„Die Welt geht unter, aber mich nichts an“

Kabarettist Florian Scheuba: „Ulrich Siegmund erinnert mich an H. C. Strache“

Der österreichische Kabarettist Florian Scheuba hat ein Buch zur politischen Stimmung geschrieben. Im Gespräch erklärt er, was man der Rhetorik von Rechten entgegen setzen kann – und was vor Zynismus schützt.

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„Im Abendland herrscht Abendstimmung. Langsam geht im Westen die Sonne unter.“ Mit diesen Sätzen beginnt das neue Buch des österreichischen Kabarettisten, Podcasters und Kolumnisten Florian Scheuba: „Die Welt geht unter, aber mich nichts an. Satire als Notwehr“, erschienen im Hanser Verlag.

Die Sätze von der Abendstimmung und der untergehenden Sonne beschreiben keine Sonnenuntergangsromantik, sondern eine Notlage: eine Welt, in der alles den Bach runterzugehen scheint – die Umwelt, das Klima, das gesellschaftliche Miteinander, die Demokratie oder die Wahrheit.

SWR Kultur: Herr Scheuba, wie groß ist denn die Notlage im Abendland?

Florian Scheuba: In der politischen Situation in Österreich könnte man das Bild so beschreiben: Wenn die Sonne der politischen Kultur tief steht, werfen auch am Horizont wartende Zwerge lange Schatten.

SWR Kultur: Wartende Zwerge in Form von Rechtspopulisten. Eine Notlage des Abendlands zu besingen ist zumindest in Teilen auch eine Strategie des Rechtspopulismus.

Scheuba: Absolut, wobei ich persönlich ja den Begriff Sadopopulismus bevorzuge. Der stammt vom amerikanischen Historiker Timothy Snyder und beschreibt, finde ich, das Phänomen zutreffender. Der klassische Populismus verspricht das Blaue vom Himmel, während der Sadopopulismus die Bestrafung von Sündenböcken in Aussicht stellt. Um es mit einem Beispiel zu beschreiben: Der klassische Populismus hat gefordert „Freibier für alle“, der Sadopopulismus fordert „kein Bier für die anderen“.

SWR Kultur: Sie wollen den ausufernden Untergangstendenzen mit dem Bau von „Humordämmen“ begegnen. Was ist das und wie funktioniert der?

Scheuba: Es ist tatsächlich eine Form der Notwehr. Ich beschreibe den Bach, den alles hinuntergeht. Da sollte man eigentlich schauen, wo überall Abwässer in diesen Bach eingeleitet werden, die das Ganze noch beschleunigen. Humor kann in meinem Bild Dämme bauen, weil er zumindest die Fließgeschwindigkeit ein bisschen einbremsen kann.

SWR Kultur: Humor ist aber kein exklusives Mittel, um solche Untergangstendenzen zu bekämpfen. Beispielsweise tritt der AfD-Politiker Ulrich Siegmund gern gut gelaunt auf und macht Witze, dass der Bundeskanzler Friedrich Merz eigentlich ein AfD-Wahlkampfhelfer sei. Wie lässt sich mit Gute-Laune-Rechtspopulisten umgehen?

Scheuba: Ich glaube, man muss einmal unterscheiden zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Die Versuche, komisch zu sein, können mitunter auch unfreiwillige Komik hervorbringen. Der spezielle Humor der AfD hat sich mir ehrlich gesagt noch nicht ganz vermittelt, aber Herr Siegmund erinnert mich tatsächlich an ein österreichisches Phänomen, nämlich [den ehemaligen Vizekanzler] H. C. Strache. Der war auch eine sehr volksnahe Erscheinung und versuchte, Witze zu machen – das war nicht wirklich gelungen.

Florian Scheuba
Florian Scheuba picture alliance / MAX SLOVENCIK / APA / picturedesk.com | MAX SLOVENCIK

SWR Kultur: Österreich war Deutschland in Sachen rechtspopulistische Wahlerfolge in den vergangenen Jahren ein gutes Stück voraus. Jetzt schließt Deutschland offenbar so langsam auf. Wie können Kabarett oder Journalismus auf solche Entwicklungen reagieren?

Scheuba: Differenzieren und versuchen, gut zu recherchieren. Wir erleben derartig viel Desinformation in diesen Tagen. Und da trifft es eigentlich für alle Journalisten und auch für Satiriker, die sich mit diesen Themen beschäftigen: differenzieren und sagen, was stimmt und was nicht. Darauf sollten wir beharren.

SWR Kultur: Das Vorwort zu Ihrem Buch hat der Autor Daniel Kehlmann geschrieben. Der sagt über Sie, Sie seien ein investigativer Kabarettist. So etwas haben wir ja auch hier, Jan Böhmermann. Seine Sendung „ZDF Magazin Royale“ wird nun eingestellt. Werden Kabarett und politisch investigativer Journalismus in ihrer Wirkmacht manchmal dann doch auch überschätzt?

Scheuba: Ich glaube, die Wirkmacht liegt vor allem darin, dass sie Menschen zeigt, dass sie nicht alleine sind. In Amerika konnten die Stand-up-Comedians auch nicht Donald Trump verhindern. Aber es ist, glaube ich, sehr wichtig für Amerikanerinnen und Amerikaner, zu sehen: Okay, sie sind nicht allein in ihrer Verzweiflung. Es gibt Gott sei Dank noch Menschen, denen auffällt, was da abgeht.

SWR Kultur: Haben Sie einen Tipp, wie man sich seinen eigenen privaten Humordamm bauen kann?

Scheuba: Die größte Freude, die man den Lügnern machen kann, ist zu sagen: Es lügen doch alle. Das stimmt eben nicht. Den Lügnern geht es ja gar nicht darum, dass ihre Lügen wirklich geglaubt werden, sondern dass gar nichts mehr geglaubt wird. Einfach immer wieder aufs Neue hinterfragen: Stimmt es, stimmt es nicht? Was ist da wirklich dahinter? Das erhöht auch die Lebensfreude.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Martin Gramlich
Martin Gramlich, SWR Kultur Moderator
Interview mit
Florian Scheuba
Onlinefassung
Caroline O. Jebens