„Eine Technologie, die eigentlich der gesamten Menschheit gehören müsste“

Künstliche Intelligenz schreibt immer mehr Bücher

KI beschäftigt die Buchbranche und beeinflusst das Schreiben. Autor belmonte sieht große Chancen im KI-Einsatz, während Tom Hillenbrand in seinen Krimis vor einer übermächtigen KI warnt.

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Von Autor/in Katharina Borchardt

KI kann schreiben. Oder etwas technischer formuliert: KI kann Texte generieren.

Auf der Basis von „Large Language Models“ werten KI-basierte Schreibprogramme schon seit einigen Jahren bestehende Texte aus. An diesen Texten lernen sie, welche Worte häufig miteinander verbunden werden.

Das kann KI dann reproduzieren und – je nach Aufgabenstellung – auch variieren, also neue Texte erstellen. Was Schreibprogramme wie „Plot Factory“, „Sudowrite“ oder „Dramatica pro“ bereits können, hat jetzt der Heidelberger Autor belmonte getestet.

belmonte prognostiziert mehr maschinengestütztes Schreiben

„Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt“ heißt belmontes neues Buch, in dem er seine literarischen Tests vorstellt. Die vielen kurzen Textproben und auch die fünf Kurzgeschichten, die er mit Hilfe von KI generiert, wirken allerdings stereotyp.

„Ja, die Storys sind noch schematisch und musterhaft“, findet auch er selbst im Gespräch auf SWR Kultur. Die Anwendungen würden allerdings stets besser, prognostiziert er. Und: In der Zukunft avanciere literarisches Schreiben immer mehr zu einer „Mischung aus menschlicher Kreativität und maschineller Intelligenz“.

Das heißt auch: „KI wird im literarischen Schreiben stärker als Partner eingesetzt werden, als Assistenz, als Dialogpartner. Nicht umsonst sind das ja auch Chatprogramme.“

Maximal drei Bücher pro Autor pro Tag

ChatGPT wurde im November 2022 eingeführt. Seither explodiert das KI-unterstützte Schreiben.

Schon ein knappes Jahr später musste Amazon die Zahl der Bücher auf drei Stück begrenzen, die pro Tag und pro AutorIn über das Amazon-Angebot Kindle Direct Publishing veröffentlicht werden dürfen. Neben leichter zu generierenden Reiseführern und Ratgebern betrifft dies auch zunehmend die Belletristik.

Drei Bücher pro Tag? Das schafft natürlich nur eine Maschine. Die literarische Qualität dieser Texte ist allerdings mehr als fragwürdig. Deshalb haben sie bislang vor allem im unkontrollierten Self-Publishing eine Chance.

Mann arbeitet nachts am Computer und bedient ChatGPT, während bunte Zahlen aus dem Computer kommen
ChatGPT ermöglicht so Einiges, und hilft sowohl privaten Nutzern als auch arbeitsbedingt den Menschen IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Preisgekrönter Roman: Fünf Prozent durch ChatGPT verfasst

Doch schaffen es weitgehend KI-generierte Titel auch schon vereinzelt in die Verlage, zeigt belmonte.

In seinem Buch diskutiert er insbesondere englischsprachige Romane, Novellen und Kinderbücher von Stephen Marche (aka Aidan Marchine), K Allado-McDowell, Ross Goodwin, Jennifer Lepp (aka Leanne Leeds) und Ammaar Reshi.

Auch im technikaffinen Japan erhielt die Autorin Rie Qudan im Jahr 2024 den Akutagawa-Literaturpreis, obwohl sie fünf Prozent ihres Romans „Tokyo Sympathy Tower“ durch ChatGPT schreiben ließ.

Autorin Rie Qudan, Gewinnerin des Akutagawa Literaturpreis 2024
Autorin Rie Qudan, Gewinnerin des Akutagawa Literaturpreis 2024 picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Yuki Kurose

Im deutschen Sprachraum herrscht gegenüber KI-generierten Büchern größere Skepsis. Als 2025 die Schweizer Swisscom ihren KundInnen ein durch KI generiertes Kinderbuch anbot, protestierte die Schweizer Verlagsbranche heftig.

Und auch der Oetinger-Verlag musste sich 2024 dafür entschuldigen, für die Covergestaltung von Kirsten Boies „Skogland“-Jugendbüchern das Bildprogramm „Midjourney“ benutzt zu haben. Inzwischen sind Verlage stark sensibilisiert.

Proteste gegen Meta und die Ausbeutung von Büchern mit Copyright, um KI fürs Schreiben zu trainieren
Proteste gegen Meta und die Ausbeutung von Büchern mit Copyright, um KI fürs Schreiben zu trainieren IMAGO / ZUMA Press Wire

Künstliche Texte generieren künstliche Texte

Zumal KI auch zunehmend an künstlich generierten Texten geschult wird. „Das heißt, es entsteht eine Art Feedback-Loop“, sagt Matthias Spielkamp auf SWR Kultur. Er ist Gründer und Geschäftsführung der Verbraucherschutzorganisation AlgorithmWatch.

„Man produziert synthetische Inhalte, und dann wandern die zum Beispiel ins Internet z.B. in Form von zahlreichen Ratgeberbüchern, und die werden dann wieder für das Training der nächsten Modelle verwendet. Da kann also nichts Gutes dabei rauskommen.“

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Tom Hillenbrands KI verfolgt eigene Ziele

Beängstigend ist auch die Zukunft, die Tom Hillenbrand in seiner „Hologrammatica“-Krimireihe zeichnet. Diese Reihe setzt im Jahr 2088 ein. Längst hat Æther die Macht übernommen. Æther ist eine KI, die sehr viel mehr kann als die Sprach- und Dialogprogramme, die wir augenblicklich noch heiß diskutieren.

„Sie hat ein Bewusstsein, sie hat Erinnerungen, sie hat einen Sense of Self, sie hat Theory of Mind“, erklärt Autor Tom Hillenbrand auf SWR Kultur.

„Das heißt, sie kann also auch antizipieren, was denken denn andere Menschen eigentlich, was fühlen andere Lebewesen, und sie kann dies auch alles einsetzen, um langfristig zu planen und Strategien zu entwickeln, um eigene Ziele zu verwirklichen.“

Wer kontrolliert Künstliche Intelligenz?

Dazu gehört es, dass Æther die verbliebenen Menschen kontrollieren will. Das ist nicht schwer, haben diese ihre Hirne doch längst digitalisieren lassen. Wer hier das Sagen hat, ist überdeutlich.

Tom Hillenbrand lässt Akkumulierung von Macht fühlbar werden. Das ist realistisch, schließlich avanciert KI nach und nach zu einer weltbestimmenden Technologie.

Dass die zugrundeliegenden Algorithmen auf Fairness und Inklusion trainiert werden müssen, forderte schon 2019 das „Wiener Manifest für digitalen Humanismus“. Das fände auch Hillenbrand richtig.

Völlig zurecht aber macht er sich Sorgen, „dass wir hier eine Technologie haben, die eigentlich der gesamten Menschheit gehören müsste, die auch aus dem Wissensschatz der gesamten Menschheit gebaut wird, dass die aber kontrolliert wird von einer sehr kleinen Gruppe von Leuten.“

Gemeint sind die Chefs der großen Tech-Unternehmen, die zumeist in den USA und in China sitzen.

Virtuelle Autor*innen geben virtuelle Interviews

Der Autor belmonte imaginiert für die nähere Zukunft übrigens nicht nur den verstärkten Einsatz von KI in der erzählenden Literatur, sondern auch das Auftreten rein virtueller Autorinnen und Autoren.

„In der Popmusik gibt es sie ja bereits. In Südkorea und Japan gibt es komplett virtuelle Popstars, die riesige Hallen füllen. Denkbar ist das auch für besonders talentierte KI-Autor*innen mit besonderen Erzählweisen. Die hätten dann eigene Social Media Accounts und gäben virtuelle Interviews“, prognostiziert er bei SWR Kultur.

Sie würden sich also verhalten wie echte Menschen. Denn noch immer wollen diese Maschinen ein menschliches Publikum erreichen. Und wie würden virtuelle Autorinnen und Autoren aussehen? Tom Hillenbrand spielt in seinen Krimis eine Erscheinungsform schon einmal durch: Sie könnten als Hologramme auftreten.

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Der Heidelberger Autor belmonte ist technikaffin und experimentierfreudig. In „Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt“ testet er aktuelle KI und präsentiert maschinelle Texte.

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Katharina Borchardt