Kommentar

Literaturnobelpreis 2025: Frank Hertweck über Laszlo Krasznahorkai

Der ungarische Schriftsteller Laszlo Krasznahorkai erhält den Literaturnobelpreis. SWR-Literaturkritiker Frank Hertweck erklärt, warum seine düsteren Romane so faszinieren.

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Von Autor/in Frank Hertweck

Nachdem ich einmal mehr meinen Phantomschmerz überwunden habe, dass Salman Rushdie den Literaturnobelpreis nicht bekommen hat und er sich so langsam mit einem Platz auf der Bank der ewig Unberücksichtigten zufrieden geben muss, die lange Philipp Roth drückte, überwiegt doch die Freude über den diesjährigen Preisträger, den ungarischen Schriftsteller Laszlo Krasznahorkai.

Er ist ein Autor mit dem absoluten Gehör für sprachliche Nuancen, für feinste Differenzierungen, weil seine Sätze einen Sog entwickeln, dem man sich nicht entziehen kann, da ja, wie er sagt, "auch unser Denken ein endloser stürmischer Prozess ist", und nicht zuletzt weil die Düsternis seiner apokalyptischen Weltdiagnosen gebrochen wird vom bissigen Humor des Autors.

Seine Ahnherren heißen nicht umsonst Kafka, Dostojewski, Gogol, und er ist ihr Meisterschüler.  

„Eine geniale Wahl" Der Literaturnobelpreis 2025 geht an László Krasznahorkai

Der Literaturnobelpreis 2025 geht nach Ungarn: An den Schriftsteller László Krasznahorkai „für sein eindringliches und visionäres Werk".

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Ein Meister der langen Sätze und apokalyptischen Weltbilder

Wer einmal wissen will, wie man die Unpünktlichkeit der Eisenbahn auf literarisch höchstem Niveau beschreibt, der lese die erste Seite von "Melancholie des Widerstands", der Roman, mit dem er 1993 den "Preis der SWF-Bestenliste" erhalten hat.

Mit diesem Roman wurde er in Deutschland bekannt. Und sein Titel sagt schon viel. Krasznahorkais Helden sind Melancholiker, keine Aktivisten, sie sind Sand im Getriebe des Systems, ohne dass sie es darauf anlegen würden.

„Krieg und Krieg“ bis „Baron Wenckheims Rückkehr“

In "Krieg und Krieg" ist es ein ungarischer Provinzarchivar, der sich zum Sterben auf eine Reise begibt, nach New York, nach Kreta, nach Köln, Venedig und Rom. Sein Sterben affiziert diese Städte, am ende geht es um den Niedergang des Westens. Mit "Baron Wenckheims Rückkehr" ändert sich der Ton in Krasznahorkais Werk, er selbst nennt das Buch seinen "ersten humorvollen Roman".

Da kehrt ein verarmter Adliger aus Buenos Aires zurück in seinen ungarischen Geburtsort und wird zum Hoffnungsträger der Bevölkerung, jetzt, ja, jetzt soll alles besser werden – eine literarische Studie über Sehnsüchte und zerplatzte Träume, politisch gewendet über Populismus.

„Herscht 07769“ – die Provinz als Schauplatz der Apokalypse

Krasznahorkai hat lange in Berlin gelebt und besitzt sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber trotzdem war man überrascht, dass sein letzter Roman in Thüringen spielt, "Herscht 07769". Da schreibt einer an Angela Merkel und hofft, dass sie sich auch um die Probleme der Provinz kümmert, aber sie antwortet nicht.

Wieder ist es ein eher naiver Held, wie so oft bei diesem Autor, aber da gibt es den Dorfnazi, der ihn mit rechtem Gedankengut füttert, und da ist sein Hang zur Apokalypse. Aber er ist ein begeisterter Hörer von Johann Sebastian Bach. Bedrohlich tauchen Wölfe am Stadtrand auf. Aber vielleicht kommt die eigentliche Bedrohung aus unserer Seele.

Warum Krasznahorkai heute aktueller ist denn je

Krasznahorkai ist nicht nur ein eminent literarischer Autor, seine Werke umkreisen die destruktiven Fliehkräfte der Gesellschaft, ihre Ressentiments, die wachsende Paranoia. Das macht ihn im besonderen Maße aktuell.

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Frank Hertweck