Adam und Eva im Paradies, ein Menschenaffe, Leonardo da Vincis berühmter Darstellung von der Harmonie zwischen Mensch und Kosmos. Irritierend rätselhaft ist der Auftakt dieser Graphic Novel. Moritz Stetter überrascht mit farbenfrohen Bildern.
Dann plötzlich Szenen im schrillen Pink und Rot. Hitler schreit, die Massen marschieren im Gleichschritt. Das scheint nur auf den ersten Blick grotesk, denn wir sind bereits mitten drin in einem Lied von Hildegard Knef: „Es hat alles einen Anfang“.
Fast ausschließlich Knefs eigene Texte
Für seinen Comic hat Moritz Stetter fast ausschließlich mit Originaltexten und Zitaten von Hildegard Knef gearbeitet und sich dabei hauptsächlich auf „Der geschenkte Gaul“, den autobiografischen Roman der Künstlerin, berufen. Eine wichtige Quelle, auch wenn sich Stetter bewusst ist, dass dieser in Sachen Wahrheitsgehalt mit Vorsicht zu genießen ist.
„Es ist wenig Text von mir selbst“, sagt Stetter über seine Graphic Novel. „Ich habe dann versucht, erst einmal mit diesen Texten zu arbeiten, bis ich an dem Punkt war, dass ich diesen Sound und diese Sprache so aufgenommen habe, dass ich selbst einigermaßen glaubhaft in diesem Sprachduktus schreiben konnte.“
Sogar die Handschrift der Knef wurde für eine kleine Passage nachempfunden, in der sie ihrer Mutter in einem Brief über ihre Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft berichtet.
„Ich wollte ihr kein Podest bauen“
Die künstlerische Arbeit bei dieser Graphic Novel liegt einerseits in Auswahl und Collage des Textmaterials, vor allem aber in der Gestaltung. In der Wucht der Bilder, mit denen Moritz Stetter den Werdegang Hildegard Knefs darstellt. Und das hat Klasse.
„Ich wollte ihr jetzt auch kein Podest bauen, das haben schon viele Biograf*innen gemacht“, erklärt Stetter seine Motivation für das Projekt. „Auf der anderen Seite wurde sie auch sehr ungerecht behandelt in der Rezeption in den Jahrzehnten nach ihrem Tod. Auch als Frau wurde sie anders behandelt als das bei Männern stattfand.“
Einblicke wie aus dem Fotoalbum der Knef
Im Nachkriegsfilm „Die Sünderin“ ist Hildegard Knef ein paar Sekunden nackt zu sehen, ganz Deutschland gerät in Aufruhr. „Ich habe gedacht, ich habe das Land zerrissen oder bombardiert“, kommentiert die Schauspielerin später. „Dieses alberne Melodrama wurde zu einem Skandal. Lächerlich.“
Moritz Stetter zeichnet die Vielgescholtene als gigantisches Monster in lila Giftfarben, das über den Protest der Kirchen und wohlfeilen Bürger hinweg die Städte zertrampelt. Auch wenn sich der Künstler um Ausgewogenheit bemüht – seine Sympathie für den Menschen Hildegard Knef wird in seinen Illustrationen sichtbar, die sich extrem verändern und eine unglaubliche Dynamik entwickeln.
Mal blättert man wie in einem Fotoalbum und schaut dem kleinen Hildchen beim Aufwachsen zu. Dann Szenen aus dem Berlin der 1930er-Jahre, die jüdischen Nachbarn verschwinden. Dann eine Interviewszene mit der Knef, die von den Anfängen ihrer Schauspielkarriere erzählt. Und wieder ein Schnitt: die Knef in Großaufnahme über eine ganze Seite gezeichnet.
Moritz Stetter lässt rote Rosen regnen
Von nun an geht’s bergab – diese Liedzeile zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Graphic Novel. Aus dem Dunkel der Nachkriegszeit in Deutschland startet die Knef in ein hellgelbes Hollywood.
Farben und Formate der Bilder wechseln ständig und kommentieren auf subtile Weise das Geschehen, an das Moritz Stetter durch seine eigenwillige Darstellung immer wieder mal ein Fragezeichen setzt. Unglaublich auch, dass man durch die vielen Liedtexte in diesem Comic schon fast meint, die Knef singen zu hören.
Und natürlich lässt Moritz Stetter in seiner Hommage die Rosen regnen: „Ich find die Lieder unfassbar und zeitlos. Ich habe so einen Playlist mit meinen 30 Lieblingsliedern“, sagt der Zeichner und Autor. „Ich finde ihre Musikkarriere fast die Spannendste und die Unsterblichste.“
Hildegard Knef - rote Rosen für "die größte Sängerin ohne Stimme"
"Ich bin begabt", sagte Hildegard Knef schüchtern, als sie sich in den Filmstudios vorstellte. Damit nahm eine große Karriere als Schauspielerin, Chansonsängerin und Autorin ihren Anfang.
Zeitwort 15.10.1946: "Die Mörder sind unter uns" kommt in die Kinos
Zwei Namen, ohne die der deutsche Film der Nachkriegszeit kaum denkbar wäre: Hildegard Knef und Wolfgang Staudte. Zusammen drehten sie in den Trümmern von Berlin den Film „Die Mörder sind unter uns“.
Gespräch Na und - Tim Fischer singt Hildegard Knef
Hildegard Knef ist als Schauspielerin und Sängerin eine Ikone und sie hat das deutsche Chanson über Generationen beeinflusst. Legendär sind ihre Texte – und unvergessen auch ihre starke Persönlichkeit, mit der sie uns über ihren Tod hinaus in starker Erinnerung geblieben ist. Am 28. Dezember wäre sie 100 Jahre alt geworden und schon lange vor ihrem eigentlichen Geburtstag wird sie 2025 ausgiebig geehrt. Auch der großartige Chansonier Tim Fischer verneigt sich tief vor der Sängerin.