Die Philippinen sind für uns ein literarischer Newcomer. Denn es wurden in den letzten zwei Jahrzehnten nur genau zwei philippinische Romane ins Deutsche übersetzt: „Gagamba“ von F. Sionil José und „Die Erleuchteten“ von Miguel Syjuco.
Kulturexport spielte für die Philippinen bislang keine große Rolle. Auch deutsche Verlage hatten wenig Interesse an philippinischen Büchern. Jetzt aber ist die Buchmesse in Sicht, und die Publikationsdichte nimmt zu.
Etwa dreißig Bücher aus den Philippinen erscheinen zur Buchmesse. Deutlich weniger als bei anderen Gastländern, aber immerhin!
Schlagzeilen und Schlupfwinkel Das war die Frankfurter Buchmesse 2025: Mit neuen Büchern von Friedrich Ani und Annette Hug
Was war wichtig auf der Frankfurter Buchmesse? Wir besprechen Themen und Trends. Außerdem haben wir Krimiautor Friedrich Ani zu Gast. Und die Tagalog-Übersetzerin Annette Hug.
Rodrigo Dutertes „Krieg gegen die Drogen“
Auffällig ist die politische Offenheit der übersetzten Bücher. Erstaunlich, schließlich kennt das Land schweren politischen Druck.
Unter der Präsidentschaft von Rodrigo Duterte zwischen 2016 und 2022 gab es tausende außergerichtliche Tötungen. Zumeist richteten sich diese nächtlichen Einsätze gegen Drogendealer und Drogenkonsumenten, aber auch Regierungskritiker und Journalisten waren in Gefahr. Davon berichtet die Journalistin Patricia Evangelista in ihrem herausragenden Buch „Some People Need Killing“.
Seit 2022 ist nun Ferdinand Marcos Jr. an der Macht, der Sohn des 1986 vertriebenen Diktators Ferdinand Marcos und seiner Frau Imelda.
Auseinandersetzung mit der Marcos-Ära
Davon unbeeindruckt setzen sich viele der neuen Bücher kritisch mit der Marcos-Ära auseinander. Ferdinand Marcos war von 1965 bis 1986 Präsident und regierte das Land seit 1972 unter Kriegsrecht. Eine gefährliche Zeit. Jose Dalisay („Killing Time in a Warm Place”) und Lualhati Bautista („Die 70er“) erzählen in ihren Romanen von Marcos-kritischen Studenten.
Der Journalist Michael Beltran geht in „Der singende Gefangene und die Bibliothekarin mit nur einem Buch“ noch weiter. Er besuchte den Widerstandskämpfer José María Sison im niederländischen Exil.
Katrina Tuvera wiederum stammt aus einer Marcos-treuen Familie und beschäftigt sich damit in ihrem Roman „Die Kollaborateure”. Auch Marcos Junior wird kritisch unter die Lupe genommen: in der Anthologie „Von Marcos zu Marcos“.
Das Land der 170 Sprachen
Die meisten philippinischen Neuerscheinungen wurden aus dem Englischen übersetzt, nur vier Bücher aus dem Tagalog. Das liegt daran, dass es im deutschsprachigen Raum mit Annette Hug momentan nur eine einzige Tagalog-Übersetzerin gibt.
Englisch und Tagalog sind die beiden Nationalsprachen der Philippinen. So können sich die 120 Millionen Filipinos mit ihrer Vielfalt an 170 Regionalsprachen untereinander verständigen.
Das Spanische ist im Alltag nicht mehr gebräuchlich, auch wenn die Philippinen über 300 Jahre lang eine spanische Kolonie waren. 1898 kauften die USA den Spaniern die Philippinen ab. Erst 1946 wurde der Archipel unabhängig.
Ein Autor als Nationalheld: José Rizal
Den Siegeszug des Englischen hat José Rizal (1861-1896) nicht mehr miterlebt. Seinen Namen muss man zur Buchmesse kennen, denn er ist der philippinische Nationalheld schlechthin. Seine politischen Texte und auch seine beiden satirischen Gesellschaftsromane „Noli Me Tangere“ und „El Filibusterismo – Die Rebellion“ gehören zu den wichtigsten Büchern des Archipels.
Verfasst noch unter den Spaniern nehmen sie die Provinzvorsteher, Grundbesitzer und Mönche aufs Korn. Mit nur 35 Jahren wurde José Rizal zum Tode verurteilt und in Manila erschossen.
Heute steht in jedem größeren Ort der Philippinen eine Rizal-Statue. Auch in Wilhelmsfeld bei Heidelberg, wo José Rizal 1886 Augenheilkunde studierte.
Hausmädchen und andere „Oversea Filipino Workers“
José Rizal kämpfte für mehr Gerechtigkeit auf den Philippinen. Doch bis heute ist Reichtum nicht fair verteilt. Weil man im Ausland oft besser verdienen kann als zuhause, gibt es viele „Oversea Filipino Workers“, Filipinos und Filipinas, die im Ausland arbeiten.
In Romanen kommen daher besonders viele Hausmädchen vor. Oft arbeiten sie im Ausland und kehren aus familiären Gründen nach Hause zurück.
Von Hausmädchen erzählen aktuell die Autoren Caroline Hau („Stille im August“), Jose Dalisay („Last Call Manila“) und Jessica Zafra („Ein ziemlich böses Mädchen“).
Erdbeben und Taifune im Pazifik
Überhaupt wird auf den Philippinen viel gereist. Kein Wunder bei 7.641 Inseln. Oft muss jemand dringend eine Fähre oder ein Flugzeug kriegen. Weil die Philippinen aber auf dem Pazifischen Feuerring liegen, kommt es häufig zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Taifunen.
Von einem Erdbeben erzählt F. Sionil José in seinem schon 2014 übersetzten Roman „Gagamba“. Bei Daryll Delgado spielt wiederum ein Taifun eine wichtige Rolle: Taifun Haiyan, der im November 2013 über die Visayas fegte und als einer der schlimmsten Taifune überhaupt gilt.
Filipinos lieben Horror
Die Visayas sind – neben der Metropolregion Manila – ein wichtiger literarischer Schauplatz. Neben Caroline Hau und Daryll Delgado hat auch Allan N. Derain seinen Roman „Das Meer der Aswang“ auf den Visayas angesiedelt. Er geht darin 300 Jahre zurück und erzählt von einem Mädchen, das sich in ein Krokodil verwandelt.
Überhaupt gibt es Geistergeschichten auf den Philippinen zuhauf. Filipinos lieben Horror. Einen sehr bildlichen Eindruck davon vermitteln die zahlreichen Graphic Novels, die größtenteils der Mannheimer Dantes-Verlag publiziert.
Dreißig spannende Neuerscheinungen
Auch wenn zur Frankfurter Buchmesse nur rund dreißig neue philippinische Bücher erscheinen: Der Ertrag ist reichhaltig! Auffällig ist, dass alle Bücher, auch die Graphic Novels, durchdrungen sind von Geschichte und Politik. Sie befassen sich nicht nur kritisch mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart.
Die Philippinen sind 2025 eine große literarische Entdeckung.