MeToo im Film

„Sorry, Baby“ und „After the Hunt“: Gefälle auf dem Campus

Gleich zwei Filme erzählten dieses Jahr von Missbrauchsfällen an der Universität. Sie zeigen: Um die Mechanismen von MeToo zu beleuchten, braucht es den richtigen Fokus.

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Stand

Von Autor/in Caroline O. Jebens

Campus mit steilem Machtgefälle

Seit MeToo die Wahrnehmung von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch grundlegend verändert hat, haben sich Serien und Filme in verschiedenen Kontexten damit auseinandergesetzt: Sie spielten an der Highschool („13 Reasons Why“), in der Unterhaltungsbranche („I May Destroy You“), im Journalismus („Bombshell“, „She Said“) und im Musikmetier („Tár“). 

Nachdem es cineastisch seit einigen Jahren eher ruhig um das Thema geworden war, sind zuletzt gleich zwei Filme erschienen, die sich mit Missbrauch auseinandersetzen: „After the Hunt“, unter der Regie des italienischen Regisseurs Luca Guadagigno, und „Sorry, Baby“, das Regiedebüt der amerikanisch-französischen Schauspielerin Eva Victor, das aktuell im Kino läuft. 

Wie ursprünglich bei MeToo auch, handeln sie von Missbrauch am Arbeitsplatz — wenn auch nicht in der Filmbranche, sondern am College.

Eine Szenerie, die sich eignet, um von Machtmissbrauch zu erzählen. Denn auch wenn er sich überall finden lässt, so interessieren doch solche Orte besonders, wo sich Macht in steilen Gefällen konzentriert. In denen daher Missbrauch floriert und, andersherum, besonders laut widerhallt, wenn er angeklagt wird.

Julia Roberts sitzt in einer Szene aus "After the Hunt" in einem Seminarraum
Der Campus als ideale Szenerie, um von Machtverhältnissen zu erzählen: Julia Roberts als Alma in „After the Hunt“.

„After the Hunt“ von Luca Guadagigno

Der Prämisse einer widerhallenden Anklage nimmt sich „After the Hunt“ vor. Im Zentrum steht Alma (Julia Roberts), Philosophie-Professorin der Eliteuniversität Yale, die sich mit dem Vorwurf der Promotionsstudentin Maggie (Ayo Edebiri) konfrontiert sieht, ihr Fakultätskollege und guter Freund Hank (Andrew Garfield) habe sich an ihr vergangen. 

Der Film entspannt sich als Kammerspiel, in dem die Identitäten ihrer jeweiligen Positionen gegeneinander ausgespielt werden: Die einer schwarzen Studentin, lesbisch, reich, mittelbegabt, gegenüber dem weißen Jungprofessor, hetero, arm, hochbegabt.

Und dazwischen die gesundheitlich angeschlagene Alma, weiß, blond, die kurz vor einer Festanstellung steht und sich diesen Platz hart erkämpft hat. Nun muss sie sich fragen, wem sie welche Loyalitäten schuldig ist. Der Film konzentriert sich dabei auf die Figuren und ihre möglichen Agenden, und rückt den Übergriff als erkundenswerten Gegenstand in den Hintergrund.

After The Hunt | Offizieller Trailer | Prime Video

„After the Hunt“ reproduziert damit die moralische Aufladung, die er eigentlich bloßstellen will – als seien um die Tat gelagerten Debatten von Klasse, Herkunft und Geschlecht per se wichtiger, als die Grenzüberschreitung selbst – und die konkrete Erfahrung des Opfers.

Dass offen gelassen wird, ob die Vergewaltigung wirklich geschah, ist dabei weniger problematisch, als dass der Film einen vergessen lässt, dass dieser Aspekt zentral in der Geschichte stehen müsste.

Problematik der Darstellung

Von Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen zu erzählen, ist stets an die moralische Rezeption gebunden: Wer erzählt wie von einer Tat? Wem glaubt man, wem nicht? Oft prägen dabei gewisse Tropen, Narrative und Ideale unsere Wahrnehmung realer Erlebnisse.

Insbesondere gilt das für den Umgang mit Liebe und Sex, wenn romantische Ideale oder Körperbilder mitunter stark durch Filme geprägt werden. Und eben auch, wie Grenzen aussehen und wo sie überschritten werden. Ein Problem: Filme, die Missbrauch thematisieren, laufen Gefahr, Fiktion zur Blaupause für Geschlechterdynamiken zu verzerren.

David Fincher beispielsweise zementierte das Motiv der lügenden, rachsüchtigen Freundin in seiner wirkungsvollen Adaption des Thrillers „Gone Girl“ (2014). Dass schätzungsweise nur zwei bis acht Prozent der Frauen Falschaussagen über Sexualdelikte machen, ist ein Fakt, der sich nur schwerlich gegen durchdringende misogyne Narrative durchsetzt. 

Dass sich seit MeToo strukturell wenig geändert hat, zeigen zahlreiche Fälle verschiedener Schweregrade, die Medien und Gerichte beschäftigen. Eine Wende im Narrativ stellte sich zuletzt mit dem Fall Gisele Pélicot ein, in dem nun ein Opfer zur souveränen Anklägerin wurde. 

Ihr Satz von der Scham, die die Seiten wechseln muss, legt nahe, dass der diskursive Fokus sich auch acht Jahre nach MeToo grundlegend neu lagern muss – weg von der Ausführung des Täters, hin zur Erfahrung des Opfers.

Eva Victor und Naomi Ackie in einer Szene des Films «Sorry, Baby»
Die Freundschaft zweier Frauen im Mittelpunkt: Eva Victor und Naomi Ackie in einer Szene des Films „Sorry, Baby“

„Sorry, Baby“ von Eva Victor

Ein Film, der diese Perspektive wählt, ist „Sorry, Baby“. Er spielt an einem fiktiven College irgendwo auf dem Land in New England. In fünf Kapiteln folgen wir über Rückblenden Agnes (Eva Victor), einer glänzenden Literaturstudentin, die von ihrem Doktorvater (Louis Cancelmi) vor Abgabe ihrer Dissertation vergewaltigt wird.

Die Tat bleibt folgenlos für ihn, denn er verschwindet. Agnes hingegen bleibt, und muss sich mit ihrem Trauma und der jahrelangen Arbeit, die nun für immer mit der Gewalt und dem Vertrauensbruch verbunden ist, zurechtfinden. Sinnbildlich wird ihr mit ihrer ersten Lehrstelle das Büro ihres Peinigers bereitgestellt. 

Der Film entzieht sich dem gängigen Dreh einer „He said, she said”-Erzählung, wie sie sich in „After the Hunt“ finden lässt. Wir sehen nicht, was wie passiert, sondern nur, dass Agnes das Haus ihres Professors betritt und bei Dunkelheit verlässt. Erst später, in der Badewanne, erzählt sie ihrer besten Freundin Lydie (Naomi Ackie) in desillusioniert-ruhigem Ton, was ihr widerfahren ist. 

Es sind keine Fragen nach der Wahrheit, Grauzone oder Schuld, die hier gestellt werden. Vielmehr wird die Vergewaltigung als alles verändernde Tatsache zu begreifen versucht. „Es ist das, diese Sache“, hält Lydie fest, und sagt damit eigentlich: die Sache, von der alle wissen, über die aber niemand spricht.

Sorry, Baby | Official Trailer HD | A24

Wahrheitssuche im Seminar

Damit entzieht „Sorry, Baby“ sein Sujet dem aufgeladenen Diskurs, den „After the Hunt“ so bemüht abzubilden sucht.

Die Fallhöhe an der realen Eliteuni im Vergleich zum fiktiven Collge erscheint dabei als aristotelisch hoch. Dass sich die Tragödie in „After the Hunt“ an der philosophischen Fakultät zuträgt, erleichtert es, den Überbau an Macht, Moral, dem Selbst und der Gesellschaft anzureißen. Dafür werden immer wieder Adorno, Arendt und Foucault zitiert.

Ayo Edebiri (links) und Julia Roberts in "After the Hunt" von Luca Guadagnino
Die Studentin und ihr Vorbild: Ayo Edebiri (links) und Julia Roberts in „After the Hunt“.

Man hat den Eindruck, Guadagnino verstecke sich dabei hinter sozialphilosophischen Vorhängen, unfähig, das Problem, auf das MeToo den Scheinwerfer gerichtet hat, weiter empirisch auszuleuchten. „Sorry, Baby“ wartet hingegen nicht mit großen Abhandlungen auf, sondern zieht geschickt die juristische Ebene von MeToo ein, indem sie abseits der Vergewaltigung thematisiert wird.

Agnes soll ihrer Bürgerpflicht als Jurymitglied nachkommen. Ihr wird dabei dargelegt, dass in dubio pro reo gilt, und manche Beweise stärker gewichten als andere. Dem Zuschauer wird überlassen, zu begreifen, wie schwer es ist, solche Fälle vor Gericht zu verhandeln, wenn Aussage gegen Aussage steht.

Selbst die schlagfertige Agnes kapituliert: Sie könne sich nichts Schlimmeres vorstellen, als das, was ihr geschehen ist, vor allen auszubreiten, sagt sie – ein Echo all der Frauen, die aus diesem Grund nicht vor Gericht ziehen. „Das Gesetz ergibt meiner Meinung nach keinen Sinn“, resümiert sie trocken.

Eine präzise Auseinandersetzung

Und dann wird in „Sorry, Baby“, wenn auch keine Philosoph, doch ein Schriftsteller zitiert: Agnes unterrichtet in ihrem Seminar Vladimir Nabokovs umstrittenen Roman „Lolita“. Ein Student ist angeekelt vom Inhalt, erkennt aber die sprachliche Brillanz.

Agnes unterstützt ihre Studierenden in der Befragung dieser Ambivalenz. Dass sie den Lehrstuhl nun neu ausfüllt, dass sie auf diese Weise unterrichten kann, macht sie als Opfer souverän. Und den Film zu einer zarten wie präzisen Befragung, wie eine Vergewaltigung das Leben einer Frau verändert. 

„Sorry, Baby“ ab dem 18. Dezember im Kino. „After the Hunt“ zu sehen auf Prime Video.

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