Laure Murats Proust-Essay

Prinzessin liest Proust

Laure Murats Essay erkundet die eigene Familie mithilfe von Proust, und Proust mithilfe der eigenen Familie. Die persönliche Selbstvergewisserung einer Frau, die mit ihrer Herkunft bricht.

Teilen

Stand

Von Autor/in Wolfgang Schneider

Neben der immer weiter anschwellenden Sekundärliteratur über Marcel Proust gibt es mittlerweile ein erfolgreiches Genre, in dem die Verfasser bekunden, wie und warum Proust ihr Leben verändert habe. Das überzeugt nicht immer.

Bei Laure Murat aber leuchtet der Dreh von der Lektüre ins Leben ein. Schon deshalb, weil umgekehrt einiges vom Leben ihrer eigenen Familie in den Roman eingegangen ist. Etwa der Salon ihrer Urgroßmutter, den Proust als feinsten von Paris rühmte, nachdem er es endlich auf die Einladungsliste geschafft hatte.  

Die Literaturwissenschaftlerin Laure Murat ist – genau genommen – eine Prinzessin, die mütterlicherseits dem uralten Hochadel und väterlicherseits dem napoleonischen Amtsadel entstammt. Einer ihrer Vorfahren war der legendäre Joachim Murat, den Napoleon als König von Neapel inthronisierte.  

Romanfiguren als Verwandte 

Während sich die Aristokratie anfangs über Prousts indiskrete Darstellung ärgerte, fühlte sie sich mit dem wachsenden Ruhm des Autors geschmeichelt, verkannte ihn aber nun als Snob, der sich voller Bewunderung in ihre Welt eingeschlichen habe, um eine Hommage zu verfassen.  

In meinen Jugendjahren hörte ich ständig Geschichten über die Gestalten der ‚Recherche‘, ich war überzeugt, dass es sich um Onkel oder Kusinen handelte, denen ich noch nicht begegnet war. Die Menschen, die mich umgaben, waren Prousts Gestalten.

Murat zeigt jedoch, wie sich Proust im Lauf seines Lebens und Schreibens von dem aristokratischen Milieu distanzierte, das er anfangs für den Urquell des Geistreichen, Feinsinnigen und Stilvollen gehalten hatte.

Je mehr er die mondäne Elite aber kennenlernte, desto mehr wurde er auch zum sozialen Analytiker, der hinter den vollendeten Formen und komplexen Codes die Leere entdeckte. Die Oberflächlichkeit der Konversation, die mangelnde Bildung, die menschliche Kälte, das Vulgäre. 

Murat zitiert jene Szene des Romans, in der das Ehepaar Guermantes den Freund Swann, der ihnen offenbart, dass er bald sterben müsse, mit ein paar herzlosen Floskeln abspeist, um es rechtzeitig zur Abendeinladung zu schaffen. Tief betroffen zeigt sich der Herzog nur darüber, dass seine Frau die falschen Schuhe anhat.   

Formen, Codes und Fehltritte 

Die Proust-Lektüre verschaffte Murat Einsichten in die Defizite ihrer Gesellschaftsklasse. Haltung ist alles, jede Gefühlsregung wird zur Stilübung. Der einzige Zweck der raffinierten Formen bestehe darin, die anderen von der Legitimität der eigenen Macht und Stellung zu überzeugen.  

Es ist eine Welt, in der alles auf Codes und Details beruht, die man mit Absicht kompliziert hat, um den Profanen zum nahezu unvermeidlichen Fehltritt zu verleiten.

Proust Roman läuft auf eine Entmystifizierung der Aristokratie hinaus. Der eifrige Snobismus ist der Katalysator dieses Erkenntnisprozesses, indem er erst die Fallhöhe schafft. 

Der Snobismus wäre damit für die mondäne Welt das, was die Eifersucht für die Liebe ist: eine Maschine, die Fieberträume produziert, das Äquivalent zur Laterna magica der Kindheit, dieser Fabrik der Projektionen und der Träume. 

Proust und die Homosexualität 

Murats Bruch mit ihrer Herkunftswelt wurde unausweichlich, als sie ihre Homosexualität offenbarte, was ihre Mutter, eine Historikerin, ihr nie verzieh. Auch in dieser Hinsicht bot Proust Stärkung, denn er thematisiert die Homosexualität wie kein Autor zuvor.

Sie unterminiert in der „Recherche“ die Klassengrenzen, schafft Verbindungen zwischen Fürsten und Kleinbürgern, Herzögen und Lakaien. Allerdings sind im Roman alle lesbischen und schwulen Figuren ständig damit beschäftigt, ihr sexuelle Identität vor der Öffentlichkeit zu verbergen und sich zu verstellen. Das aber wollte Murat nicht mehr. 

Laure Murat hat die eigene Familie mit Proust und Proust mithilfe der eigenen Familiengeschichte besser verstanden. Dass sie uns an diesen Erkenntnisprozessen teilhaben lässt, ist ein Gewinn für erfahrene Proust-Leser ebenso wie für solche, die es erst werden wollen.  

Buchkritik Chloé Cruchaudet – Céleste. Es wird Zeit, Monsieur Proust

In ihrer Graphic Novel „Celeste“ nähert sich Chloé Cruchaudet dem Schriftsteller Marcel Proust über seine Haushälterin Céleste Albaret in nuancenreichen Aquarellbildern.
Rezension von Silke Merten

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Neuer Roman des irischen Comedians Graham Nortons „Eine wie Frankie": Die alte Dame und ihr Pfleger

Der irische Comedian Graham Norton hat erneut einen Roman geschrieben: „Eine wie Frankie” überzeugt in den Beschreibungen einer Kindheit, rutscht aber allzu oft ins Triviale ab.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Michael Butters „Die Alarmierten“ Must-Read für Anhänger und Kritiker von Verschwörungstheorien

Verschwörungen und Verschwörungstheorien gibt es, seit es Politik gibt. Michael Butter zeigt in seinem Buch „Die Alarmierten“, warum ein differenzierter Blick auf ihre Geschichte und Gegenwart heute besonders wichtig ist.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Spannend wie ein Thriller Das Unrecht des Stärkeren: „Ich traf meinen Mörder“ von Can Dündar

Journalist Can Dündar wird nach einem Artikel über illegale Waffenlieferungen in der Türkei zum Staatsfeind Nummer eins. Jahre später trifft er seinen potenziellen Attentäter.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Wolfgang Schneider