Russell Crowe als Hermann Göring

„Nürnberg“ – Der NS-Kriegsverbrecherprozess als hochglanzpolierter Unterhaltungsfilm

„Nürnberg“ von James Vanderbilt erzählt die wahre Geschichte des Psychiaters Douglas M. Kelley, der beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gegen die NS-Spitze Hermann Göring betreute. In den Hauptrollen: Rami Malek als Kelley und Russell Crowe als Göring.

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Stand

Von Autor/in Julia Haungs

Faszination des Bösen

1945 im zerbombten Nürnberg: Der amerikanische Militärpsychiater Douglas M. Kelley soll beim Prozess gegen die größten NS-Kriegsverbrecher die Angeklagten begutachten und betreuen. Besonders Reichsmarschall Hermann Göring fasziniert ihn. Immer wieder besucht Kelley ihn in seiner Zelle und baut ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf.

„Nürnberg“ von James Vanderbilt
Douglas M. Kelley (Rami Malek), amerikanischer Militärpsychiater, soll beim Prozess gegen die größten NS-Kriegsverbrecher den Angeklagten Hermann Göring (Russell Crowe) begutachten.

Seltsame Zuneigung zu Göring

Rami Maleks Kelley entwickelt eine seltsame Zuneigung zu Göring. Diese wird erst gebrochen, als der Psychiater im Laufe des Prozesses realisiert, dass sein neuer Freund doch tiefer als behauptet in den Holocaust verstrickt war.

Russell Crowe gibt Göring als jovialen Manipulator und überlebensgroßen Machtmenschen. US-Chefankläger Robert Jackson ist ihm im Gerichtssaal nicht gewachsen. Deswegen bittet er Kelley darum, ihn mit Material über Göring zu versorgen.

„Nürnberg“ von James Vanderbilt
„Es gibt eine Stelle im Film, an der Göring sagt, dass sogar sein Antisemitismus einen praktischen Zweck hatte. Die Distanz, die man zu seiner eigenen Menschlichkeit aufbauen muss, um so etwas zu sagen, ist erschütternd, und genau hier wird Göring, so wie ich ihn spiele, entlarvt.“ (Russell Crowe über seine Rolle).

Manche historische Schieflage in „Nürnberg“

Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess bildet den Hintergrund für das psychologische Duell zwischen Kelley und Göring. Natürlich muss ein solches Drama zuspitzen, verdichten und vereinfachen. In „Nürnberg“ gerät historisch aber doch manches in Schieflage.

Nicht nur, weil der Film den Eindruck vermittelt, die Alliierten hätten die Angeklagten einzig mithilfe der Aufzeichnungen eines Psychiaters als Täter überführt – beim historischen Prozess wurden dagegen tausende Dokumente und hunderte von Zeugenaussagen ausgewertet.

Courtroom-Drama statt Kriegsverbrecherprozess

Den monumentalen Kriegsverbrecherprozess schrumpft Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt zu einem Courtroom-Drama zusammen. Görings tagelanges, schleppendes Kreuzverhör wird hier zu einem knackigen Schlagabtausch verknappt.

Abgesehen von Görings Auftritt bleibt der Prozess eine Leerstelle, auch wenn sich der Film zumindest eingangs bemüht, ihn in seiner historischen Einzigartigkeit zu würdigen.

„Nürnberg“ von James Vanderbilt
Den Kriegsverbrecherprozess schrumpft Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt zu einem Courtroom-Drama zusammen. David Maxwell-Fyfe (Richard E. Grant), der US-Chefkläger der Nürnberger Prozesse Robert H. Jackson (Michael Shannon), und der Militärpsychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek).

Konventionelle Dramaturgie überzeugt nicht

Nur wenige Regisseure schaffen es, das Grauen der NS-Verbrechen in eine überzeugende filmische Form zu bringen. Was zuletzt Jonathan Glazer mit „The Zone of Interest“ so meisterhaft gelang, funktioniert in dieser konventionellen Dramaturgie nicht.

Dass James Vanderbilt die erschütternden Filmaufnahmen aus den Konzentrationslagern verwendet, die damals vor Gericht gezeigt wurden, wirkt innerhalb dieses hochglanzpolierten Unterhaltungsfilms fast unanständig. Denn eine echte Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung liefert „Nürnberg“ nicht. Dafür erliegt der Film selbst zu sehr der Faszination des Bösen.

Trailer „Nürnberg“, ab 7.5. im Kino

Nürnberg | Russell Crowe ist Hermann Göring | Trailer 2 Deutsch | Ab 7. Mai im Kino | Rami Malek

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur