Michael Butters „Die Alarmierten“

Must-Read für Anhänger und Kritiker von Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien gibt es, seit es Politik gibt. Michael Butter zeigt in seinem Buch „Die Alarmierten“, warum ein differenzierter Blick auf ihre Geschichte und Gegenwart heute besonders wichtig ist.

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Von Autor/in Leander Scholz

Im Vorfeld des amerikanischen Bürgerkriegs machte eine Verschwörungstheorie die Runde, ohne die es vermutlich nicht zur Abschaffung der Sklaverei gekommen wäre. Demnach hatten sich die mächtigen Sklavenhalter gegen das amerikanische Volk zusammengetan, um eine Aristokratie nach europäischem Vorbild zu errichten.  

Es war nicht das Mitgefühl mit den Sklaven, sondern die Angst vor der Macht der Sklavenhalter, die den Vereinigten Staaten den Weg in eine moderne Demokratie ebnete. Obwohl es keine Verschwörung gab, führten die Warnungen davor zum Wahlsieg der Republikaner. Darauf folgte der Sezessionskrieg und schließlich das Ende der Sklaverei. 

Die Effekte von Verschwörungstheorien 

Für den ausgewiesenen Experten Michael Butter belegt dieses Beispiel, dass die Effekte von Verschwörungstheorien keineswegs so eindeutig sind, wie häufig angenommen wird. In seinem Buch „Die Alarmierten“ geht er der Frage nach, unter welchen Umständen sich Verschwörungstheorien ausbreiten und was ihre gegenwärtige Konjunktur bedeutet: 

Über Jahrhunderte hinweg waren Verschwörungstheorien eine akzeptierte Wissensform. Erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durchliefen Verschwörungstheorien einen Prozess der Stigmatisierung. Sie wanderten aus der Mitte der Gesellschaft an deren Ränder und wurden zu Gegenerzählungen.

Verschwörungstheorien als Symptome 

Während Verschwörungstheorien in früheren Zeiten ein gängiges Erklärungsmuster gewesen seien, zeigt Butter, wie ihre Verdrängung mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung der alltäglichen Erfahrung einherging. Seitdem würden sich Verschwörungstheorien explizit als Alternative zu wissenschaftlichen Weltdeutungen begreifen. 

Dennoch plädiert Butter dafür, Verschwörungstheorien nicht einfach als irrational abzutun oder als prinzipiell gefährlich einzustufen. Vielmehr sollten sie als Symptome für tieferliegende Probleme verstanden werden. Denn oft artikulierten sich auch in den abwegigsten Behauptungen noch wichtige Gefühlslagen, die es verdienten, ernstgenommen zu werden: 

Der Diskurs über Verschwörungstheorien kann daher als eine Arbeit am Symptom verstanden werden. Er wird aber in Deutschland von einer besonders ausgeprägten Sorge um die Demokratie befeuert. Doch indem er Verschwörungstheorien pauschal als Bedrohung derselben begreift, gerät aus dem Blick, was viel eher geeignet und nötig wäre, um die Demokratie zu stärken. 

Die Projektion der Ängste 

Zu den „Alarmierten“ zählen für Butter daher nicht nur die Anhänger von Verschwörungstheorien, die überall geheime Komplotte der Eliten gegen das ohnmächtige Volk wittern. Auch ihre lautstarken Kritiker würden sich ähnlich verhalten, wenn sie in den Verschwörungstheorien nichts anderes als bloß undemokratische Umtriebe erblicken könnten. 

In beiden Fällen würden die Diskurse der „Alarmierten“ in erster Linie die eigene Identität stärken. Wer sich gegen Verschwörungstheorien engagiere, erachte sich selbst meist als liberal und demokratisch. Die Anhänger von Verschwörungstheorien stellten dann die rückständigen „Anderen“ dar, auf die man die eigenen Ängste projizieren könne: 

Die übertriebene Furcht vor Verschwörungstheorien ist genauso ein Symptom für Ängste, wie es der konspirationistische Diskurs selbst ist. Diese Ängste speisen sich aus einer aufrichtigen und meines Erachtens berechtigten Sorge um den Zustand und die Zukunft der liberalen Demokratie.

Michael Butter ist es gelungen, ein differenziertes Buch über die Geschichte und Gegenwart von Verschwörungstheorien zu schreiben und zugleich ein prägnantes Bild unserer fragilen und von Ängsten beherrschten Gesellschaft zu zeichnen. Es ist ein Muss sowohl für Anhänger als auch für Kritiker von Verschwörungstheorien, aber auch für alle anderen. 

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