„Ich wurde ein konservativer Revolutionär. Das muss man sich leisten können.“ – Mit diesem selbstreflexiven Satz lässt Heinrich Breloer Thomas Mann im neuen Buch „Ein tadelloses Glück“ auf die bewegten Jahre seiner Jugend zurückblicken. Mit seinem Roman „Die Buddenbrooks“ (1901) hat der Autor zwar schon von sich reden gemacht. Gesichert ist seine Existenz als Junggeselle aber noch nicht.
Der Dokumentarfilmer und Autor Heinrich Mann, der mit seiner Fernsehtrilogie „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ bereits Geschichte geschrieben hat, konzentriert sich in seinem „Sachroman“ diesmal auf die Jahre vor dem großen Ruhm: Kindheit in Lübeck, Jugend in München, erste Veröffentlichungen – und die Begegnung mit Katia Pringsheim, seiner späteren Frau.
Breloer füllt eine biografische Leerstelle von Thomas Mann
„Jetzt wird diese Lücke im Lebensroman der Familie Mann geschlossen“, erklärt Breloer in einem Interview zum Roman. In „Die Manns“ begann die filmische Erzählung erst 1919. Doch schon davor gab es entscheidende Momente in Manns Leben: der frühe Tod des Vaters, der soziale Abstieg der Familie und die allmähliche Selbstverortung als Schriftsteller.
Durch die Verdichtung zahlreicher Quellen gelingt es Breloer im Roman, ein anschauliches wie eindrückliches Bild eines suchenden jungen Mannes zu zeichnen. Manns Ringen mit der eigenen Homosexualität, sein bürgerlicher Ehrgeiz und der Wunsch nach einer familiären Bindung werden durch lebhafte Dialoge und Innenansichten des Jahrhundertautors erfahrbar gemacht.
Glücksfall Katia Pringsheim – Wie man eine Millionärstochter für sich gewinnt
Breloer erzählt nicht nur Manns Aufstieg, sondern vor allen Dingen vom Kennenlernen und Werben um Katia Pringsheims. Die Münchner Millionärstochter ist nicht nur selbstbewusst, klug und für Mann von besonderer Schönheit:
Wie oft hatte er sich diesen Augenblick ausgemalt! Ein erstes Wiedersehen seit Monaten. Noch einmal das perlblasse Gesichtchen, ihre dunklen, redenden Augen, schwarz wie Teer. Dazu ihre Stimme – tiefer, als man denken könnte, und so rau. Und all das nun für immer. Wieder einmal war das Glück auf seiner Seite gewesen.
Sie ist auch durch ihre Stellung in der Gesellschaft eine nahezu perfekte Partie für den Romancier. Zwar war ihr Vater Alfred Pringsheim, Mathematikprofessor und Kunstmäzen, nicht allzu begeistert von der Verlobung seiner einzigen Tochter. Die Mutter, Hedwig Pringsheim, ehemalige Schauspielerin und bestens vernetzt mit der Münchner Bohème, dafür umso mehr.
Katia war es, die Thomas Manns Selbstzweifel auffing, die sein Schreiben absicherte – emotional und ökonomisch. Breloer spricht von einem „märchenhaften Glücksfall“: „Nun hatte er sich einen abgesicherten Arbeitsplatz in seinem Gehäuse und eine geachtete Position in der bürgerlichen Gesellschaft errungen.“
Hans Zischler verleiht der Figur eine leise Ironie
Gelesen wird das Hörbuch von Schauspieler und Publizist Hanns Zischler. Mit viel Gespür für die Zwischentöne und den Facettenreichtum von Manns Innenleben interpretiert der herausragende Sprecher Breloers Roman. Ohne zu dramatisieren, gibt Zischler dem inneren Monolog etwas Zögerndes, Abwägendes – genau wie man es sich vom frühen Thomas Mann vorstellen mag.
Seine Stimme legt sich leicht distanziert über die Erinnerungen, changiert zwischen Selbstbehauptung und Unsicherheit. Gerade das macht die Lesung so reizvoll: Sie lässt Raum für Breloers doppelten Boden.
Hörspiele, Sachbücher, Diskussion 150 Jahre Thomas Mann: Das Beste aus Leben und Werk in SWR Kultur
Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann am 6. Juni präsentiert SWR Kultur Hörspiele, historische Reden im O-Ton, neue Biografien und die Reihe „Thomas Mann und die Musik“.
Das Ringen mit der eigenen Homosexualität
Katia Pringsheim wird im Roman nicht zur Statistin degradiert, sondern erscheint als kluge, eigenständige Figur, die früh die Bedingungen ihrer Ehe zu erkennen scheint: Nähe, aber auch Arrangement. Bühne und Rückzugsort zugleich.
Er konnte sich seiner Braut nicht vollständig offenbaren, ihr nicht zeigen, wer er hinter der Maske des Bürgers sonst noch war.
Wie sehr Mann seine homosexuellen Neigungen zu verstecken suchte, sich in ein bürgerliches Korsett zwang, das zeigt Breloer eindrücklich in seinem Text. Nie lebte der Autor seine Begierden offen aus, vertraute sich aber seinem Tagebuch an und goss sie in Literatur. Etwa in „Der Tod in Venedig“, oder in der Figur des Leo Naphta („Der Zauberberg“), die laut Breloer „eine Art intellektuelles Alter Ego“ für das verdrängte Begehren darstellt.
„Wir lasen Krafft-Ebing …“
Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der Thomas und sein Freund Otto heimlich in der pathologischen Fallstudie von Richard von Krafft-Ebing lesen – einem der ersten Werke zur Homosexualität, damals „konträres Sexualempfinden“ genannt. Zischler liest den Abschnitt mit behutsamer Spannung:
„Otto, hier verliebt sich ein Junge mit 14 Jahren in einen Mitschüler. Küsse werden ausgetauscht … Ich rannte zu ihm und legte mit Wollustgefühl meine Genitalien zu den seinen …“
„Tut mir leid“, sagt Thomas, „ich kann es nicht laut vorlesen.“
Das Verstummen spricht Bände. Breloer deutet diese Szene als Beleg dafür, wie tief die Angst vor Entdeckung saß – und wie sehr sich Thomas Mann in seiner Jugend als „abnorm“ empfand. Das Glück mit Katia, so seine These, sei auch ein Versuch gewesen, Ordnung zu stiften – gegen das Chaos im Inneren.
Ein „Prequel“ zur großen Geschichte der Manns
Breloer nennt das Buch ein „Prequel“. Und tatsächlich funktioniert „Ein tadelloses Glück“ als Vorgeschichte zu „Die Manns“: Wer das familiäre Drama der Exiljahre kennt, entdeckt hier die Keimzellen.
Wer Thomas Manns Werk schätzt, bekommt interessante Einsichten darüber, wie sehr Lebensentscheidungen – das Verharren, das Tarnen, das Bekenntnis – sein Schreiben beeinflussten. Und wer das Hörbuch hört, erlebt dank Zischlers Stimme eine Annäherung, die persönlich wirkt, ohne biografisch anzubiedern.