Kristine Harthauer: Du hast Deine Figuren Tilda und Ida nach zwei Büchern ziehen lassen. Wie war das für Dich?
Caroline Wahl: Ach, voll okay. Ich hatte jetzt Bock, etwas Neues zu erzählen, und ich glaube, es hätte sich falsch angefühlt, jetzt nochmal mit der Mutter oder Samara oder so loszuziehen, weil ich diese Geschichte eigentlich schon länger erzählen wollte. Und weil ich auch Bock hatte, mich literarisch neu aufzustellen. Ich brauche, glaube ich, immer so neue Lebensabschnitte. Und ich wollte jetzt was ganz anderes, beziehungsweise ganz anders ist es ja nicht, aber ein bisschen anders.
Eigene Erfahrungen flossen mit ein
Kristine Harthauer: Dein neues Buch ist schon anders, weil es noch mal näher dran ist an Deinen eigenen Erfahrungen. Wie war das für Dich, damit zu arbeiten?
Caroline Wahl: Das war total anders, diesmal in die Verlagsbranche reinzuspringen, also in einen Bereich, den ich sehr gut kenne und wo ich viele Erfahrungen gemacht habe. Es war auf jeden Fall auch ein anderes Schreiben und herausfordernder, würde ich sagen. Aber es macht natürlich auch Bock, in einen Bereich zu gehen, in dem man sich schon auskennt. Ich finde, da kann man so anders in die Tiefe springen als in anderen Bereichen.
Wenn ich zum Beispiel über Alkoholismus schreibe, in „22 Bahnen“, dann ist das ein Thema, da würde ich jetzt nie krass in die Tiefe gehen und ein Psychogramm von der Mutter versuchen zu zeichnen. Und beim Thema Verlag hat man dann schon Bock, kleinteilige Beobachtungen einfließen zu lassen, die man gemacht hat.
Folgen von Machtmissbrauch und Manipulation
Kristine Harthauer: Lass uns mal auf die Hauptfigur in Deinem neuen Roman schauen: Die Assistentin, das ist Charlotte. Was ist sie für eine junge Frau?
Caroline Wahl: Charlotte ist eine wütende junge Frau, die gerade unzufrieden mit ihrer Situation und auf jeden Fall sehr einsam ist und sich zu Beginn zumindest gar nicht traut, ihren Weg zu gehen und dann eben in diesem Verlagshaus landet und sich verfängt.
Und ich würde sagen, dass Charlotte eben keine klare Heldin ist, so wie Tilda. Sie hat auf jeden Fall auch negative Seiten. Sie ist unkollegial und vor allem verliert sie sich so ein bisschen im Verlag und handelt entgegen ihrem moralischen Kompass.
Das wollte ich auch erzählen, was das mit so einer Person wie Charlotte macht, wenn sie so einem Machtmissbrauch ausgesetzt ist. Also, dass man dann auch gar nicht mehr so handelt, wie man es von sich selbst erwartet. Und dass da auch ganz viele kleine Dinge passieren, die ganz schwierig zu erklären oder in Worte zu fassen sind.
Zum Beispiel, dass sie sich fast schon schämt und dass sie sich nicht wehrt. Und dass sie zum Beispiel mitflirtet, wenn der Verleger so komisch mit ihr kommuniziert und so weiter.
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Kristine Harthauer: Das sind sehr bedrückende Szenen. Und ich glaube, viele junge Frauen kennen das, dass sie sich im ersten Job besonders beweisen wollen und viel herunterschlucken. Charlotte steckt in einem wirklich schrecklichen Arbeitsverhältnis, weil die Grenzen zwischen der Arbeit im Verlag und dem Privatleben verschwimmen. Als Assistentin kümmert sich Charlotte auch um das Privatleben des Verlegers. Gleichzeitig ist Charlotte als Figur nicht besonders sympathisch, weil sie sehr ehrgeizig ist und dem Verleger auch irgendwie gefallen will, woher kommt das?
Caroline Wahl: Es ist einerseits so, wie Du meinst, dass diese veralteten Vorstellungen herrschen, dass man sich als Berufseinsteigerin erstmal behaupten muss und viel Scheiße fressen muss. Ich glaube, ich bin da so ein bisschen zwischen den Generationen. Ich denke auch, dass man sich am Anfang seinen Platz erkämpfen muss. Aber es gibt Grenzen und man muss nicht jede Scheiße fressen.
Bei Charlotte ist das große Ding diese Suche nach Bestätigung und diese tiefe Einsamkeit. Sie hat einfach wenig Menschen, die ihr nahestehen und sucht dann, da sie die Bestätigung von den Eltern nicht bekommt, die Bestätigung von diesem neuen Chef und ist dann auch ganz blind in dieser Bestätigungssuche.
Machtmissbrauch im Verlag – Buchkritik zu Caroline Wahls Roman „Die Assistentin“
Es fehlen Kontrollmechanismen
Kristine Harthauer: Dein Buch spielt in einem Verlag, der dem Verleger Ugo Maise gehört. Er ist der Eigentümer und hat damit sehr viel Macht. Glaubst Du, dass Verlage, die sie so strukturiert sind, besonders anfällig sind für Machtmissbrauch?
Caroline Wahl: Ja. Ich glaube, es ist ein Modell, das schon gut funktioniert, um eine Firma zu strukturieren. Aber es ist auch mega gefährlich und es braucht sehr viele Kontrollmechanismen, wenn einer an der Spitze ist. Als alleiniger Eigentümer finde ich es schwierig. Und in dem Fall ist es sogar ein inkompetenter Mensch, der da oben das Sagen hat und wirklich quasi Narrenfreiheit hat.
Und wenn ich manchmal darüber nachdenke, finde ich gar nicht, dass der Verleger der Täter ist. Ich finde, das Schlimmste beim Lesen und auch beim Schreiben waren diese ganzen Menschen, die im Verlag arbeiten und zuschauen. Es ist offensichtlich und jeder weiß es, dass dieser Verleger Ugo Maise da eine Assistentin nach der anderen hat und sein Unwesen treibt und dass da alle nur um die eigene Stelle Angst haben und diesem Assistentinnen-Verschleiß zuschauen und sich diesem Chef beugen.
Ein Verlag ist kein utopischer Ort
Das kann mir niemand sagen, dass das sein muss.Wenn mich manchmal andere fragen, muss diese Geschichte in der Verlagsbranche spielen, dann denke ich, nein, es kann auch in jeder anderen Branche passieren. Aber es war mir wichtig, dass es in der Verlagswelt passiert, weil ich davon mitbekommen habe, von anderen Menschen und durch eigene Beobachtungen. Und ich finde, das ist so ein krasser Ort, wo das passiert, weil man eigentlich denkt, dort passiert es am wenigsten.
Es ist ein Ort, wo idealistische Menschen zusammenkommen und Bücher rausbringen und das sind Menschen, die an Debatten teilhaben, die offen sind. Und damals als Studentin wollte ich unbedingt in einem Verlag arbeiten, weil es für mich so ein utopischer Ort war, wo man einfach zusammen an der Veröffentlichung von Büchern arbeitet und wo Menschen sind, die für Geschichten brennen. Und deswegen finde ich den Verlag gerade als Ort für so einen Machtmissbrauch passend, weil es eben auch in der Realität passiert.
Kristine Harthauer: Du hast es schon angedeutet, dass Du auch aus eigenen Erfahrungen schöpfst. Hast Du dieses Buch geschrieben, weil da noch etwas in Dir gärt oder weil Du ein Sittengemälde zeichnen wolltest? Es gibt ja noch nicht wirklich den einen Roman über Machtmissbrauch in der Verlagsbranche.
Caroline Wahl: Es wäre mir falsch vorgekommen, jetzt noch mal so eine zeitlose Geschichte von einer jungen Frau zu erzählen, die ans Meer fährt oder so, weil ich eben diese Beobachtungen gemacht habe. Ich habe schon nach „22 Bahnen“ meinem ehemaligen Agenten gesagt, Du, als nächstes schreibe ich „Die Assistentin“. Und der meinte, warte mal, schreib erstmal was anderes. Dann habe ich „Windstärke 17“ geschrieben, weil ich da auch Bock drauf hatte.
Aber jetzt war klar, ich kann nicht noch länger warten, wenn man eine Geschichte hat, die mehr in der Gegenwart spielt. Ich freue mich jetzt richtig auf die Veröffentlichung, weil ich auch keine Angst vor irgendetwas habe. Ich muss mit allen Konsequenzen leben, weil es war klar, dass ich diese Geschichte erzähle und ich bin jetzt auch stolz, dass ich die erzählt habe.
Vorbild Diogenes-Verlag?
Kristine Harthauer: Du hast in einigen Interviews erzählt, dass Du im Diogenes Verlag als Assistentin gearbeitet hast und dass das eine schwierige Zeit für Dich war. Damals hast Du in Zürich neben der Arbeit angefangen, an Deinem Debütroman „22 Bahnen“ zu schreiben. Deine Figur Charlotte macht es ähnlich. Sie fängt an, Musik zu machen. Das Vorbild für den Verleger in Deinem Roman, ist das der Verleger und Eigentümer des Diogenes Verlages, Philipp Keel?
Caroline Wahl: Nö, also das ist nicht autobiografisch, meine Geschichte, die ich erzähle, ist Charlottes Geschichte. Ich kann natürlich total nachvollziehen, dass da jetzt Parallelen gesucht werden. Ich wurde bei „22 Bahnen“ immer gefragt, ob meine Mutter alkoholkrank ist, da habe ich Nein gesagt. Und dass jetzt sich noch mehr solche Fragen aufdrängen, ist klar.
Aber ich glaube, dass das der falsche Schritt ist, dann mit dem Textmarker oder Bleistift zu kommen und genau die Parallelen aufzuzeigen, weil ich eben denke, dass es kein Einzelschicksal ist, von dem ich erzähle. Und dass das, was Charlotte passiert, vielen passiert und dass dieser Machtmissbrauch auch ein Thema ist, das passiert. Und ich glaube, vielleicht sollte man eher den Blick ausweiten, als ihn auf diesen einen Verlag dort in der Schweiz zu richten.
Kristine Harthauer: Du wendest in „Die Assistentin“ einen ungewöhnlichen Erzähl-Kniff an: Du lässt die Erzählerin immer wieder die Handlung kommentieren und andeuten, was als nächstes kommt. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, es hilft mir, das Ganze noch besser zu verstehen, weil ich Pausen zum Nachdenken habe. Was wolltest Du vielleicht als Autorin besser verstehen?
Caroline Wahl: Alles, vor allem den Machtmissbrauch. Es ist keine MeToo-Geschichte, da findet keine klare Grenzüberschreitung statt. Er fasst sie nicht an. Es ist quasi nichts nachweisbar, ob er etwas gemacht hat, was nicht geht. Aber es sind ganz viele kleine Grenzüberschreitungen. Und in diesen Grenzüberschreitungen verfängt sich Charlotte immer mehr.
Wie sie in eine Abwärtsspirale reingerät – es sind ja total viele Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Dass sie einsam ist, dass sie keinen Halt bei den Eltern findet, dass sie Angst vor der Zukunft hat. Da passiert so viel, dass es wichtig für mich war, als Erzählerin einen Schritt zurückzugehen und kurz innezuhalten, zurückzublicken, vorauszublicken, mich kurz zu sammeln.
Struktureller Machtmissbrauch in der Verlagsbranche
Kristine Harthauer: Du hast vorhin gesagt, dass Dir Menschen aus Verlagen erzählt haben, dass sie Machtmissbrauch erlebt haben. Hast Du da Gespräche geführt?
Caroline Wahl: Super viele Gespräche, noch mehr als ich dachte. Ich glaube, alle, die so ein bisschen in der Verlagsbranche sind, können Dir mindestens drei schwierige Verleger*innen, auch Frauen, nennen. Man muss sich eigentlich nur mal die Verlagsspitzen anschauen und gucken, wie oft die wechseln und wie schnell die auf einmal wechseln.
Bewegung ist immer gut und ich finde, wenn die Führungsetage mal gewechselt wird, ist das immer gut. Aber bei manchen Verlagen ist da wirklich auch viel Bewegung und da wundert man sich natürlich als Beobachterin, die manchmal auch die Geschichten nicht kennt, die dahinterstecken. Den Text haben noch nicht viele gelesen, aber wenn ihn welche gelesen haben, dann sind es meistens Journalist*innen oder Leute aus der Verlagsbranche. Und es war erschreckend, was einem dann so erzählt wird.
Aber es hat mich trotzdem nicht überrascht. Ich finde, so eine Verlagsleitungsstelle bietet guten Nährboden für eine schwierige Figur, weil man braucht so seltsame Qualifikationen. Es geht darum, einfach gut kommunizieren zu können und Autor*innen zu umwerben und ein Gespür zu haben, was gerade abgeht.
Und das sind halt so Menschen, die auf den ersten Blick interessant sind und mit denen man auch mal ein Weinchen trinkt und eine Zigarette raucht und so weiter. Und ich finde, mit diesem Grundkonstrukt, da bieten sich Grenzüberschreitungen nochmal mehr an. Vielleicht auch, weil die Aufgabenbereiche nicht so klar abgesteckt sind.
Hinschauen nicht wegschauen
Kristine Harthauer: Was glaubst Du, hätte Charlotte geholfen, um da früher aus dem Verlag rauszukommen?
Caroline Wahl: Sie wünscht sich ja immer, dass die Eltern sagen, das geht ja nicht, ihr flirtet ja schon fast, oder komm nach Hause, aber die sagen es nicht. Ich glaube, das hätte ihr schon geholfen. Umso schöner finde ich, dass sie im Laufe der Geschichte checkt, dass da kein Ritter kommt, der sie rausholt. Dass nicht die Eltern kommen, die sie rausziehen, sondern dass sie es selbst schafft.
Wobei mir letztens aufgefallen ist, eigentlich ist die Retterin die Ärztin, die sagt, Du gehst da nicht mehr hin. Sie hat auf so eine Nachricht gewartet. Wenn diese Nachricht nicht gekommen wäre, weiß ich nicht, wohin die Geschichte gegangen wäre.
Ich möchte mit meinen Geschichten nichts bewirken, ich will in erster Linie erzählen. Aber wenn es passiert, dass die Leser*innen danach ein bisschen sensibler für so was sind und nicht nur zuschauen, sondern wenn sie so eine Charlotte sehen, da mal ein bisschen mutig eingreifen, dann wäre es das Geilste, was passieren kann.
Kristine Harthauer: Caroline Wahl, danke Dir für das Gespräch!
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