Besonderes Augenmerk auf der Kindheit und Jugend Lagerfelds
Er gibt sich rätselhaft, unnahbar, die dunkle Sonnenbrille hält neugierige Blicke auf Distanz. Karl Lagerfelds Selbstinszenierung ist perfekt, bis auf die letzte weiße Haarsträhne. Doch welcher Mann steckt eigentlich hinter der glamourösen Fassade? Eine Frage, die den Comic-Künstler Simon Schwartz umgetrieben hat. Und so wirft seine Graphic Novel ein besonderes Augenmerk auf Kindheit und Jugend des legendären Modedesigners.
1934 findet sich das Hamburger Großstadtkind plötzlich auf dem Land in Bad Bramstedt auf dem elterlichen Gut Bissenmoor wieder. Eine bedrückende Erfahrung, wie Simon Schwartz bei seiner Bildrecherche vor Ort herausgefunden hat.
In der Provinz-Schule als queeres Kind gequält
„Ein für mich sehr zentraler Ort war das Schulgebäude, wo er ja als relativ offen queeres Kind in der Nachkriegszeit in der Provinz von seinen Mitschülern und Lehrer gequält wurde“, erzählt Simon Schwartz. Der Comic-Künstler ist dann tief in Archive gestiegen und fand Bildmaterial aus der Hamburger Schulbehörde aus den frühen 50er-Jahren, das die Klassenräume sehr gut dokumentiert hätte, so Schwartz weiter.
Vor allem habe die Schulbehörde moniert, dass Schülerinnen und Schüler ihre Notdurft in Kübeln hinter dem Schulgebäude entsorgen mussten: „Das schafft noch einmal ein ganz anderes Bild, woher dieser Mann eigentlich kam.“
Das Geburtsjahr 1933 wird kurzerhand aus der Vita getilgt
Und aus welcher Zeit. Mit seinem Geburtsjahr 1933 hadert Lagerfeld sein Leben lang. Das Jahr, in dem die Nazis die Macht an sich reißen, tilgt er kurzerhand aus seiner Vita. Er macht sich fünf Jahre jünger, um keinesfalls mit irgendwelchen Kriegs- und Nazigeschichten in Verbindung gebracht zu werden.
Denn gerade in Paris, wo Lagerfeld seine Karriere als Modemacher startet, werden die Deutschen in den 1950er-Jahren noch immer argwöhnisch betrachtet. Simon Schwartz findet ausdrucksstarke, klare, reduzierte Bilder, um die komplexen Zusammenhänge dieser frühen Jahre zu erzählen.
Die Traumatisierung in der Kindheit als prägende Zeit in Lagerfelds Leben
Der Vater ist ein überzeugter Nazi und erfolgreicher Glücksklee-Kondensmilch-Produzent, die Mutter, eine gelangweilte Industriellen-Gattin, der körperliche Nähe zuwider ist. Dazwischen der kleine Karl, der für Friedrich den Großen und alles Preußische schwärmt. Inhaltlich hat sich der Comic-Künstler an der Lagerfeld Biografie seines Co-Autors Alfons Kaiser orientiert.
„Das ist meine erste Graphic Novel, die ich nicht auch komplett selbst geschrieben habe, sondern die auf einem anderen Buch fußt“, sagt Schwartz.
Alfons Kaiser habe ihm seinen Text gegeben und den Comic-Künstler damit machen lassen, was er wollte: „Ich habe den Text zerschnitten, zerlegt, collagiert, völlig neu arrangiert, eigene Textpassagen hinzugefügt und, ich glaube, auch andere Schwerpunkte gesetzt. Für mich war diese Kindheit und diese Traumatisierung in der Kindheit sehr wichtig, weil sie, glaube ich, dazu führte, dass Lagerfeld später diese unverletzbare Kunstfigur kreiert hat.“
Klassisch linear erzählte Comic-Biografie
Die Comic-Biografie von Karl Lagerfeld wird ganz klassisch, ganz linear erzählt und konzentriert sich auf die großen Etappen im Leben des Stardesigners: auf den Durchbruch in der Modewelt, die Zusammenarbeit mit so berühmten Häuser wie Chanel und Chloé, die schicksalshafte Begegnung mit Yves Saint Laurent.
Simon Schwartz‘ Zeichnungen scheinen mit dem illustren Lebenswandel Lagerfelds und seiner zunehmenden Selbstinszenierung zu wachsen, werden raumgreifender, bunter, spiegeln das Lebensgefühl der verschiedenen Jahrzehnte perfekt wider.
Eine gelungene Graphic Novel garniert mit einigen pfiffigen Ideen. So taucht Lagerfeld immer wieder als ironisch launiger Kommentator seiner eigenen Inszenierungen auf. Mit großem Ernst hat sich Simon Schwartz dem Phänomen Lagerfeld genähert und macht bei allem Glamour auch die Tragik dieses Lebens sichtbar.
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