Bedeutung Rosenbergers für Porsche lange verschwiegen
Die Biografie des Bonner Zeithistorikers Joachim Scholtyseck wurde von Porsche und Vertretern der Nachfahren Adolf Rosenbergers in Auftrag gegeben. Die Bedeutung Rosenbergers hatte in der Firmengeschichte jahrzehntelang keinen Platz. Mit der exzellenten und gut lesbaren Biographie erfährt er nun eine angemessene Würdigung.
Scholtyseck recherchiert die vergessene Geschichte Rosenbergers in zahlreichen Archiven und konnte dabei auch auf den Privatnachlass des Pforzheimers zurückgreifen, der vor dem Zugriff der Nazis 1938 in die USA emigrierte.
Adolf Rosenberger war einer der bekanntesten Rennfahrer Deutschlands in den 1920er Jahren. Und er hat das Konstruktionsbüro Porsche mitgegründet, das den Grundstein für eine der berühmtesten Automarken weltweit legen sollte: Die Bedeutung des jüdischen Teilhabers für das Unternehmen fand lange Zeit kaum nennenswerte Beachtung.
Rennfahrerkarriere in den 1920er-Jahren
Das Buch ist bei aller wissenschaftlichen Sorgfalt und Genauigkeit sehr eingängig, sehr anschaulich geschrieben und besticht durch den Abdruck faszinierender Fotos, Dokumente, Briefe, Rechnungen, Konstruktionszeichnungen und vieles mehr.
Das macht es leicht, der Lebensgeschichte des jüdischen Porsche-Mitgründers Adolf Rosenberger zu folgen. Eine Geschichte, die mit einer rasanten Rennfahrerkarriere in den 1920er Jahren beginnt.
Es sind herrliche Fotos, die die Rennfahrer-Legende Rosenbergers dokumentieren: Alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen seinen lorbeergekränzten Mercedes vor dem Freiburger Martinstor.
Man sieht Rosenberger im Kreis seiner Rennfahrerkollegen fröhlich beim Biertrinken oder kurz vorm Start mit ernster, angespannter Miene hinterm Steuer.
Und schließlich ein Foto von einem Hauseingang in der Stuttgarter Kronenstraße. Im ersten und zweiten Obergeschoss ist die Porsche GmbH untergebracht. Der Gesellschaftervertrag vom März 1931 weist Ferdinand Porsche, seinen Schwiegersohn Anton Piëch und Adolf Rosenberger als „Erste Geschäftsführer“ aus.
Rosenberger hilft Porsche in kritischer Phase
Das Startup gerät allerdings schon bald in eine finanzielle Schieflage. Ein neues Unternehmen mitten in weltwirtschaftlich schwierigen Zeiten auf den Weg zu bringen, ist eine Herausforderung, die viele Talente erforderlich macht.
Ferdinand Porsche, den Autor Joachim Scholtyseck als eigenbrötlerisches Ingenieurgenie beschreibt, ist offensichtlich kein Mann fürs Klinkenputzen.
An dieser Stelle kommt Adolf Rosenberger ins Spiel, dem es nicht nur gelingt, immer wieder das Gehalt für die Mitarbeiter des Konstruktionsbüros locker zu machen. Der ehemalige Rennfahrer ist bestens vernetzt, kann mit Angestellten ebenso sicher umgehen wie mit den Chefs der Vorstandsetagen.
Er bewegt sich „parkettsicher“ auf „Gesellschaftsabenden oder auf Jagdausflügen“, um mit möglichen Auftraggebern Projekte zu erörtern“, schreibt der Autor und kommt zu der Einschätzung:
„In dieser schwierigen Zeit – da ist Adolf Rosenberger jemand gewesen, der gerade mit seinen Netzwerken und seinen Kenntnissen des Autobaus, der Autowelt ganz wesentlich dazu beigetragen hat, dass diese Firma Porsche industriell aufs Gleis gesetzt worden ist.“
Rosenberger zum 75-jährigen Firmenjubiläum nicht erwähnt
Trotzdem: Zum 75-jährigen Jubiläum des Konstruktionsbüros 2006 wird Adolf Rosenberger nicht einmal erwähnt. Eine umfangreiche Studie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta zur Geschichte des Autoherstellers, 2017 erschienen, verschweigt Rosenberger nicht, legt aber andere Schwerpunkte.
Anfang 1933 ist Porsche mit 80.000 Reichsmark verschuldet. Im Stuttgarter Konstruktionsbüro kommt es immer öfter zu unschönen Auseinandersetzungen, sodass Rosenberger als Geschäftsführer „aus Gesundheitsrücksichten“ – wie es offiziell heißt – ausscheidet. Und zwar ausgerechnet am 30. Januar 1933, an dem Tag, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird.
Dennoch: Es gebe keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Aufstieg der Nationalsozialisten und der Entscheidung Rosenbergers, meint Joachim Scholtyseck. Auch wenn die deutlich spürbare Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung eine zunehmende Atmosphäre der Bedrohung geschaffen habe. Eine Entwicklung, die auch der Jude Adolf Rosenberger mit Sorge beobachtet.
1933 wird der unschöne Streit um die Geschäftsführung zum Anlass für Rosenbergers Rückzug aus der Geschäftsleitung. Dass er 1935 dann aber seine Anteile am Porsche-Unternehmen zum Nominalpreis von 3000 Reichsmark an die Firma zurückverkauft, hat einen anderen Hintergrund.
1935 von der Gestapo in das KZ Kislau deportiert
Der Verkauf der Geschäftsanteile unter dem eigentlichen Verkehrswert wird nach dem Krieg zum zentralen Punkt eines unglaublich erniedrigenden, unwürdigen Wiedergutmachungsverfahrens. Rosenberger fühlt sich betrogen, doch die politische Entwicklung ist gegen ihn.
Als er Anfang September 1935 aus der Schweiz nach Pforzheim kommt, um seinen todkranken Onkel zu besuchen, wird er von der Gestapo verhaftet und in das KZ Kislau nördlich von Bruchsal gebracht. Für Rosenberger ein riesiger Schock und eine Zäsur, die sein Leben dramatisch verändert.
Kampf um Wiedergutmachung wird „Enttäuschungsgeschichte“
1938 emigriert der ehemalige Rennfahrer in die USA nach Kalifornien. Aus Adolf Rosenberger wird Alan Roberts, der nach dem Krieg wieder den Kontakt in die alte Heimat sucht, der um Wiedergutmachung kämpft, vor allem aber auf Einsehen und Anerkennung der Porsche-Familie hofft. Vergeblich.
„Eine Enttäuschungsgeschichte“ lautet denn auch der Untertitel von Joachim Scholtysecks Biografie, der zugleich konstatiert, dass sich der Blick auf den früheren Mitgründer in den letzten 10 Jahren verändert habe und Rosenberger inzwischen als Teil der Porsche-Geschichte anerkannt werde.
Ein Verdienst auch der medialen Berichterstattung, nicht zuletzt im SWR, die Joachim Scholtyseck in einer ausführlichen Rezeptionsgeschichte beschreibt. Das lange Ringen um Sichtbarkeit Adolf Rosenbergers findet mit dieser exzellenten, sehr ausgewogenen Biografie einen vorläufigen Höhepunkt.