Ein Sequel zu Frankenstein?
Am Anfang steht für Mary Wollstonecraft Shelley die Frage: Was soll es werden? Eine Geistergeschichte? Ein Schauermärchen? Oder etwa noch viel gruseliger: „Eine Liebesgeschichte?“ Was es in jedem Fall sein wird, sagt sie: das lang erwartete Sequel der Geschichte, die sie berühmt gemacht hat: Frankenstein.
Damit beginnt der Film „The Bride! – Es lebe die Braut“ von Maggie Gyllenhaal ähnlich wie das tatsächlich erste Sequel. Nachdem James Whale Dr. Frankensteins Wesen 1931 filmisch adaptiert hatte, schuf er 1935 „Frankensteins Braut“.
Auch hier überlegt Shelley (gespielt von Elsa Lanchester) mit ihrem Ehemann und Lord Byron, wie es mit dem menschlichsten aller Monster weitergehen könnte. Am Ende tritt Lanchester dann in wenigen dialogfreien Minuten als erschrockene Braut auf.
Irgendwie passte das aber nicht so recht, dass die fiktive Shelley, echte Tochter einer berühmten Feministin, sich solch eine Geschichte ausdenken würde. Nun will Gyllenhaals „The Bride!“ das zurechtrücken.
Das seelisch angeknackste Escortgirl Ida (verkörpert von der großartigen Jessie Buckley) wird von Shelley besessen, ihr Körper von niederträchtigen Männern gebrochen und von einem einsamen, zusammengeflickten Mann namens Frank (Christian Bale) wiederbelebt. Voller Lust und Wut rast sie dann durch die korrumpierte Welt der Dreißigerjahre, um zu sich zu finden.
Alter Stoff in neuen Formen?
„The Bride!“ stellt sich mit dieser weitergedrehten Geister-Schauer-Liebes-Geschichte in eine Reihe von Geister-Schauer-Liebes-Geschichten, die sich zuletzt im Kino finden ließen: 2023 schuf Giorgos Lanthimos mit „Poor Things“ Bella Baxter, eine umstrittene weibliche Frankensteinfigur, die sich ähnlich radikal durch eine schonungslose Steampunkwelt bewegt.
Da gab es zwei Versionen des immer wiederkehrenden Grafen: in Robert Eggers „Nosferatu“ (2024), in der F. W. Murnaus Orlok als Monster unterdrückter Sexualität zurückkehrt, und in Luc Bessons „Dracula: A Love Tale“ (2025), in der der schwer verliebte Dracula sein Glück sucht.
Letztes Jahr verfilmte Guillermo del Toro, Experte des Genres, „Frankenstein“ als recht romangetreue Adaption. Und mit „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ ist aktuell Emerald Fennells eigenwillige Interpretation der verdammten Liebe von Heathcliff und Cathy zu sehen.
Diese Verfilmungen bedienen sich dabei zwar alle im Kern an den Klassikern der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts – neben Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, Bram Stokers „Dracula“ oder eben Emily Brontës „Sturmhöhe“. Sie verweisen dabei aber immer auch auf eine satte Filmgeschichte des Folgejahrhunderts: Denn angloamerikanische Schauerromane dienten besonders früh und häufig als Drehbuchvorlagen.
Eine Braut mit eloquentem Tourette
Frankenstein und sein Monster erwiesen sich dabei als besonders wandelbare Metapher, an der sich über das letzte Jahrhundert der Schöpferkomplex sowie das Leid und die Zartheit des Menschseins erzählen ließen.
Gyllenhaal liegt damit ein reiches Erzählmaterial mit viel erzählerischer Freiheit vor: eine ikonische Figur, die Shelley selbst so nie verfasst hat (im Roman wird die Braut bekanntlich gar nicht zum Leben erweckt). Die männlichen Fantasien rückt sie sogleich ironisch zurecht: „Sie ist zu schön“, sagt Frank, als er Idas Leiche sieht. Das ginge ja nicht – diese Frau neben einem zusammengehefteten Wesen wie ihm, will er sagen. In Whales Version war das natürlich kein Problem.
Nochmal austauschen ist aber keine Option, also gibt es zwar hier eine schöne Braut für Frankenstein – sie wird aber viel zu sagen haben. Mit eloquentem Tourette und ständig aufstoßendem Unterbewusstsein prangert sie an, was alles falsch läuft in dieser für Frauen so brutalen Welt.
Gothic Literatur als Blaupause für die Gegenwart
Diese verschachtelte Frankenstein-Figur funktioniert nicht nur speziell für Gyllenhaals Erzählung. In einer Gegenwart, deren Wahrnehmung für soziale Ungerechtigkeiten geschärft ist, bieten die Motive der Schauerliteratur eine ideale Blaupause, um anhaltende gesellschaftliche Missstände zu erzählen.
Seit der Pandemie werden häufig Parallelen zum 19. Jahrhundert gezogen: massenhaftes Sterben durch unsichtbare Krankheiten; neue Medien, die Verschwörungen und Mythen verbreiten; eine globalisierte Welt, in der Ängste vor dem vermeintlich Fremden geschürt werden; sich verschärfende Klassenverhältnisse; sich rasant entwickelnde Technologien und Wissenschaften – und natürlich das Gefühlte, das, verdrängt von aufklärerischen Idealen, umso beängstigender hervorbricht.
Edgar Allan Poe erzählte besonders eindringlich von diesen Umbrüchen, und dass sich Streaminganbieter zuletzt für Serien wie „Wednesday“, „Der Untergang des Hauses Usher“ oder „True Detective: Night Country“ an seinen Erzählungen bedienten, zeigt, wie variabel seine Geschichten heute noch lesbar sind.
Altbekanntes verkauft sich gut
Dass sich gegenwärtig viele Filme- und Serienmacher der Schauerliteratur annehmen, hat dabei auch pragmatische Gründe. In Zeiten, in denen viele „Intellectual Property“-Stoffe vermarktet werden und der Markt überschwemmt wird von bewegten Bildern, findet bereits Bekanntes leichter Momentum.
Auch können sich jüngere Filmemacher in einen gewissen Kanon einschreiben. Eggers muss sich quasi „Nosferatu“ annehmen, um sich als neo-expressionistischer Horror-Regisseur zu etablieren. Und Fennell kann sich mit der großen Brontë ihren Status Regisseurin mit femininer Handschrift unterbauen.
Dass die Inszenierungen wie „Poor Things“ und „The Bride!“ eine ähnlich dramatisch-gesättigte Ästhetik bedienen, zeigt auch: Gothic Literatur lässt sich mit entsprechenden Kostümen cinematografisch besonders gut für heutige Sehgewohnheiten inszenieren.
Geht etwas verloren?
Da aber, wo sich diese Filme zu sehr der Gegenwart anbiedern, verlieren sie an Essenz: In „Nosferatu“ wird Graf Orlok als Sexmonster verflacht; „Wuthering Heights“ versuchte man als „Dark Romance“ zu vermarkten – und in „The Bride!“ wird sich von der verheißungsvollen Ursprungsidee abgewendet, um eine Amour Fou à la Todd Phillips’ „Joker: Folie à Deux“ zu inszenieren (Lawrence Sher führte auch hier die Kamera).
Damit drohen diese neu gerahmten Stoffe, ahistorisch zu werden: Im ideengesättigten „The Bride!“ verhallt der unterhaltsam-aufrührerische feministische Aufschrei der Braut in den zusammengeschusterten Genres aus Film Noir, Horror und Romanze. Die Dreißigerjahre, in denen er spielt, hätten dabei sicherlich noch einiges an politischen Allusionen für die Gegenwart hergegeben.
„Ich weiß, es ist furchtbar“, resümiert Frank, wie es sich für ein Schauermärchen gehört, „aber es gibt jetzt nichts Weiteres zu tun, als zu leben.“ Wohin die Liebesgeschichte der Monster führen soll, weiß man nicht so genau.
„The Bride! – Es lebe die Braut“ und „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ sind aktuell im Kino zu sehen.