Unglaublich, aber wahr – oder umgekehrt?

Fake News, die die Welt verändern: „Historische Fälschungen“ von Emanuela Lucchetti

Unglaublich, aber wahr – oder umgekehrt? Wie wirkungsvoll Propagandalügen und großangelegte Fälschungen in der Geschichte waren, schildert ein schmales Buch nicht nur für junge Leser.

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Von Autor/in Julia Schröder 

Ist jemals in der Weltgeschichte die Menschheit derart schamlos belogen worden? Waren je zuvor Verschwörungsbehauptungen so erfolgreich wie in diesen Tagen? Haben Staatenlenker früherer Zeiten ebenso wirkungsvoll Fake News verbreitet wie die Trickbetrüger im Kreml und im Weißen Haus? 
Aber sicher.  

Wie ein roter Faden durchziehen Fälschungen die Geschichte. In jeder Epoche haben die Gesellschaften sich der jeweils zeitgenössischen Mittel und Technologien bedient, um Desinformation zu erzeugen. Und dies zu vielfältigen und einander komplementären Zwecken – propagandistischen, politischen, militärischen ökonomischen –, um eine alternative und zugleich plausible Realität herzustellen.

„Historische Fälschungen“ heißt Emanuela Lucchettis schmales Traktat, das nirgends den Anspruch einer umfassenden Darstellung erhebt. Der jungen italienischen Historikerin und Journalistin, Jahrgang 1993, geht es um ein Wirkungsmuster. 

„In jeder Epoche hat die menschliche Gesellschaft Fake News erzeugt und in Umlauf gebracht, deren Effizienz erst dann offenbar wird, wenn – und unter der Bedingung, dass – sie aufgedeckt werden.“  

Dieses Muster macht Lucchetti anschaulich anhand von „vier Fällen, die die Welt verändert haben“.  

Hat der Kaiser der Kirche wirklich sein halbes Reich geschenkt? 

Der älteste dieser Fälle ist die vorgebliche Konstantinische Schenkung: Der Vatikan behauptete jahrhundertelang, der römische Kaiser Konstantin I. habe im Jahr 315 zum Dank für eine Wunderheilung durch Papst Silvester I. große Teile des Reichs der Kirche vermacht.

Beglaubigen sollte dies eine Urkunde, von der päpstlichen Staatskanzlei im achten Jahrhundert angefertigt und auf das vierte Jahrhundert zurückdatiert. Erst durch die Humanisten der Renaissance wurde sie als Fälschung entlarvt.  

Lucchetti benennt die historischen Parallelen wie die Unterschiede. Das Mittelalter, erklärt sie mit Umberto Eco, habe Wahrheit nicht so sehr an der Richtigkeit von Fakten festgemacht, sondern vor allem an der Glaubwürdigkeit der Botschaft: 

Das, was wir heute als Manipulation verstehen, war damals eine gängige Praxis, um das Vertrauen in eine anerkannte Ordnung zu stärken. Heute dagegen wird dieselbe Praxis – mittlerweile hochentwickelt, aber immer noch auf uralten Impulsen basierend – eher dazu verwendet, Misstrauen und Unordnung herzustellen. 

Die große jüdische Weltverschwörung 

Besonders wirkmächtig waren im zwanzigsten Jahrhundert die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, angeblich Dokumente einer jüdischen Weltverschwörung.

Entstanden 1903 im Auftrag der russischen Geheimpolizei, kombinierten sie alte antijüdische Stereotype mit dem neuen Narrativ einer Gruppe jüdischer Strippenzieher und ihrer Strategie zur Erringung der Weltherrschaft.  

Die Autorin schildert, wie das Machwerk, ursprünglich ein Katalysator für die Pogrome des bröckelnden Zarenreichs, auch im Westen verbreitet und zum Manifest des weltweiten Antisemitismus wurde.

Obwohl bereits seit 1921 als Fälschung entlarvt, wirkt sein Gift immer weiter. Die Verschwörungslüge munitionierte nicht nur die deutschen Nazis, sondern wird auch von arabischen Nationalisten und muslimischen Fundamentalisten munter gegen Israel angeführt. 

Wie man Völker dazu bringt, in den Krieg zu ziehen 

In abwechslungsreicher Darstellung, die ganz ohne akademischen Jargon auskommt und sich erkennbar an eine junge Leserschaft richtet, behandelt Lucchetti auch zwei weitere propagandistische Fälschungen aus der jüngsten Geschichte, die ihren Ursprung in den USA haben.

Der frei erfundene Tonkin-Zwischenfall von 1964 diente der Begründung des Vietnamkriegs, und die Geschichte angeblicher Massenvernichtungswaffen im Irak von 2003 rechtfertigte den Angriff auf das Regime von Saddam Hussein.

Solche Dinge haben Folgen. Denn, wie Hannah Arendt sinngemäß schrieb: ein Gemeinwesen, das so lange belogen wird, bis es nicht mehr unterscheiden kann zwischen Wahrheit und Lüge, verliert jegliche Stabilität. 

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