Prag ist ein Palimpsest, in der Stadt überlagern sich Geschichte und Sprache. Wer über die Karlsbrücke geht oder die vielen Türme passiert, trifft auf Jahrhunderte von Geschichten, auf Mythen und wandelt auf den Spuren literarischer Größen.
Man stelle sich das Prag um 1900 vor: die Kaffeehäuser belebt, ein Gemisch aus Sprachen. In den Cafés Arco, Central oder Continental trafen sich die Literaten.
Hier entstand das „Prager Deutsch“, eine Sprache, die tastend ist: Mit dem Takt des Tschechischen, der Melancholie des Jiddischen und geprägt vom strengen Amtsdeutsch der k.u.k.-Bürokratie. Die deutschsprachige Literatur Prags hat ihre Hochzeit zwischen 1894 und 1939.
„Prager Deutsch“: Die berühmten Vertreter
Klar, der bekannteste Vertreter dieser Zeit und Kartograf dieses Zustands: Franz Kafka.
Spinatpudding und Grünkernschnitten Franz Kafka und das Essen: Ein Hungerkünstler?
Franz Kafka hatte einige eigensinnige Essgewohnheiten. SWR Kultur Literaturchef Frank Hertweck weiß: Das Essen spielt auch eine Rolle in Kafkas literarischem Werk.
Aber auch Rainer Maria Rilke war Sohn dieser Stadt. Er wuchs am Rand des Jüdischen Viertels auf, nahe dem alten jüdischen Friedhof. Rilke lernte, dass Identität beweglich ist, dass Sprache nichts Endgültiges hat.
Dass ausgerechnet hier eine der bedeutendsten deutschsprachigen Literaturlandschaften der Moderne entstehen konnte, ist also kein Zufall. Deutsch, tschechisch, jüdisch – gerade in diesem Nebeneinander konnte die Moderne ihre Fragen stellen. Die Autoren der Stadt schrieben nicht aus einer Tradition heraus, sondern zwischen ihnen. Max Brod, Franz Werfel, Leo Perutz und Egon Erwin Kisch sind Vertreter dieser Zeit.
Geprägt von Prag: Milan Kundera
Etwas später, vor der Kulisse des Kalten Kriegs, schreibt zum Beispiel Milan Kundera, der große ironische Melancholiker der Nation, seine Geschichten. Er schreibt nicht mehr im Prager Deutsch, sondern Tschechisch, später im Französischen.
Prag prägte Kunderas Sprache, seine Literatur ist auch ein Produkt der Stadt, in der er bis 1975 lebte. Seine Romane entstehen im langen Schatten des Prager Frühlings 1968.
Auch Kunderas Schreiben war geprägt von der metaphysischen Kraft der Metropole und vom Wissen, dass Identität immer ein Zwischenraum ist: Er schrieb zwischen Ost und West, zwischen Erinnerung und Erfindung, auch dann noch, als er in Paris arbeitete, gezwungen ins Exil aufgrund seiner politischen Aktivitäten.
Dan Brown auf den Spuren des Golem
Und dann, in einem Schlenker, landet man im Jetzt. Die Stadt, die einst die Moderne gebar, ist heute Kulisse globaler Mythenproduktion. In Dan Browns neuem Thriller „The Secret of Secrets“ taucht Robert Langdon in Prag auf. Die Stadt, die Kafka durchquert und Kundera seziert hat, wird zur Bühne internationaler Geheimnisse.
Langdon jagt über den Altstädter Ring, vorbei an der astronomischen Uhr, wo jede volle Stunde eine Prozession mechanischer Heiliger einsetzt. Seine Ermittlungen führen in an den alten, jüdischen Friedhof und konfrontieren ihn mit der berüchtigtsten Sagengestalt der Stadt: dem Golem.
Prag und seine Besucher
Prag ist auch ein Magnet für Touristen: Auf jeden Einwohner kommen etwa fünf Besucher. In der Altstadt drängen sich Selfiesticks, Bierhelme und Souvenirläden, Gruppen von Junggesellenabschieden ziehen durch die engen Gassen. Und das Tourismus-Büro bietet natürlich Dan-Brown-Touren an.
Irgendwie passt es eben, dass Prag nun in der Popkultur als enigmatische Kulisse für Weltverschwörungen dient. Denn es zeigt doch etwas Wesentliches: Diese Stadt bleibt ein Resonanzraum für Erzählungen, eine Linie, die sich von Kafkas Existenzialismus über Rilkes Poesie und Kunderas Ironie bis hin zum dramatischen Verschwörungskosmos eines Dan Brown spannen lässt.
Tschechien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026
Eine Stadt eben, die in Ungleichzeitigkeiten lebt und die in der Literatur ihrer Schriftsteller nie nur Schauplatz ist, sondern selbst Protagonistin.
Und nicht zuletzt: Tschechien wird 2026 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Dieser Ehrengastauftritt wird Prag und das ganze literarische Potenzial des Landes noch stärker ins internationale Rampenlicht rücken.
Eine Chance, jene vielstimmige Kultur, über Kafka und Rilke hinaus, bis zu den Autoren der Gegenwart, lebendig zu feiern.