So hat sich der Vampirismus entwickelt

Blutsauger-Boom im Kino: Warum Vampire uns immer noch faszinieren

Wer ins Kino geht, der kann sich vor Vampiren kaum retten. Auf der Berlinale trieb gerade Isabelle Huppert als „Blutgräfin" ihr Unwesen. Und der Vampirhorror „Blood & Sinners“ ist gleich für 16 Oscars nominiert. Woher diese Faszination? Simeon Elias Hüttel macht in seiner Essaysammlung „Die Geburt des Vampirs“ ein paar gute Vorschläge dazu.

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Von Autor/in Tobias Stosiek

Die Vampirpanik der Aufklärung

Der Imperialismus ist ein Fluch. Und nicht nur für seine Opfer. Maria Theresia, Kaiserin des Habsburgerreichs, konnte davon ein Lied singen. Die musste im 18. Jahrhundert nämlich feststellen, dass sie sich mit den Gebietsgewinnen auf dem Balkan nicht nur mehr Land – sondern auch ein handfestes Vampirproblem eingehandelt hatte.

Die Habsburger predigten die Aufklärung – gleichzeitig wurden an den südöstlichen Grenzen des Reiches mit schöner Regelmäßigkeit „Untote“ ausgegraben, gepfählt und verbrannt.

So regelmäßig, dass sich die Kaiserin im Jahr 1755 zu einem Vampir-Erlass gezwungen sah. Jeder Vorfall vermeintlichen Vampirismus sei unverzüglich der Obrigkeit zu melden, die dann untersuchen werde, „was für Betrug dahinter verborgen“.

Nosferatu
Der Prototyp des Filmvampirs: Max Schreck in Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker "Nosferatu" (1922).

Die Geburtsstunde des modernen Vampirs fällt also exakt in die Zeit, die mit allem Aberglauben Schluss machen wollte. Das klingt paradox, lässt sich aber gut erklären, meint Simeon Elias Hüttel in einem seiner klugen Essays.

Ja, man könnte hier fast von einer Dialektik der Aufklärung sprechen. Erst seine Konkurrenz zum rationalistischen Weltbild machte aus dem Blutsauger nämlich eine Sensation, über die aufgeregt in ganz Europa berichtet wurde, als wäre dieses Wesen eine ganz unerhörte Neuigkeit. War es natürlich nicht.

Im Mittelalter trieb der Sanguisuga sein Unwesen

Schon im 12. Jahrhundert machte der sogenannte Sanguisuga (also: Blutsauger) Großbritannien unsicher. Mythologiegeschichtlich gesehen sei das zwar relativ spät, meint Hüttel, aber doch deutlich früher als die Vampirpanik der Aufklärung es vermuten lässt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der britische Wiedergänger war lediglich ein Prototyp der Figur, die heute über die Bildschirme geistert.

Schauspieler Gary Oldman als transsylvanischer Kriegsfürst Vlad Draculea in Francis Ford Coppolas Romanverfilmung „Dracula“, 1992.
Der gefürchtete Herrscher kehrt nach der Schlacht auf sein Schloss zurück: Schauspieler Gary Oldman als transsylvanischer Kriegsfürst Vlad Draculea in Francis Ford Coppolas Romanverfilmung „Dracula“, 1992.

Wilhelm von Newburgh, Chronist des britischen Mittelalters, berichtete seinerzeit etwa von einem Exemplar, das versuchte, seine Opfer zu erdrücken. Eine reichlich plumpe Methode, die mit den subtilen Verführungstechniken moderner Blutsauger wenig zu tun hat.

Tatsächlich seien die mittelalterlichen Widergänger – ob nun blutaffin oder nicht – eher zombieähnliche Gestalten gewesen, zeigt Hüttel. Und das bringt ihn zu seiner Leitfrage: Wie konnte aus diesen Monstern der „eleganteste Antagonistentypus“ werden, den „die heutige Zivilisation zu bieten hat“?

Erst im 18. Jahrhundert wird der Vampir zum Gentleman

Wer nun eine stringente Biografie erwartet, sozusagen das Coming-of-Age des Blutsaugers, der wird enttäuscht. Dass Hüttel selbst von Essays spricht, kommt nicht von ungefähr. Zwar geht er chronologisch vor, den großen Bogen spart er sich aber. Stattdessen faltet er geduldig immer neue Facetten der Vampirfigur auf.

Eggers, Nosferatu
Mach dir kein Bild: In Robert Eggers "Nosferatu" (2025) bleibt Bill Skarsgård als Vampirfürst meist im Dunkeln.

Einen Schwerpunkt legt er dabei – wenig überraschend – auf die große Vampirliteratur des 19. Jahrhunderts: Bram Stokers berühmten „Dracula“ (1897), Le Fanus „Carmilla“ (1871) und natürlich auch John Polidoris Lord Ruthven aus dem Schauerroman „The Vampyre“ (1819), der den Blutsauger zum ersten Mal als Aristokraten vorstellt.

Bei Ruthven seien schon sämtliche Motive versammelt, die den modernen Vampir ausmachten, sagt Hüttel: ein sadistisches, abgrundtief böses Wesen, das sich hinter einer Maske der Kultiviertheit verbirgt.

Zivilisationskritik am Beispiel des Blutsaugers

Klassenfragen interessieren ihn in dem Zusammenhang übrigens wenig, obwohl das eines der Vampirklischees schlechthin ist: Der Zombie steht für das entfesselte Proletariat, der Vampir verkörpert den elitären Ausbeuter.

Tanz der Vampire
Kurz vor der Biss: Ferdy Mayne als Graf von Krolock in Polanskis Filmkomödie "Tanz der Vampire" (1967)

Bei Polidori dominiere aber ein anderer Aspekt im Vordergrund, meint Hüttel: Der Vampir sei bei ihm kein Geächteter, kein von der Gesellschaft Verstoßener, sondern ihr so hochgeschätztes wie parkettsicheres Mitglied.

Die Geschichte sei also auch als Zivilisationskritik zu lesen. Ruthven bleibe „das Produkt westeuropäischer Kultur, hinter deren Firnis etwas zutiefst Bösartiges […] lauere.“ Die Dialektik der Aufklärung lässt mal wieder grüßen.

Hüttel folgt nicht jeder Spur

Unterhaltsam sind Hüttels Essays auf jeden Fall. Dazu kommt ein charmantes Understatement. Hüttel erzählt ohne große Geste, versteht sich offenbar eher als Sammler und weniger als Thesenmatador.

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Eine Bahnreise durch den Westen Transsilvaniens. Auf den Spuren des berühmten Graf Dracula, mit gemütlichen Schnellzügen, Museumsbahnen und einer Eisenbahnwerkstätte.

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Schade ist nur, dass vieles lediglich angedeutet bleibt. Viel Zeit verwendet Hüttel zum Beispiel darauf, zu erklären, wieso Stoker seinen Grafen nach Siebenbürgen verpflanzt und nicht in die Walachai – wie das historische Vorbild. Geschenkt.

Wie sich die Herkunft von Dracula allerdings lesen lässt, der bei Stoker – anders als bei Polidori – doch ein Fremder bleibt, der die britische Zivilisation infiltriert, dazu erfährt man bei ihm relativ wenig.

Oscar-Kandidat „Blood & Sinners“: Ein Vampir der Gegenwart

Aber manchmal reicht ja auch eine Andeutung, ein Hinweis, um den Vampir, wo er auftaucht, besser sehen zu lernen. Vor allem in jüngeren Adaptionen des Vampir-Stoffs erkennt Hüttel die Tendenz, Blut als Trägerstoff von Geschichte und Gedächtnis zu verstehen – das Blutsaugen wird so gewissermaßen zum Informations-, oder mehr noch, zum Identitätsdiebstahl.

Das leuchtet sofort ein. Immerhin ist Identität aktuell ein diskursiver Schlüsselbegriff. Und mehr noch: Hüttels These bewährt sich an einem sehr prominenten Beispiel, das in seinen Essays selbst zwar keine Rolle mehr spielt, aber ganz sicher bei der Oscarverleihung im März.

Sinners, Coogler
Ein Monster der Aneignung: Jack O’Connell als irischer Blutsauger Remmick im Südstaatenhorror "Sinners" (2025) von Ryan Coogler.

Der Vampir in Ryan Cooglers Südstaatenhorror „Sinners“ ist nämlich genau so ein Monster der Aneignung. Ein weißer Widergänger, der durch seinen Biss nicht nur seine Opfer versklavt, sondern sich eine ganze Kultur einverleibt.

Nicht nur Blut, auch den Blues will er sich zu eigen machen. „Ich will deine Geschichte und ich will deine Lieder“ flüstert der Blutsauger Remmick im Film dem Blueswunderkind Sammie ins Ohr. Ein Vampir ganz auf der Höhe der Zeit.

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Tobias Stosiek