Fallen Sie nicht auf den Titel herein. Von überschäumender Leidenschaft, verzehrendem Schmerz, übersprudelnden Glückshormonen ist in „L‘Amour“ nichts zu finden. „Die Liebe“, der neue Roman des französischen Autors François Bégaudeau, ließe sich als simpel und still bezeichnen.
Es ist ein geradezu unspektakulärer Text, in dem nur ganz am Anfang so etwas wie Sehnsucht oder aussichtsloses Begehren aufscheint. Als die junge Hotelangestellte Jeanne ihrer Mutter bei deren Putzjob in einer Sporthalle zur Hand geht, begegnet sie Pietro – zwei Meter hoch, halblanges schwarzes Haar, der junge Schwarm der örtlichen Basketballmannschaft.
Man sieht nur ihn. Irgendwann hüpft der Ball zu ihr, sie schrubbt gerade den Boden und sendet ihn mit einer ungelenken Bewegung zurück. Er hebt die große raue Kugel mit einer Hand auf, sie bräuchte drei dafür. Sie denkt, das ist nicht ihr Kaliber. Sie wagt nicht mal, davon zu träumen.
Modellflugzeuge, Flipper und Bier
Jacques hingegen ist eher ihr Kaliber: Er ist der Sohn des Maurers Moreau, baut in seiner Freizeit Modellflugzeuge, flippert und trinkt Bier mit Freunden. Nicht gerade ein Hauptgewinn. Jeanne und Jacques lernen sich bei einem Bingoabend kennen.
Sie umkreisen sich ein wenig, führen hilflose Gespräche, fahren mit Jacques‘ Moped durch die Gegend, sehen sich hin und wieder. Und dann schlittern sie in eine Beziehung, die recht unromantisch in einem der Zimmer des Hotels beginnt, in dem Jeanne arbeitet.
Bist du wenigstens nicht mehr Jungfrau?‘
‚Nein, das nun nicht.‘
Als sie nackt sind, fragt sie ihn, ob er alles dabei hat. Er sagt, er passt auf. Sie sagt, mach bloß keinen Mist.
Ein Miteinander ohne große Sensationen
Es sind die frühen 70er Jahre. Im Fernsehen laufen Samstagabendshows, im Radio Chansons, Johnny Halliday hängt als Poster überm Bett, Präsident Georges Pompidou stirbt. Und Jeanne und Jacques heiraten.
Da ist mehr als die Hälfte des schmalen Romans vorbei; die zweite Hälfte erzählt vom gewöhnlichen Lauf der Dinge: von einem Miteinander ohne große Sensationen, noch nicht einmal kleinen. Das erste Kind kommt.
Sie gehen zuweilen ins Kino, sehen etwa „Jenseits von Afrika“, worin es um eine aufwühlende Liebe geht – um einen ganz anderen Gefühlskontinent, den sie beide noch nie betreten haben. Sie teilen sich das Leben ein, in kleine Häppchen, und die Mikroveränderungen des Alltags werden prosaisch registriert.
Die Telefone haben jetzt Tasten, die Wasserflaschen sind aus Plastik, die Taschentücher aus Papier, die Schädel der Männer sind kahl, die Nähmaschinen auf und davon, die Tapeten an der Wand aus der Mode, die Baguettes Tradition, die Zugwaggons für Nichtraucher, die kurzen Fußballhosen lang, und Jeanne und Jacques bleiben am liebsten zu Hause.
50 Jahre im Zeitraffer
Es ist die nüchterne Beschreibung einer kleinbürgerlichen Ehe, in der es keine alarmierenden Ausschläge nach oben oder unten gibt. Von den frühen 70ern an begleitet François Bégaudeau seine unscheinbaren Helden, sie werden gemeinsam alt, und sie lieben einander auf sachliche Weise.
Die Erzählhaltung und Sprache – in ihrer Zurückgenommenheit und fast schon aufreizenden Einfachheit kongenial übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel – ist mehr als unaufgeregt, fast schon kühl. Das Ganze hat enthnografischen Charme.
Ein bisschen muss man an Chantal Akermans Filmklassiker „Jeanne Dielman“ denken – so analytisch distanziert wird dieses Leben aufgefächert. Aber anders als bei Akerman werden hier nicht drei Tage im Leben einer Frau in Zeitlupe gezeigt, sondern 50 Jahre im Zeitraffer.
Ist das radikal oder banal? Schwer zu entscheiden. Man weiß nicht so recht, ob Bégaudeau seine Figuren und deren Innenleben unterschätzt und bagatellisiert. Oder ob hier etwas Anrührendes gezeigt wird: die durchschnittliche Verlaufskurve einer Liebe, wie sie vermutlich üblicher ist als das Tohuwabohu im Herz-Schmerz-Kino.
Das literarische Verfahren der Verknappung und Verdichtung beherrscht Bégaudeau auf jeden Fall – vielleicht wird es Jeanne und Jacques und den allermeisten Menschen sogar gerecht.
Aber so ganz eben doch nicht: Ein bisschen mehr Tiefe, einen Hauch von Zweifel und Bedauern oder auch Glück hätte er seinen Helden doch gönnen dürfen.