Es tut gut, Graham Swifts Erzählungen zu lesen. Einfach weil sie mit ihrer Textur schmetterlingshafter Zartheit auf eine Gegenwart treffen, in der Wut, Lügen und Maulheldentum dabei sind, die Oberhand zu gewinnen. Eine der Stories handelt sogar genau davon: „Crystal Palace“.
In den Siebzigern verheddert sich ein Bahnangestellter aus London immer mehr in seinen Zorn gegen alles und jeden. Haupt-Leidtragender ist sein 11-jähriger Sohn Dickie, denn der Vater benutzt ihn als Abladeplatz für seine Wutreden.
Obwohl ich noch klein war, verstand ich, dass er sich, trotz der starken Meinungen, die er vertrat, in wilde Verwicklungen verstrickte. Er fing an und konnte nicht aufhören. Er widersprach sich selbst. Ich sah, wie die Dämonen ihn packten, und wollte mich dazwischenwerfen, aber ich wusste nicht wie.
Die Nöte der Figuren
Fast alle zwölf im Band „Nach dem Krieg“ versammelten Erzählungen Swifts spielen in der Zeit rund um den zweiten Weltkrieg, aber die Nöte der Figuren haben nicht immer mit dem Krieg zu tun. Manch einer scheint sein Leben sowieso wie einen Krieg zu führen.
Zum Beispiel der Bergmann in der Story mit dem Titel „Schwarz“. Kommt er nach seiner Schicht nach Hause, verprügelt er seine Frau regelmäßig. Tochter Nora, gerade 18, tut eines Tages etwas Geniales, um die Herrschaft des Vaters zu brechen. Auf der Fahrt von ihrer Arbeit nach Hause setzt sie sich im Bus neben einen schwarzen Soldaten aus Alabama – ein Skandal im ländlichen England im Jahr 1944.
Nach dieser nur 20 Minuten dauernden Heldentat ist zuhause alles anders. Das Vergehen Noras hat sich herumgesprochen und war so groß, dass der Vater die Hand nicht mehr gegen seine Frau erheben konnte. Denn wenn er seine Frau dafür schlug, dass sie sein Badewasser zu kalt einließ, was müsste er dann mit seiner Tochter tun?
Persönliche Empfehlung aus der Bestenliste-Jury Christoph Schröder empfiehlt Graham Swift: Nach dem Krieg. Zwölf Erzählungen
Mitglied der SWR Bestenliste-Jury Christoph Schröder empfiehlt Graham Swift: Nach dem Krieg. Zwölf Erzählungen
Eine Vollbremsung im Prozess der gesellschaftlichen Aufladung
Swift zu lesen ist wie eine Vollbremsung hinzulegen, mitten im Prozess der gesellschaftlichen Aufladung. Sein Ton ist versöhnlich. Seine Gangart beim Schreiben: langsam. Er scheint sich gemächlich ins Leben seiner Figuren vorzutasten.
Durch die Fassade der Gewissheit hindurch ins Innere vorzutasten, wo allenthalben Unsicherheit, Schuld und Scham herrschen. Bei Hans Büchner etwa, einem Amtsleiter im Rathaus von Hannover. Er hasst sich für solche Gefühle – Scham und Schuld. Es will sie nicht haben.
Aber an einem Tag im Jahr 1956 kommen sie mit Joseph Benjamin Caan durch die Tür seines Amtszimmers. Der 19-Jährige jüdische Gefreite der britischen Armee wurde Büchner avisiert. Caan legt ihm eine Liste von vermissten Familienangehörigen vor und bittet um Aufschluss über ihr Verbleiben.
Aus den Papieren geht hervor, dass Vater Benjamin Caan in Tobruk, Libyen durch die Kugel eines deutschen Soldaten fiel. Hans Büchner war in Tobruk. In ihm brechen jetzt Schuldgefühle auf. Er gesteht sogar – fast – indem er sagt:
Dann sollte ich Ihnen erzählen, dass auch ich in Nordafrika im Einsatz war. Auf der anderen, der Gegenseite, versteht sich.
Medizin für den Krieg in der Seele
Als Caan nichts entgegnet, sondern nur seinen, wie Büchner findet, „stechenden Blick“ in ihn bohrt, erklärt er schließlich umständlich, nicht zuständig zu sein.
Die Story heißt „Das Nächstbeste“ und eröffnet den Reigen mit Kurzgeschichten unter dem Titel „Nach dem Krieg“. In dieser nur 28 Seiten langen, aus der Perspektive Hans Büchners geschilderten Geschichte, hat Swift dessen Schillern zwischen Scham und Aggression minutiös eingefangen. Die Figur wirkt wahrhaftig, sie erregt unser Mitgefühl und provoziert die Frage: Wie hätten wir reagiert an Büchners Stelle?
Es tut gut, diese Geschichten von Swift zu lesen. Sie wirken wie eine Medizin, die den Krieg in der Seele besänftigen kann. Sage keiner, Literatur könne nichts verändern.