Fantastische Einführung ins Gastland der Frankfurter Buchmesse 2025

Schauerroman aus feministischer Perspektive: Caroline Haus „Stille im August“

Zwei Frauen auf einer tropischen Insel, ein Spukhaus mit dunklen Geheimnissen, soziale Gegensätze, politischer Filz und ein Weg in die Freiheit. Caroline Haus Roman „Stille im August“ ist eine perfekte Einführung in die Inselwelt der Philippinen, die im Oktober das Gastland der Frankfurter Buchmesse sind.

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Von Autor/in Cornelia Zetzsche

Racel ist eine von 10 Millionen Oversea Filipino Workers weltweit. Seit Jahren arbeitet sie als Hausmädchen reicher Leute in Singapur. Als sie gerade die Luxuswohnung putzt, erfährt sie, ihre Mutter Alma ist verschwunden, Opfer womöglich des schweren Taifuns, der Banwa verwüstete.

Die Rückkehr auf ihre Insel wird für Racel zur Reise in die Kindheit, ins große, längst verfallene Herrenhaus der Hazienda, in dem sie als Tochter einer Hausangestellten aufwuchs, und in dem es jetzt spukt.

Das Haus, eines der ältesten im Village, liegt nur ein paar Häuserblocks entfernt, zu Fuß in einer Viertelstunde erreichbar. (...) Ich habe nicht vergessen, wie heiß es Mitte Dezember tagsüber immer noch ist, selbst in der Umarmung der Flammenbäume.

Caroline Hau wollte einen Schauerroman aus feministischer Perspektive schreiben, mit dem Blick auf Frauen und ihre Ängste, in ihrem Haus, ihrem Körper, ihrem Verstand gefangen zu sein. Auf den Philippinen, sagt sie, gibt es eine lange literarische Tradition, mit Elementen des Schauerromans, die Düsternis und die Probleme des Landes zu beschreiben.

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Arm & Reich: Spannungen auf der Hacienda

Mit leichter Hand literarisiert Caroline Hau die Wirklichkeit. Der Taifun „Haiyan“, der 2013 über 6000 Tote forderte, wird im Englischen zum „Petrel“, zum „Sturmvogel“. Hinter dem Namen der Großgrundbesitzer steht Aswang, ein Ungeheuer der Mythologie.

Es wird viel gegessen im Roman. Die delikaten Speisen, verschiedene Sprachen, Tagalog, Ilongo, Englisch, spiegeln Kulturen des Landes. Vor allem aber schildert Caroline Hau die Kluft zwischen Arm und Reich: Lia, die verwöhnte Tochter der Hacenderos, mit Distanz, in der dritten Person, Racel aus der Nähe, im Ich. Der Taifun und die Suche nach der Mutter treten zurück.

Wichtiger sind Racels Erinnerungen und ihr Wiedersehen mit Lia, neben der sie einst aufwuchs. Beide Frauen kommen aus Singapur nach Banwa. Beide sind Fremde im eigenen Land, aber die Annäherung gelingt nicht. Zu groß sind die Klassengegensätze.

Ich denke daran, dass wir auf Banwa nur geduldet sind, ein Zustand, der sich jeden Tag ändern kann. Arbeiter und Arbeiterinnen lassen sich leicht ersetzen. Verärgere amo, (den Boss,) und das Haus, das man mit eigenen Händen erbaut hat, wird von seinem Grundstück weggefegt.

In philippinischen Filmen und in der Literatur sind Hausangestellte immer präsent, aber keiner beachtet, was sie fühlen und denken, ihren Blick auf die Welt, sagt Caroline Hau.

Mit ihrem Roman versucht sie, das wiedergutzumachen.

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Die „Stille im August“ im Land des Zuckerrohrs

„Stille im August“ heißt im englischen Original „Tiempo Muerto“ und meint die tote Zeit auf den Zuckerrohrplantagen zwischen Pflanzung und Ernte. Für die Arbeiter bedeuten diese Sommermonate: keine Arbeit, kein Lohn, also Hunger und Not.

Sobald der Sand der Küste unsere Füße zu verbrennen begann und die Flussbetten durstig wurden, (…) folgte die Stille im August, die langen Stunden, in denen wir darauf warteten, dass das Zuckerrohr wuchs, und den Himmel nach Zeichen absuchten, ob die Dürre, zickig und bockig wie ein Kind, vielleicht einen Tobsuchtsanfall bekommen und die Ernte zerstören würde.

Auch wenn die Insel im Roman Banwa heißt, und es ein reales Banwa gibt, Vorbild im Roman ist Negros, die Zuckerinsel im Herzen des Archipels, ein grüner Traum, ein sozialer Brennpunkt. Hier ist der Feudalherr der Plantage noch Arbeitgeber, Taufpate, Trauzeuge, Patriarch zugleich. In den Städten beginnen die Slums gleich hinter abgeriegelten Villenvierteln, sagt Caroline Hau.

Das ist fast körperlich erfahrbar, mit dem Akzent, dem Zustand der Haare und Zähne, der Hautfarbe. Ungleichheit wird gelebt, sagt Caroline Hau. Man trägt die Klassenmerkmale mit sich, mit den Kleidern, dem Aussehen, ob man Englisch spricht und mit welchem Akzent.

Noch immer gibt es Rebellen in den Bergen

Veränderung liegt in der Luft. Vielleicht ist die Mutter in die Berge gegangen, zu den Rebellen der New People‘s Army, Kommunisten, die seit Jahrzehnten Gleichheit, gerechte Löhne und eine Landreform fordern, auch mit Gewalt. Aber wer die Ordnung angreift, sich einer Gewerkschaft oder gar der NPA anschließt, riskiert sein Leben. Arbeiter, Kommunistinnen, Politiker und Aktivistinnen werden Opfer von schwerbewaffneten Privatarmeen der Großgrundbesitzer.

Am bekanntesten war das Sagay-Massaker 2018, das die Leben von neun Zuckerrohr-arbeitern forderte, auch Frauen und Kinder. Die Arbeiter waren Mitglieder der Nationalen Vereinigung von Arbeitern, die um Reformen kämpften, erinnert sich Caroline Hau.

Sie lebt seit Jahren im japanischen Kyoto, umso schärfer ist ihr Blick auf die neuralgischen Punkte der Philippinen: die EDSA-Revolution 1986 gegen Diktator Marcos, die viel versprach und wenig hielt; der immense Reichtum inmitten von Armut, Machismos, Korruption und die politischen Netzwerke einiger weniger Familien, die seit Jahrzehnten herrschen und in allem straffrei bleiben.

Ihr Roman deutet diese Zustände nur an, Lia und vor allem Racel bleiben im Fokus, aber dazwischen erzählt Caroline Hau fast sanft von der Gewalt, von Traumata und Träumen, sozialem Unrecht und Aufruhr, Migration und Entfremdung; melancholisch, leise, aber eindringlich und szenisch in diesem facettenreichen Gesellschaftspanorama, einer, im doppelten Wortsinn, fantastischen Einführung ins Gastland der Frankfurter Buchmesse.

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