Sie hören eine Buchkritik auf SWR Kultur. Aber viel interessanter ist eigentlich das, was Sie gerade nicht hören: Alle Versprecher wurden herausgeschnitten und unnötige Pausen gekürzt.
Was Sie hören, ist der perfekte Redefluss. Der gesellschaftliche Konsens lautet nämlich, dass Ihnen alles andere nicht zumutbar wäre.
Mit diesem Konsens ist der Autor und Journalist David Hugendick nur allzu vertraut, denn er stottert. In seinem autobiografischen Essay „Jetzt sag doch endlich was“, setzt er sich mit diesem ungeduldigen Imperativ auseinander.
Stottern sorgt häufig für Irritation
Statistisch gesehen stottert jede hundertste Person. In Deutschland entspricht das über 800.000 Menschen.
Er ist also einer von gar nicht so wenigen und doch lernt David Hugendick schon früh, dass seine Existenz für andere oft eine Irritation darstellt – zumindest, sobald er sich mitteilen möchte.
Ich stand in meinem Leben oft vor diesen ersten Buchstaben, und viel weiter bin ich oft gar nicht erst gekommen, so sehr ich mich auch bemühte, anstrengte und mit wachsender Verzweiflung gegen sie anrannte.
„Das Wort dahinter konnte ich schon sehen, das lag da wie eine Verheißung, ein Goldhaufen hinter einer Panzertür, ein Club, in dem alle anderen schon tanzten, [...] aber am Einlass bauten sich meistens diese ersten Buchstaben vor mir auf, ein halsnasenohrentätowierter Türsteher.“
Humorvolle Überkompensation
In Episoden erzählt er von prägenden Erfahrungen in Sprechzimmern und Klassenräumen. Dabei nutzt er die freie Form des Essays, um immer wieder assoziativ in unterhaltsame Exkurse überzuleiten:
Wie wäre es eigentlich, wenn sich alle Stotterer der Nation in Frankfurt einfinden würden? Und was hat Stottern mit Schildkröten und Rockmusik zu tun?
Durchweg überzeugt er mit viel klugem Humor, der in seiner Fülle jedoch Überhand nimmt: Es folgt Witz auf Pointe auf Punchline. Langweilig wird es dabei nicht. Aber bei 160 Seiten bleibt da kaum Platz zum Luftholen und die Prägnanz vieler Schlüsselszenen versickert zwischen den vielen Gags.
Als [mein Lehrer und ich] schließlich allein waren, gab er mir zu verstehen, er wünsche nicht mehr, dass ich mich in seinem Unterricht zu Wort melde. […] Ich weiß noch, wie es aus ihm herausplatzte: »Ich ertrage es nicht, wenn Sie stottern.«
„Und ich weiß auch noch, wie eine Weile lang Stille den Raum füllte, und hätte sich diese Szene in einer Zeichentrickserie ereignet, vermutlich wäre jemandem nun eingefallen, sie mit Gezirpe von Zikaden zu untermalen.“
Pausen unerwünscht
„Ähm, ja, also irgendwie ist das halt so, genau…“ - Es wird alles dafür getan, damit der Redefluss bloß nicht versiegt. Der Autor nennt das „Normsprechen“.
Die Strategien sind dabei zahlreich: Für die einen sind es gehaltlose Füllwörter, für David Hugendick Synonyme. Wenn er merkt, dass ihm ein Wort nicht über die Lippen kommen will, wird auf das nächstbeste ausgewichen.
Und das alles nur, um sich an eine rastlos fließende Gesellschaft anzupassen, die keine Pausen toleriert. Stottern könnte da vielleicht sogar Abhilfe leisten:
„[Der Journalist] John Hendrickson schreibt, Stottern sei wie »Dead air on the radio«. […]: Wo eigentlich etwas sein müsste, Sprache, Klang, Melodie oder Reiz, ist plötzlich nichts“, erklärt Hugendick in seinem Buch.
„Nur noch aufgeblähte, leer vergehende Augenblicke, eine Wüste, in die man andere unweigerlich hineinzieht, die nicht wissen, ob sich ihre Ungeduld lohnt, während ich vor ihnen stehe wie ein eingefrorener Ladebalken.“
Damit das hier kurz schöner klingt, sogar nach Superkraft vielleicht: Stottern hebt immerhin einen Augenblick lang ungewollt das gewohnte Zeitgefüge ein wenig aus den Angeln.
Reflexion garantiert
Es ist unmöglich, bei der Lektüre nicht auch die eigene Sprache zu hinterfragen: Warum sind mir Pausen beim Sprechen eigentlich so unangenehm? Und rede ich nur so schnell, damit ich anderen nicht zu viel ihrer Zeit „stehle“?
David Hugendick ist ein facettenreiches und scharfsinniges Buch gelungen, das nach dem Lesen hoffentlich auch zum geduldigeren Zuhören anregt.
Mehr zum Thema Stottern
„Ich bin kein Experte fürs Stottern. Ich habe das nur.“ „Jetzt sag doch endlich was“: David Hugendick hat ein Buch übers Stottern geschrieben
David Hugendick stottert. Vom Sprechen mit mehr Zeitbedarf erzählt er mit in seinem halb-autobiographischen Buch: „Jetzt sag doch endlich was“.
Welttag des Stotterns Zwei Minuten für einen Buchstaben - Mann aus Karlsruhe im Kampf gegen Stottern
Ein einziger Buchstabe kann Andreas Jantovsky aus Karlsruhe minutenlang beschäftigen. Er ist einer von vielen Betroffenen, auf die der Welttag des Stotterns aufmerksam machen will.
Andreas kämpft für mehr Verständnis gegenüber stotternden Menschen
Rund 800.000 Menschen in Deutschland stottern. Auch Andreas Jantovsky aus Karlsruhe gehört dazu. Bei ihm wurde die Störung bei einer Kindervorsorge-Untersuchung im Alter von vier Jahren festgestellt. Seitdem gehört Stottern zu seinem Alltag. Doch Andreas Jantovsky ist nicht der Typ, der sich von seiner Sprechstörung unterkriegen lässt. Er hat für sich Strategien gefunden, mit dem Stottern zurecht zu kommen. Und er will anderen Menschen Mut machen, offen damit umzugehen und sich nicht vor der Welt zu verstecken.