Warten war noch nie so schön

Was kommt? Diese literarischen Highlights erscheinen bald

Unsere Literatur-Redaktion präsentiert die spannendsten Buchneuheiten des zweiten Halbjahres 2025. Diese Neuerscheinungen können wir kaum erwarten.

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Stand

Von Autor/in Christoph Schröder

Es wird mit den Jahren nicht weniger aufregend: Sobald nach und nach die Vorschauen der Verlage für das kommende Programm eintreffen, steigt die Spannung.

Welcher Lieblingsautor hat endlich das lange erwartete neue Buch geschrieben? Welche Debütantin oder welcher Debütant wird in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Wer könnte für den noch immer begehrten Deutschen Buchpreis in Frage kommen? Und welches Buch wird möglicherweise zum Gegenstand aufgeregter Debatten in den sozialen Netzwerken werden?

Wir haben uns durch die Herbstvorschauen geblättert und zehn Titel herausgesucht, die uns besonders erwähnenswert erscheinen. Eine Auswahl, die selbstverständlich streng subjektiv ist – bestehend aus Geheimtipps, Superstars und Altmeistern.

lesende Frau im Waschsalon
Wenn das neue Buch des Lieblingsautors oder der Lieblingsautorin endlich erscheint, mag man manchmal die Lektüre gar nicht mehr zur Seite legen. IMAGO / Depositphotos

Gaea Schoeters: Das Geschenk

„Trophäe“, der im Original bereits 2020 erschienene Roman der Belgierin Gaea Schoeters, war im deutschsprachigen Roman einer der Überraschungserfolge des vergangenen Jahres: eine moralisch aufgeladene Geschichte um einen reichen Amerikaner, der als passionierter Jäger in Afrika auf Nashornpirsch geht und in eine dunkle Geschichte verwickelt wird.

Autorin Gaea Schoeters
Autorin Gaea Schoeters IMAGO / Manfred Segerer

Dementsprechend groß sind die Erwartungen an Schoeters' neuen Roman. „Das Geschenk“ beruht auf einer wahren Begebenheit:

Im Frühjahr 2024 wollte der Präsident von Botswana der deutschen Bundesregierung 20.000 Elefanten schenken – unter der Bedingung, dass diese hier frei herumlaufen dürfen. Ein Akt des Protests gegen als ungebührlich empfundene Einmischungen und das von europäischen Ländern angestrebte Importverbot von Jagdtrophäen. Schoeters bleibt also beim Thema.

In „Das Geschenk“ lässt sie die Elefanten durch die Straßen der Stadt spazieren und stellt auf satirische Weise die Frage nach globalen Machtstrukturen.

Marius Goldhorn: Die Prozesse

Autor Marius Goldhorn
Autor Marius Goldhorn Pressestelle Tanita Olbrich

„Park“, der Debütroman von Marius Goldhorn, galt der Kritik zufolge als ein Werk, das das Lebensgefühl der Millennials zwischen On- und Offlinemodus, zwischen digitalem Erleben und wahrem Empfinden, geradezu perfekt wiederspiegelte.

Das ist fünf Jahre her und Goldhorn, Jahrgang 1991, hat zwischenzeitlich noch einen Gedichtband veröffentlicht und den Verlag gewechselt. Jetzt also ein neuer Roman im neuen Verlag. Ein Buch, das in der nahen Zukunft angesiedelt ist.

Im Sommer 2030 ist die Hauptstadt Brüssel in großer Aufregung. Menschen auf den Straßen, Proteste, Solidaritätsaktionen, unklare Allianzen. Der Ich-Erzähler und sein Partner Ezra werden mitgerissen; Ezra wird bedroht; die beiden fliehen aus der Stadt und reisen in Richtung Italien. Ein politischer Roman in schwebender Atmosphäre, der die Unsicherheiten der Gegenwart in der Zukunft forciert.

Max Goldt: Aber?

Autor Max Goldt
Autor Max Goldt IMAGO / spfimages

Für eine bestimmte Generation von Menschen ist Max Goldt ein Humorgott. In seinen Kolumnen betrachtet er Alltagsgewohnheiten und führt sie mit sprachlicher Finesse ad absurdum. Man denke nur an den „Mythos Stoßlüften“ oder an „Ungeduscht, geduzt und ausgebuht“: Formulierungen, die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind. Das alles ist aber schon ziemlich lange her.

Vor mehr als zehn Jahren sprach Goldt bereits offen über seine Schreibblockade. Umso bemerkenswerter, dass es nun einen neuen Band mit 20 Texten gibt, die überwiegend noch unveröffentlicht sind. Es geht unter anderem um Frauenfußball, um Menschen, die unter Goldts Namen Schmähkritiken verfassen, oder um den verstorbenen Wiglaf Droste.

Ein unerwartetes Geschenk an die große Fangemeinde.

Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern

Autorin Anja Kampmann
Autorin Anja Kampmann IMAGO / VIADATA

Der Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ der 1983 geborenen Schriftstellerin Anja Kampmann gehörte zu den meistbeachteten literarischen Erstlingen der vergangenen Jahrzehnte. Es hagelte Lob und Preise, und Kampmann tat genau das Richtige: Sie veröffentlichte nach dem großen Erfolg zunächst einen Gedichtband und ließ sich für ihre neue Prosa viel Zeit.

Fast 500 Seiten sind es nun geworden, und überraschenderweise ist „Die Wut ist ein heller Stern“ ein historischer Roman, der von der Tänzerin Hedda erzählt, die in den 1930er-Jahren als Artistin auf der Reeperbahn arbeitet, bis die Bedrohung durch die Nationalsozialisten immer größer wird.

Ihr Bruder Jaan heuert auf einem Walfänger an, doch wo gibt es in diesem Deutschland für eine junge Frau noch Freiheitsräume?

Rebecca F. Kuang: Katabasis

Rebecca F. Kuang
Rebecca F. Kuang picture alliance / Evan Agostini/Invision/AP | Evan Agostini

Debütantin mit 21 Jahren, Bestsellerautorin, vielfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem British Book Award, und noch dazu vertreten in der Forbes-Liste „30 Under 30“:

Die 1996 in China geborene und in den USA lebende Rebecca F. Kuang hat sich mit ihren Fantasy-Romanen eine gigantische Fangemeinde erschrieben und hat mit ihrem Roman „Yellowface“ im vergangenen Jahr in Deutschland endgültig große Bekanntheit erlangt, auch außerhalb der Genreliteratur.

Jetzt „Katabasis“: Ein Held, der in die Unterwelt absteigt. Zwei Studierende der Analytischen Magie (in diesem Kosmos ist alles möglich) in Cambridge, verbunden in inniger Realität. Als ihr gemeinsamer Mentor stirbt, reisen sie gemeinsam in die Hölle, um seine Seele zu retten. 656 Seiten Trip ins Jenseits. Mal sehen, wer zurückkommt.

Katerina Poladjan: Goldstrand

Autorin Katerina Poladjan
Autorin Katerina Poladjan IMAGO / gezett

Katerina Poladjan ist ein stiller Star der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Fast noch immer ein Geheimtipp. Nach ihrem großartigen Roman „Zukunftsmusik“, der an einem einzigen Tag, dem 11. März 1985 spielte; der Tag nach dem Tod von Konstantin Tschernenko, als Michail Gorbatschow zu seinem Nachfolger gewählt und der Zusammenbruch der Sowjetunion eingeleitet wurde.

Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren und seit Ende der 1970er-Jahre in Berlin lebend, hat ein auffällig feines Gespür für historische Verzweigungen und Zusammenhänge. In ihrem neuen Roman „Goldstrand“ schickt sie einen Regisseur auf die Couch.

Eli, so heißt er, erzählt seiner Dottoressa in Rom seine Familiengeschichte. Oder er dichtet und erfindet sie neu zusammen. Seine Erzählungen gehen quer über den Kontinent, vom Osten der Ukraine über Bulgarien bis nach Italien.

Ein vermeintlich dahingeplauderter Text, doch davon darf man sich bei dieser Autorin niemals täuschen lassen.

Abdulrazak Gurnah: Diebstahl

Autor Abdulrazak Gurnah
Autor Abdulrazak Gurnah IMAGO / ZUMA Press Wire

Als der 1948 in Sansibar geborene Abdulrazak Gurnah im Jahr 2021 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, war er zumindest in Deutschland weitgehend nur Insidern bekannt. Mittlerweile liegt immerhin ein halbes Dutzend von Gurnahs Büchern auch in deutscher Übersetzung vor. „Diebstahl“ (im Original „Theft“) ist Gurnahs aktueller Roman; im Original in diesem Frühjahr erschienen.

Buchkritik Abdulrazak Gurnah – Diebstahl

Rückkehr nach Tansania: Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah erzählt in seinem neuen Roman „Diebstahl“ von Gewalt, Ausbruchsversuchen und Aufstiegsträumen – ein kluges, reflektiertes Werk.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Fremdheitserfahrungen und moderne Weltbürgerschaft fließen in der Geschichte von drei Menschen in Tansania zusammen:

Karim kehrt nach seinem Studium in seine Heimatstadt Daressalam mit hochfliegenden Plänen zurück, lernt Fauzia kennen, die ihre Chance wittert, aus ihren allzu engen Familienverhältnissen herauszufinden. Sie freunden sich mit dem mittellosen und aus unterprivilegierten Verhältnissen stammenden Badar an, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Zukunftsoptimismus, Glücksversprechen und der Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind Gurnahs zentrale Themen.

T.C. Boyle: No Way Home

Autor T. C. Boyle
Autor T. C. Boyle IMAGO / Hartenfelser

Die einen halten T.C. Boyle für einen gnadenlos überschätzten Schriftsteller; die anderen für einen grandiosen Chronisten amerikanischer Zustände, hausgemachte Katastrophen inklusive. Boyle liefert, und zwar zuverlässig.

Er nahm die Bigotterie der amerikanischen Einwanderungspolitik aufs Korn, hat mit „Willkommen in Wellville“ einen irre komischen Roman über die Entstehung des Hygiene- und Gesundheitswahns geschrieben und in „Hart auf Hart“, einem seiner besten Bücher, die Typologie des gewalttätigen Einzelgängers, der von außen Druck auf die Gesellschaft ausübt, entworfen.

Sein neuer Roman ist die Geschichte zweier Männer, die dieselbe Frau lieben. In der Wüste von Nevada geraten die beiden Kontrahenten aneinander.

Eine klassische Spielfläche für einen so routinierten wie noch immer hemmungslos unterhaltsamen Autor wie Boyle. Kaum zu glauben, dass der Mann mittlerweile auf die 80 zugeht. Im November ist er auf großer Tournee in Deutschland – dort hat er seine meisten Fans.

Arundhati Roy: Meine Zuflucht und mein Sturm

Autorin Arundhati Roy
Autorin Arundhati Roy IMAGO / TT

Seit „Der Gott der kleinen Dinge“ ist die indische Schriftstellerin berühmt. Ein semiautobiografischer Roman, der von den Zwillingsgeschwistern Rahel und Estha erzählt, die einer syrisch-orthodoxen Familie entstammen. Seitdem hat Arundhati Roy sich als politische Aktivistin hervorgetan, aber mit „Das Ministerium des äußeren Glücks“ 20 Jahre nach ihrem Debüt auch einen zweiten Roman vorgelegt.

Auch ist Roy Mitunterzeichnerin eines radikalen Aufrufs zum Boykott kultureller israelischer Institutionen. Rund 1.000 internationale Autoren und Autorinnen unterzeichneten das Papier, unter anderem Sally Rooney, Judith Butler und Annie Ernaux.

Roys neues Buch ist ein autobiografischer Text; ein Memoir, dessen Schreibanlass der Tod der Mutter ist. Ein Rückblick auf die Kindheit; ein Versuch, das Erwachen des eigenen Widerstandsgeistes zu rekonstruieren und zugleich eine Bestandsaufnahme der Lebensbedingungen im Indien der Gegenwart.

Thomas Pynchon: Shadow Ticket

Thomas Pynchon The Simpsons Gravity's Rainbow Cookbook

Er ist der größte Unbekannte und zugleich ein Superstar der Gegenwartsliteratur: 88 Jahre alt ist Thomas Pynchon mittlerweile. Abgesehen von ein paar uralten Fotografien gibt es keinerlei Anhaltspunkte über sein Aussehen, auch wenn mittlerweile mittels KI einigermaßen glaubhafte Spekulationen unternommen werden.

In drei Folgen der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ hatte Pynchon einen Auftritt – mit einer Papiertüte auf dem Kopf, auf der ein Fragezeichen aufgedruckt war.

Zu „Shadow Ticket“, auf deutsch: „Schattennummer", Pynchons neuem Roman, gab es bei Ankündigung noch nicht einmal ein offizielles Buchcover. Immerhin wusste man, dass das Buch in den 1930er-Jahren spielt und einen Detektiv im Mittelpunkt habe, der die Erbin eines Käsefabrikanten aufspüren soll und auf seltsamen Umwegen in Ungarn landet.

Ist das abstrus genug? Dann ist es Pynchon.

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Autor/in
Christoph Schröder
Onlinefassung
Nina Wolf