Faszination des Bösen
1945 im zerbombten Nürnberg: Der amerikanische Militärpsychiater Douglas M. Kelley soll beim Prozess gegen die größten NS-Kriegsverbrecher die Angeklagten begutachten und betreuen. Besonders Reichsmarschall Hermann Göring fasziniert ihn. Immer wieder besucht Kelley ihn in seiner Zelle und baut ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf.
Seltsame Zuneigung zu Göring
Rami Maleks Kelley entwickelt eine seltsame Zuneigung zu Göring. Diese wird erst gebrochen, als der Psychiater im Laufe des Prozesses realisiert, dass sein neuer Freund doch tiefer als behauptet in den Holocaust verstrickt war.
Russell Crowe gibt Göring als jovialen Manipulator und überlebensgroßen Machtmenschen. US-Chefankläger Robert Jackson ist ihm im Gerichtssaal nicht gewachsen. Deswegen bittet er Kelley darum, ihn mit Material über Göring zu versorgen.
Manche historische Schieflage in „Nürnberg“
Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess bildet den Hintergrund für das psychologische Duell zwischen Kelley und Göring. Natürlich muss ein solches Drama zuspitzen, verdichten und vereinfachen. In „Nürnberg“ gerät historisch aber doch manches in Schieflage.
Nicht nur, weil der Film den Eindruck vermittelt, die Alliierten hätten die Angeklagten einzig mithilfe der Aufzeichnungen eines Psychiaters als Täter überführt – beim historischen Prozess wurden dagegen tausende Dokumente und hunderte von Zeugenaussagen ausgewertet.
Courtroom-Drama statt Kriegsverbrecherprozess
Den monumentalen Kriegsverbrecherprozess schrumpft Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt zu einem Courtroom-Drama zusammen. Görings tagelanges, schleppendes Kreuzverhör wird hier zu einem knackigen Schlagabtausch verknappt.
Abgesehen von Görings Auftritt bleibt der Prozess eine Leerstelle, auch wenn sich der Film zumindest eingangs bemüht, ihn in seiner historischen Einzigartigkeit zu würdigen.
Konventionelle Dramaturgie überzeugt nicht
Nur wenige Regisseure schaffen es, das Grauen der NS-Verbrechen in eine überzeugende filmische Form zu bringen. Was zuletzt Jonathan Glazer mit „The Zone of Interest“ so meisterhaft gelang, funktioniert in dieser konventionellen Dramaturgie nicht.
Dass James Vanderbilt die erschütternden Filmaufnahmen aus den Konzentrationslagern verwendet, die damals vor Gericht gezeigt wurden, wirkt innerhalb dieses hochglanzpolierten Unterhaltungsfilms fast unanständig. Denn eine echte Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung liefert „Nürnberg“ nicht. Dafür erliegt der Film selbst zu sehr der Faszination des Bösen.
Trailer „Nürnberg“, ab 7.5. im Kino
Originaltöne zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
Archivradio Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Von November 1945 bis Oktober 1946 saßen die führenden Nationalsozialisten auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofs, den die Alliierten eingerichtet hatten.
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