Ein Sanatorium. Drei Frauen. Ein Ort außerhalb der Zeit und mitten in der Gegenwart. In ihrem Debüt „Frauen im Sanatorium“ entwirft Anna Prizkau einen klugen Roman über das fragile Gleichgewicht zwischen Lebensmüdigkeit und Lebenshunger.
Im SWR Kultur lesenswert Magazin spricht die Autorin über ihre Figuren und ihre Liebe zur deutschen Sprache.
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Ein Ort mit literarischer Geschichte
Das Sanatorium als Schauplatz hat Tradition in der Literatur. Ein Topos, bespielt – natürlich – von Thomas Mann im „Zauberberg“. Der habe Prizkau aber nicht beeinflusst, mehr habe sie sich mit Sylvia Plath „Die Glasglocke“ und M. Blechers „Vernarbte Herzen“ beschäftigt.
Gereizt hat Anna Prizkau an diesem Sujet: die Abgeschiedenheit. Prizkau beschreibt das Sanatorium als „geschlossenen Kosmos“, frei von digitalen Störungen, durchgetaktet allein vom Handywecker, der zu Gruppensitzungen oder Mahlzeiten ruft.
Für die Autorin ein idealer Ort, um Geschichten zu erzählen: „Weil wenn ich aus Berlin oder aus Hamburg oder aus irgendeiner Großstadt eine Geschichte erzählen muss, dann haben wir alle Einflüsse von den Restaurants, den Museen, der Zeitung, alles, was auf einen einspielt. Das gibt es in einem Sanatorium nicht.“
Drei Frauen, viele Leben
Im Zentrum des Romans stehen drei Frauen: die Erzählerin Anna, Elif und Marija. Jede bringt ihre eigene Biografie mit ihren eigenen Verletzungen. Prizkau beschreibt sie nicht als Patientinnen mit Diagnose, sondern als Menschen mit Geschichten: Die Biografien der Frauen sind voller Verletzungen, geprägt von migrantischen Lebenserfahrungen und von Widersprüchen.
Elif zum Beispiel hinterlässt Anna ein Büchlein im Sanatorium, in dem sie die Geschichten der Mitbewohnerinnen festhält. Im Laufe der Erzählung wird klar: Verlässlich sind diese Stimmen nicht. Prizkau sagt, wir seien eben alle unzuverlässige Erzähler:
Wir sind Menschen, wir sind dazu geboren, um zu lügen.
Sprache als Haltung
„Frauen im Sanatorium“ kein Roman der Diagnosen. Prizkau nutzt keinen „Therapiesprech“. Stattdessen findet sie eine rhythmische Sprache.
„Ich liebe die deutsche Sprache über alles“, sagt Prizkau. „Ich will ihr nichts antun.“ Ihre Liebe zur Sprache, gelernt erst mit acht Jahren, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie jedes Wort setzt.
Anna Prizkau wurde 1986 in Moskau geboren, zog mit ihrer Familie nach Hannover und schrieb als Journalistin für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Jüngst auch über den Krieg gegen die Ukraine. 2020 erschien ihr Erzählband „Fast ein neues Leben“ in der Friedenauer Presse.
Von der Journalistin zur Autorin
Einen Ausschnitt aus „Frauen im Sanatorium“ hat Anna Prizkau 2021 auf Einladung von Philipp Tingler beim Ingeborg-Bachmann-Preis gelesen.
Dass sie einst, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in eine deutsche Schule kam, hat sie geprägt: „Ich musste über das Beobachten lernen.“ Dieser Blick prägt bis heute ihr Schreiben, vermutet sie im SWR Kultur lesenswert Magazin. Ob als Journalistin oder Romanautorin, beobachten, hören, erzählen: Das ist für sie der Kern des Menschlichen.
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