1915, mitten im Ersten Weltkrieg, verfasste der kaiserliche Gesandte Deutschlands in Kopenhagen, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, eine einflussreiche Denkschrift:
„Es wäre ein folgenschwerer Irrtum, jetzt noch traditionelle Beziehungen zu Russland, das heißt zum Hause Romanow, ernstlich in die Waagschale legen zu wollen“, heißt es in der Schrift.
„Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren. Bevor das Zarenreich in seinem jetzigen Bestande nicht erschüttert ist, wird dieses Ziel nicht erreicht werden.“
Lenin als deutsche Geheim- und Wunderwaffe
Der Diplomat schlug vor, Russland mit Hilfe der Bolschewisten zu schwächen, damit Deutschland den Zweifrontenkrieg beenden und sich auf den Kampf gegen die die Alliierten im Westen konzentrieren könne. Im Diplomatenkorps ging man ohnehin davon aus, dass die Bolschewisten bald scheitern würden.
Der Rest ist bekannt: Lenin reiste 1917 aus dem Schweizer Exil über Deutschland nach Russland. Ein paar Monate später führten die Bolschewisten die Oktoberrevolution an. So Sebastian Haffner:
„Für das ganze offizielle Deutschland war Lenin die deutsche Geheim- und Wunderwaffe, die politische Atombombe des Ersten Weltkriegs. Ohne das deutsche Bündnis wäre die Oktoberrevolution unmöglich gewesen.“
Das fatale deutsch-russische Bündnis ist für Haffner der titelgebende „Teufelspakt“: Deutschland verhalf Lenin an die Macht und erhielt dafür einen militärischen Vorteil. 1918 schloss es mit Sowjetrussland in Brest-Litowsk einen Sonderfrieden und konnte dadurch Truppen von der Ost- and die Westfront verlegen.
Der deutsche Sonderweg
Der antiwestliche deutsche Kurs setzte sich nach Haffners Deutung 1922 mit dem Vertrag von Rapallo fort, der den Bund von „kommunistischem Russland und antikommunistischem Deutschland“, inzwischen Weimarer Republik, ein weiteres Mal bekräftigte – ein Schritt, den vor allem nationalkonservative Kreise begrüßten.
Ab 1933 verengt sich Haffners Perspektive ganz auf das „Duell zweier Männer“:
Jetzt gab es nur noch den Willen Hitlers und den Willen Stalins. Wenn man die furchtbare Periode, die jetzt für Deutschland und Russland anbrach, verstehen will, muss man Hitler und Stalin verstehen – nichts weiter.
Für uns Heutige überraschend hält Haffner den Despoten Stalin für einen – Zitat – „Mann des gesunden Menschenverstandes“. Dagegen sei Hitler ein „Träumer“ gewesen, der sein megalomanes Ziel, die Eroberung und Kolonisierung der Sowjetunion, 1939 mithilfe des Molotow-Ribbentrop-Pakts habe erreichen wollen.
Der Nichtangriffspakt, bzw. dessen geheimes Zusatzprotokoll, sollte die kleineren Länder zwischen Berlin und Moskau ausschalten und teilte Ostmitteleuropa zunächst in deutsche und sowjetische Interessensphären auf.
Plädoyer für eine neue Ostpolitik
Haffners Buch endet bei Konrad Adenauer, der die deutsche Westbindung ohne Wenn und Aber durchsetzte. Demgegenüber hätte Haffner die sogenannte Stalin-Note von 1952 favorisiert, die offiziell ein neutrales Deutschland versprach. Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs liest sich das zugleich als Plädoyer für eine neue Ostpolitik.
„Der Teufelspakt“ ist ein kompakter und lehrreicher Essay, der personenzentriert und damit methodisch noch im Stil der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts erzählt. Seiner Zeit voraus war Haffner jedoch darin, Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion nicht als „europäischen Normalkrieg“, sondern als Vernichtungsfeldzug zu brandmarken.
Die Lektüre zeigt auch, dass die seltsame „tödlich-intime gegenseitige Verknäuelung und Verstrickung“ der Deutschen und der Russen bis weit in die Gegenwart nachwirkte.
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