis: der Kruger-Nationalpark. Hier leben Löwen, Giraffen, Elefanten und viele andere Tiere. Stephan Ueberbach über die Geschicht des Parks, die nicht frei von Konflikten ist

Feature Boden! Gut für alle – Flächenfraß und Klimakrise in Österreich

Der Umgang mit dem Boden spielt in der Klimakatastrophe eine herausragende Rolle. Wie sollen Bauern, Grundbesitzer und Politik damit umgehen?

SWR2 Feature SWR2

Umweltschutz Galapagos – Naturschutz, Tourismus, Drogenschmuggel

Die Galapagos-Inseln sollen ein gutes Beispiel sein für eine sinnvolle Kombination aus Artenschutz und Wirtschaftlichkeit. Aber illegale Fischerei, Plastikmüll und Drogenschmuggel gefährden das Naturparadies.

Das Wissen SWR Kultur

Ecuador

Feature Im Namen der Natur – Wie Ecuador eine ökologische Bewegung anführt

Als erstes Land der Welt hat Ecuador 2008 die Natur als Rechtssubjekt in die Verfassung aufgenommen. Jeder kann in ihrem Namen für den Schutz von Ökosystemen und Artenvielfalt klagen.
Von Elisabeth Weydt

SWR2 Feature SWR2

Integrierter, flexibler und effizienter: Forschung an der Zukunft der Solarenergie läuft auf Hochtouren

Photovoltaik auf dem Dach? Kennt man. Aber im Fenster? An der Autobahn oder auf der Motorhaube? Welche dieser neuen PV-Lösungen im Alltag Sinn ergeben, daran forscht unter anderem das Fraunhofer Institut ISE. Katha Jansen hat sich die Zukunftsideen genauer angeschaut

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Axel Weiß
Onlinefassung
Dominic Konrad