Gut ein Jahr nach den Missbrauchsvorwürfen gegen den den britischen Star-Autoren Neil Gaiman veröffentlichte der 65-Jährige nun auf seinen Social-Media-Profilen ein Statement, in dem er erneut seine Unschuld beteuert.
„Die Vorwürfe gegen mich sind ganz und gar unwahr. Es gibt E-Mails, Textnachrichten und Videoaufnahmen, die ihnen eindeutig widersprechen“, schrieb er Anfang Februar. Die Vorwürfe, „insbesondere die wirklich anzüglichen“, seien im Rahmen einer „Schmutzkampagne“ gegen ihn aufgebauscht worden, um Klicks auf Schlagzeilen zu generieren.
Er habe gehofft, dass es journalistische Gegenuntersuchungen gegeben hätte, so der Autor weiter. Er sei erstaunt darüber gewesen, dass es ein großes Echo gegeben habe, doch „die tatsächlichen Beweise abgetan oder ignoriert wurden“. Er fügte hinzu, dass ihn „durch all diesen Wahnsinn“ die Überzeugung getragen habe, „dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen werde.“
Da er selbst Journalist gewesen sei, schätze er dieses Metier sehr. Dazu verwies er auf einen Kanal der Newsletter-Plattform Substack, in dem ein anonymer Journalist seinen Fall aufgearbeitet hätte. Auf dem unseriös wirkenden Kanal befinden sich fast ausschließlich Artikel zu Gaiman, die bemüht sind, seine Unschuld nachzuweisen.
Was war Neil Gaiman vorgeworfen worden?
Anfang Januar 2025 war eine Recherche im „New York Magazine“ zu Gaimans missbräuchlichem Verhalten erschienen, die auf dem investigativen Podcast „Master“ von Tortoise Media vom Juli 2024 aufbaute. In dem Artikel beschuldigten fünf Frauen Gaiman sexueller Übergriffe, zwei von ihnen bezichtigen ihn der Vergewaltigung.
Unter den Klägerinnen war Scarlett Pavlovich, die ehemalige Babysitterin des Sohnes von Gaiman und seiner Frau, der Sängerin Amanda Palmer. Das Paar befindet sich in Scheidung.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Gaiman zu dem Fall öffentlich äußerte. Bereits kurz nach Erscheinen des Artikels stritt er in einem öffentlichen Statement die Anschuldigungen ab. „Einige der schrecklichen Geschichten, die heute erzählt werden, haben sich schlicht nie ereignet“, schrieb er darin, „während andere derart verzerrt wurden, dass sie nichts mit der Realität zu tun haben.“
Gaiman gab in dem Text zwar zu, „achtlos mit den Herzen und Gefühlen“ mancher Frauen umgegangen zu sein. Er stritt jedoch ab, jemals sexuell übergriffig gewesen zu sein: Er habe „niemals sexuelle Aktivitäten“ gehabt, die „nicht einvernehmlich“ gewesen seien.
Zurückweisung der Anschuldigungen
Der 65 Jahre alte Brite hat seit den 1980er-Jahren mehr als fünzig Graphic Novels, Romane, Biografien, Drehbücher und Kinderbücher geschrieben. Viele von ihnen wurden als Filme oder Serie adaptiert. Mit „Coraline”, „Good Omens” (mit Tery Pratchett), „American Gods” und „Der Sternwanderer” haben seine Geschichten ein riesiges Publikum erreicht.
Die laufenden Projekte unter seinem Namen waren 2025 eingestellt worden: unter anderem die Netflix-Serien „The Sandman“ und „Dead Boy Detectives“ sowie „The Graveyard Book“ für Disney. Die Prime-Video-Serie „Good Omens“ wurde eingekürzt. Mehrere Verlage hatten sich von neuen Projekten mit Gaiman zurückgezogen.
Schiedgerichtsverfahren und Zivilklage
Gaiman hatte ein Schiedsgerichtsverfahren gegen eine der Interviewten eingeleitet und behauptet, sie habe gegen eine Geheimhaltungsvereinbarung verstoßen, indem sie mit den Medien gesprochen habe. Er forderte die Rückzahlung der Abfindung, Anwaltskosten und zusätzlichen Schadenersatz.
Sie hatte daraufhin zurückgeklagt. Beide Klagen waren im Frühjahr 2025 Gegenstand eines Schiedsverfahrens gewesen, über dessen Ausgang keine Informationen zugänglich sind.
Die von Babysitterin Scarlett Pavlovich eingereichte Zivilklage wegen sexueller Nötigung war im Herbst 2025 von einem Bundesgericht in Wisconsin abgewiesen worden. Der Richter begründete die Entscheidung damit, dass die vorgeworfenen Taten nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Neuseeland stattgefunden hätten. Die Klage hätte entsprechend dort eingereicht werden müssen.
Groupie-Kultur in der Comicszene
Die Recherchen bezeugen dabei nicht nur übergriffige Begegnungen einzelner Frauen mit Gaiman – sie beschrieben darüber hinaus eine ganz bestimmte Beziehung des Autors zu seinen Fans durch sein Werk. In Comic-Kreisen, so die „New York Magazine“-Recherche, habe eine Groupie-Kultur geherrscht, die von Gaiman gezielt ausgenutzt worden sei.
So sei es kein Geheimnis gewesen, dass Gaiman immer wieder mit sehr viel jüngeren Fans Sex hatte. Dass er sich dieses Machtverhältnisses mehr als bewusst gewesen sein dürfte, wird auch darin deutlich, dass einige Frauen erklärten, er hätte darauf bestanden, ihn „Master“ zu nennen.
Der Fall Gaiman wog auch deshalb schwer, weil der Autor in seinen Werken schon früh progressive Figuren entwarf und einige seiner Geschichten den übergriffigen Umgang mit Frauen anprangerten. Über seine Karriere hinweg bezeichnete er sich selbst stets als Feminist.
Rehabilitation durch neues Buch?
In seinem neuen Statement kündigte Gaiman nun zudem an, an einem neuen Buch gearbeitet zu haben, das sein „größtes Projekt“ seit „American Gods“ sei. Mit der Fernsehbranche habe er derweil abgeschlossen. Es ist davon auszugehen, dass Gaiman versuchen wird, sich durch ein neues Buch zu rehabilitieren.
Die Chancen darauf sind nicht schlecht: Bereits zahlreiche andere Künstlerkarrieren in der Unterhaltungsbranche haben sich schnell von Missbrauchsvorwürfen und Gerichtsverfahren erholt, beispielsweise die des Comedians Louis C.K., des Schauspielers Johnny Depp oder die der Sänger Marilyn Manson und Till Lindemann.