Autorinnen und Autoren aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz: Ihre Lesungen, Gespräche und poetischen Betrachtungen sind Thema im SWR Kultur Lesezeichen.
Literatur Wiederholungstäter - Der Autor Andreas J. Schulte und seine Eifelkrimis
Es ist bereits der 34. Roman, den Autor Andreas J. Schulte geschrieben hat - Schreibblockaden kennt er nicht. Diesmal steht wieder sein Ermittler Paul David im Mittelpunkt, ein ehemaliger Militärpolizist, der nach einer Verletzung im Dienst nun einen Campingplatz betreibt und nebenbei eine Detektei. Unterstützung erhält er von seiner Lebensgefährtin Linda Becking. In „Eifelschatten“ bekommen sie es mit einem historischen Fall zu tun, dessen Auswirkungen auch in der Gegenwart noch spürbar sind.
Literatur Spiel mit der Ohnmacht – „Die Farbe des Schattens“ von Susanne Tägder
Auch der zweite Fall mit Hauptkommissar Arno Groth führt wieder mitten in deutsch-deutsche Befindlichkeiten nach dem Fall der Mauer. Ein 11jähriger Junge verschwindet spurlos aus einer Plattenbausiedlung in einer mecklenburgischen Kleinstadt. Die Suche bleibt erfolglos. Grandios wie Susanne Tägder vor dem Hintergrund einer erstarrten Winterlandschaft die festgefahrene Situation, Ohnmacht und Verzweiflung beschreibt. Ein Spiel mit doppeltem Boden.
Spezialisiert auf grönländische Literatur Der Inuit Verlag aus der Eifel
„Inuit“ ist Grönländisch und bedeutet „Mensch“. Die Grönländerin Laali Lyberth hat den Inuit-Verlag 2024 gegründet, unter dem Dach des Dauner Verlags Kraterleuchten. In diesem Herbst hat sich ihr erstes Buch verlegt und auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert: „Sila“, ein Kinderbuch der grönländischen Autorin Lana Hansen. Erzählt wird die Geschichte von einem grönländischen Jungen, der sich in einen Raben verwandeln kann und der den schwierigen Auftrag bekommt, die vom Menschen bedrohte Natur zu retten. Hier treffen sich grönländische Mythen, spannende Abenteuer und Probleme der modernen Gesellschaft. Weitere Titel sollen folgen – Laali Lyberth möchte die grönländische Literatur dem deutschen Publikum bekannt machen.
Literatur Grandiose Entdeckung: „Ungeheuer am Nordpol“ von Charles Derennes
In einer Zeit des technischen Aufbruchs und der letzten kolonialen Eroberungen schreibt der französische Autor Charles Derennes einen ungewöhnlichen Abenteuerroman, der von den Geschichten Jules Vernes und H.G. Wells inspiriert ist. Die 1907 erschienene Geschichte hat der kleine Heidelberger Flur Verlag entdeckt und fast 120 Jahre nach seiner Veröffentlichung erstmals ins Deutsche übersetzen lassen. „Ungeheuer am Nordpol“ ist eine geschickt konstruierte, spannende Abenteuergeschichte, die mit Fakten und Fantasie spielt und zugleich sehr moderne ethisch-philosophische Überlegungen anstellt.
Literatur Zurück in die Kindheit - Hanns-Josef Ortheil und sein Roman „Schwebebahnen“
Das tägliche Schreiben und Notieren ist für Hanns-Josef Ortheil wahrscheinlich wie Atmen, Essen oder Schlafen. Seit Kindheitstagen schreibt er Erlebnisse auf. Davon konnte er schon oft auch für sein literarisches Schaffen zehren. So auch im Roman „Schwebebahnen“, in dem er von seiner Grundschulzeit in Wuppertal erzählt. Gleichzeitig entwirft er dabei ein Bild von Deutschland in den 1950er Jahren, von dieser Zeit des Neuanfangs. Es sei gewesen, als habe er sich in die Kindheit zurück geträumt, erzählt der Autor. Das merkt man dem Text an: Eine leichte, feinfühlige Erzählung aus der Perspektive des Jungen, der seine ganz eigene Sicht auf die Welt hat.
„Für immer seh ich Dich wieder Yannic Han Biao Federers schmerzlich schöne Erzählung über den Tod seines Sohnes
Ein junges Paar verliert seinen Sohn kurz vor dem Entbindungstermin. Der aus Breisach stammende Autor Yannic Han Biao Federer hat dieses Katastrophenerlebnis auf ebenso dramatische wie berührende Weise in seiner Erzählung „Für immer seh ich Dich wieder“ festgehalten.
Literatur „Ich will Wirklichkeit“ – Briefe der jungen Anna Seghers
Jean Radvanyi, der Enkel der Schriftstellerin Anna Seghers und ihr Nachlassverwalter, staunte nicht schlecht, als er in einer Schachtel bislang unbekannte Briefe seiner Großmutter entdeckte. Briefe, die sie an ihren späteren Ehemann Laszlo Radványi zwischen 1921 und 1925 geschrieben hatte.
Diese Briefe sind nun im Aufbau Verlag erschienen und geben einen Einblick in das Leben der angehenden Autorin, die zu der Zeit noch ihren Geburtsnamen Netty Reiling trug.
Sie erzählen von ihren Studienjahren, der Familie und natürlich von ihrer Beziehung zu dem Mann, der ein Leben lang treu an ihrer Seite stehen sollte. Anna Seghers wurde 1900 als Kind jüdischer Eltern in Mainz geboren und floh 1941 nach Mexiko. Noch heute gilt sie als wichtige Stimme der deutschen Exilliteratur. Ihr Roman „Das siebte Kreuz“ brachte ihr internationale Bekanntheit ein und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück, lebte schließlich in der damaligen DDR und war dort bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes.
Comic „Zeitzeichnen“ – eine bemerkenswerte Comic-Ausstellung in Konstanz
Der amerikanische Comic-Künstler Art Spiegelman hat mit seiner Graphic Novel „Maus“ als einer der ersten gezeigt, dass man auch komplexe Geschichten wie den Holocaust mit Bildern erzählen kann. Nach anfänglicher Skepsis ist der besondere Beitrag, den Comics zur Erinnerungsarbeit leisten, heute unumstritten. Die Konstanzer Ausstellung, die der Kurator Jakob Hoffmann zusammengestellt hat, zeigt an vier ausgewählten Beispielen, wie ästhetisch unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler Zeitgeschichte beleuchten.
Literatur „Winklers letzter Feldzug“ von Björn Hayer
Darf man Gewalt anwenden, um noch mehr Gewalt zu verhindern? Lässt sich Gutes mit Hilfe von Bösem erreichen? Konkretes Beispiel: Ist ein Anschlag auf eine Schlachterei legitim, um Tierquälerei zu beenden? Mit dieser ethischen Grundfrage befasst sich Björn Hayer in seinem Roman „Winklers letzter Feldzug“. Er erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der sich als Tierschützer immer mehr radikalisiert, und dabei Recht und Unrecht immer weniger auseinanderhalten kann. Björn Hayer, neuer Leiter des Künstlerhauses Edenkoben, hat sich während seines Philosophiestudiums intensiv mit dem Thema Tierethik beschäftigt. Sein Roman ist nicht nur ein Plädoyer für die Rechte von Tieren, sondern auch eine spannend erzählte Geschichte mit Krimielementen und überraschendem Ausgang.
Literatur „Ihr kommt ums eigene Denken nicht herum“ – Angela Steideles Roman „Ins Dunkel“
Greta Garbo, Marlene Dietrich, Erika Mann stehen im Mittelpunkt dieser neuen Geschichte von Angela Steidele. Die aus Bruchsal stammende Autorin folgt den Spuren dieser ungewöhnlichen Frauen von der goldenen Ära des Kinofilms in die abgründige Zeit des deutschen Faschismus bis ins Schweizer Exil. "Ins Dunkel" lautet denn auch der Titel dieses Romans, in dem Angela Steidele, wie in ihren vorherigen Büchern, Recherche und Fiktion miteinander verbindet
Literatur „Muttermale“ – Dagmar Leupold
Zu den vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich mit der eigenen Herkunft und dem Verhältnis zu ihrer Elterngeneration auseinandergesetzt haben, gehört auch Dagmar Leupold. In ihrem neuen Roman beschreibt sie in einer verdichteten und durchdringenden Sprache auf beeindruckende Weise das Verhältnis zu ihrer Mutter, die gegen Ende des Krieges aus Ostpreußen flüchten musste.
V. E. Schwab und Tad Williams Thomas Klingenmaier über das Fantastikfestival „Dragon Days"
Fantastik-Literatur steht im Zentrum des Stuttgarter Festivals - mit Fantasy, Horror und Science Fiction. Seit vielen Jahren sind bei den Dragon Days internationale Literaturstars der vielgestaltigen Szene zu Gast - in diesem Jahr unter anderem V. E. Schwab und der wiederholt eingeladene Autor Tad Williams. Er stellt mit „Die Kinder des Seefahrers" den letzten Teil seiner umfangreichen Osten Ard Saga vor.
Literatur Der Körper als ungemütliche Behausung - Daniela Dröscher und ihr Roman „Junge Frau mit Katze“
In ihrem überaus erfolgreichen Roman „Lügen über meine Mutter“ erzählte Daniela Dröscher davon, wie die beständige Kritik am Körperumfang der Mutter das Familienleben ihrer Erzählerin belastete. Nach dieser Geschichte, die ebenso eine Kindheit im Hunsrück schilderte, geht es nun in einer Art Fortsetzung um den Körper der Hauptfigur Ela: Eine mysteriöse Krankheit hält die „Junge Frau mit Katze“ davon ab, sich auf die Verteidigung ihrer Doktorarbeit vorzubereiten und ihren Platz im Wissenschaftsbetrieb zu finden. Ist es eine Allergie oder am Ende die viele Arbeit, die den Körper so sehr beeinträchtigt? Ein Roman, in dem die Autorin nicht nur ihre Hauptfigur bei sich ankommen lässt, sondern auch ihren ureigenen Erzählton gefunden hat.
Im Rausch der Farben Der Maler Werner Schmidt und sein Künstlerbuch über „Ulysses“ von James Joyce
Akribisch hat Werner Schmidt alle Farben, die in dem über 900 Seiten starken Buch vorkommen, herausgesucht, gruppiert und dadurch auch neue Interpretationsschichten offengelegt. Auf diesem langen Weg hat er viele andere Joyce-Expert*innen und Wissenschaftler*innen kennengelernt, die diesem Werk der Weltliteratur verfallen sind. Mit ihnen gemeinsam hat er jetzt das Künstlerbuch „James Joyce und die Farben des Ulysses“ herausgebracht.
Literatur Wo sich die Schriftsteller*innen tummeln: „Herzkammern. Eine literarische Reise durch Breisgau und Hochschwarzwald“
Johann Peter Hebel erklimmt todesmutig den Belchen, Vladimir Nabokov empfindet Heimatgefühle angesichts der Schwarzwaldtannen. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben den Südwesten Deutschland nicht nur geschätzt, sondern auch literarisch vermessen. Der Band „Herzkammern. Eine literarische Reise durch Breisgau und Hochschwarzwald“ folgt diesen Spuren und er zeigt auf vielstimmige Weise und durchaus überraschend, dass die Region auch heute ein Hotspot der Literaturszene ist.
Literatur Intelligentes Narrenspiel – „Hoch oben“ von Joachim Zelter
Ein Engländer bleibt nach einem Autounfall in einer Stadt im deutschen Südwesten hängen. Bald schon fühlt er sich von dem überall präsenten Bürgermeister verfolgt. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Tübinger Autor ein herrlich absurdes Politspektakel, das manche Parallelen zu real existierenden Orten und Personen nicht verschweigt. Doch Joachim Zelter versichert: „Hoch oben“ sei reine Literatur, die mit viel Ironie und Groteske zur „Kenntlichkeit entstellt“.
Literatur Direkter Draht – Die Autorin Tania Witte und ihre Lesungen für Jugendliche
Die aus Trier stammende Autorin Tania Witte schreibt spannende Romane für Jugendliche: Mal geht es in „Marilu“ um die verzweifelte Suche nach der besten Freundin, mal um die Frage nach den „echten“ Eltern wie in „Einfach nur Paul“ oder darum, wie es ist, einem Terroranschlag knapp entkommen zu sein („Die Stille zwischen den Sekunden“). Identität, Freundschaft, die erste Liebe – Themen, die Jugendliche umtreiben, in mitreißende Geschichten verwandelt. Diese weiß Tania Witte auch bei ihren Lesungen zu vermitteln und ist dafür in diesem Jahr mit dem Preis der Jungen Literaturhäuser ausgezeichnet worden.
Literatur Ein literarischer Guckkasten – „über & über“ von Tina Stroheker
Anlässlich ihres 77. Geburtstages hat der Eislinger Kunstverein der Schriftstellerin Tina Stroheker ein besonderes Geschenk gemacht. In der eigenen „Eislinger Edition“ ist ein Band mit Texten der Autorin aus den letzten zwanzig Jahren erschienen: Reden, Essays, Notate und Interviews zu Literatur und Kunst, zu Politik und Gesellschaft, in denen sich die kritische Zeitgenossin ebenso zeigt wie die wortgewandte Lyrikerin. „über & über“ vermittelt einen ungewohnten Einblick in eine facettenreiche und intensive literarische Lebensleistung.
Literatur Schreibblockade mit Gefahrenzulage – Der Krimi „Raus hier, aber schnell“ von Peter Friesenhahn
Ein Zettel, den Peter Friesenhahn vor rund 50 Jahren von einem schwarzen Brett abriss, hat ihn zu seinem neusten Roman inspiriert. Gesucht wurde die Vertretung eines Organisten im Gefängnis - fünf Mark Gefahrenzulage extra. Orgelspielen konnte der damalige Student Peter Friesenhahn. Was er im Knast erlebte, hat er nun in seinem Buch verarbeitet. In „Raus hier, aber schnell“, geht es um einen Schriftsteller, der unschuldig im Gefängnis sitzt, noch dazu geplagt von einer Schreibblockade. Ein Kriminalroman, der nicht an mörderischen Details spart und gleichzeitig einen realistischen Einblick über das Eingesperrtsein liefert – auch wenn man längst wieder frei ist.
Literatur „Schicksalsjahr 1925. Als Hindenburg Präsident wurde“ – Wolfgang Niess
Bis heute wird die Bedeutung Hindenburgs für die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland verkannt. 1925 wurde der ehemalige Generalfeldmarschall zum Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt, der Hitler acht Jahre später zum Reichskanzler ernennen sollte. Für den Stuttgarter Historiker gehört der Reichspräsident zu den Kräften, die ganz „bewusst die Republik beseitigt haben“. Sehr präzise und gut nachvollziehbar arbeitet Wolfgang Niess die systematische Unterwanderung der Demokratie durch rechtsextreme Kräfte heraus – eine Marschrichtung, die Hindenburg ambitioniert durch seine Politik der Notverordnungen unterstützt hat. „Schicksalsjahr 1925“ ist eine wichtige, sehr erhellende Analyse, denn das Vorgehen antidemokratischer Gruppierungen erinnert fatal an aktuelle Tendenzen, den liberalen Rechtsstaat zu schwächen.
Literatur „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ - Rabea Edel
Seit Raisa denken kann ist da nur ihre Mutter Martha - kein Vater und keine Verwandten. Immer wenn sie ihre Mutter darauf anspricht, bekommt sie nur ausweichende Antworten. Doch die wissbegierige Tochter bleibt hartnäckig und schafft es, das Schweigen Marthas über die Traumata der Nachkriegsgeneration zu brechen. Die Autorin Rabea Edel verknüpft in „Porträt meiner Mutter mit Geistern“ persönliche Schicksale mit Zeitgeschichte. Sie erzählt aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte von vier Generationen über mehr als hundert Jahre hinweg und findet eine Sprache für das Unsagbare.