Jessica Anthonys gehaltvoller Roman

„Es geht mir gut“ und andere Lügen

Von einer Ehe im Amerika der 1950er Jahre erzählt Jessica Anthony. Diese Ehe wurde weder aus Liebe, noch aus Vernunft geschlossen. In „Es geht mir gut“ bilanzieren die Ehepartner, was aus ihrem Entschluss geworden ist.

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Von Autor/in Beate Tröger

Alfred Hitchcock wandte in seinen Filmen regelmäßig den Trick an, Zuschauer mit einem Informationsvorsprung auszustatten, was unter dem Stichwort „Suspense“ zu einem Markenzeichen seiner Regie wurde. Er ließ sie schon von der Bombe in der Aktentasche wissen, während seine Figur noch glaubt, in der Aktentasche seien lediglich Papiere.

Einen vergleichbaren Kniff kennt man aus Fernsehshows: Zwei Menschen, die am gleichen Ereignis beteiligt waren, werden vor laufender Kamera getrennt voneinander befragt. Dabei kommt es oft zu Überraschungen beim Zuschauen. Man weiß dadurch mehr über das Ereignis und die Menschen, als beide Beteiligte für sich genommen, deren Wahrnehmung und Erinnerung sich oft voneinander unterscheiden.

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„Suspense“ als dramaturgischer Kniff

Mit ähnlichen Mitteln arbeitet die Autorin Jessica Anthony in „Es geht mir gut“. Sie nutzt die Möglichkeit, durch unterschiedliche Kenntnisstände ihrer Romanpersonage und der Leser Spannung zu erzeugen.

In ihrem vierten Roman lässt sie zwei Eheleute wechselseitig vom Zustand ihrer Ehe und von der Vergangenheit erzählen, so dass man lesend schon bald mehr über die Ehe weiß, als die Beteiligten selbst.

„Es geht mir gut“ beginnt im Jahr 1957, kurz nachdem die russische Raumfahrt am 3. November 1957 mit der Sputnik 2 die Hündin Laika ins All geschickt hat. Es scheint ein fast normaler Sonntag zu sein. Für die Familie Beckett, Virgil und seine Frau Kathleen und die beiden Söhne Nathaniel und Nicolas, die in einer Wohnanlage mit Pool lebt, beginnt der Tag mit einem Gottesdienstbesuch der männlichen Familienmitglieder. Kathleen, der an diesem ungewöhnlich warmen Novembertag furchtbar heiß ist, tut etwas anderes:

Wir haben hier einen Pool, und niemand geht rein. Als wir hierhergezogen sind, haben wir über den Pool geredet. Er ist da, und die Jungs nutzen ihn nicht. Deshalb dachte ich, dass ich mal baden gehe!

Der erste Hunde-Kosmonaut Laika
Die Hündin Laika schoss das sowjetische Raumfahrtprogramm bei der Mission Sputnik 2 am 3. November 1957 ins Weltall. Laika war damit das erste Lebewesen im All. Die Hündin starb einige Stunden nach Raketenstart.

Der Pool als Katalysator

Kathleen wird diesen Pool den ganzen Tag lang nicht mehr verlassen. Das Eintauchen und Verharren im Pool, wird zum Katalysator, der die Artikulation von Verdrängtem in Gang setzt. Es hat sich in der neun Jahre andauernden Ehe zwischen Kathleen und Virgil zu einer regelrechten Halde aufgetürmt. Vieles haben die beiden voreinander verheimlicht, etwa, dass Nathaniel, der erste Sohn von Kathleen, nicht von Virgil gezeugt wurde, sondern von Kathleens Tennislehrer.

Kathleen hatte im Geist lange Verhandlungen mitsamt Richtern und Geschworenen über das geführt, was sie getan hatte, was richtig und was falsch daran gewesen war, und stets war sie zu dem Schluss gekommen, dass Nathaniel nur sie etwas anging.

Große und kleine Lügen

Wer was in dieser Ehe mit sich ausgemacht hat, wie viele kleine, vor allem aber große Lügen und Selbstbetrug damit einhergingen, enthüllt Anthonys Roman nach und nach und mit wechselndem Fokus von Kathleen und Virgil. Der steht seiner Frau Kathleen in Sachen Betrug und Selbstbetrug in nichts nach. Je weiter sich die Handlung entfaltet, umso deutlicher wird: Hier haben sich zwei zusammengetan, deren Temperamente und Neigungen extrem weit voneinander entfernt sind.

Während Kathleen, die in ihrer Jugend eine Karriere als Profitennisspielerin angestrebt hat, ehrgeizig und zielstrebig ist, hat Virgil sich die meiste Zeit treiben, seine Träume Träume sein lassen., Besonders den Traum, einmal so Saxophon zu spielen wie Charlie Parker, den er nach einem Konzert angesprochen hat:

Virgil konnte nicht glauben, dass zwei Stunden vergangen waren, als die Musik verstummte und der Ansager wieder auf die Bühne trat. Er ging zum Mikrofon und fragte Charlie Parker, wie er es geschafft hatte, so gut zu sein. „Nicht du spielst das Saxophon, das Saxophon spielt dich“, sagte Charlie Parker, und in diesem Moment beschloss Virgil, dass er sobald er aus Europa zurückgekehrt wäre – falls er zurückkehrte – aufs College gehen und Saxophonspielen lernen würde. Das hieße Nägel mit Köpfen machen.

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Geplatzte Träume

Die Fähigkeit, Nägel mit Köpfen zu machen geht Virgil restlos ab. Er gleitet durch seinen Beruf als Versicherungsvertreter, das Golfspiel mit seinen Kollegen, bei dem es nie ums Gewinnen geht, und durch seine Affäre mit der Kellnerin Little Mo. Als diese ihm ein Saxophon schickt, um ihn an seine Jugendträume zu erinnern, hat er, wie Kathleen, das Problem, dass sich nicht länger verbergen lässt, was er lange unter Verschluss gehalten hat.

Virgil ließ die Verschlüsse des Kastens zuschnappen und trug ihn zum Bluebird. Er öffnete den Kofferraum. Übers Wochenende würde er das Saxophon dort lassen, überlegte er, oder bis er wusste, was er damit anstellen sollte.

„Nicht wissen, wie man es anstellen soll“: Das wäre eine alternative Überschrift dieses gehaltvollen Romans, der das bröckelnde Fundament einer Ehe und des Traums von der glücklichen Kleinfamilie offen legt und mit immer neuen überraschenden Wendungen aufwartet. Jessica Anthony legt dabei die Enttäuschungen und Eskapaden von Kathleen und Virgil offen, ohne ihre Figuren bloß zustellen.

„Wie könnte ein gutes Eheleben aussehen, das auf Wahrheit gründet?“

Ein weitgehender Verzicht auf Psychologisierungen, die konsequenten Wechsel des Erzählfokus und das beiläufige, aber genau inszenierte Erwähnen des Raumflugs der Sputnik 2 sorgen dafür, dass die Lebensgeschichten der Hauptfiguren zugleich singulär und paradigmatisch für die Lebensumstände im Amerika der späten Fünfzigerjahre lesbar werden. Kathleens buchstäbliches Aufweichen drängt zu der Frage: „Wie könnte ein gutes Eheleben aussehen, das auf Wahrheit gründet?“

Genau, aber nicht allwissend erzählt Anthony. Lesend wird man aufgefordert, sich diese Frage zu stellen, und sich auf blinde Flecken und den Ausgang dieser Geschichte selbst einen Reim zu machen.

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Beate Tröger