Eine Geschichte, die nicht endet
Fröhlich winkende Drogenutensilien vor knallorangem Hintergrund: Was auf den ersten Blick irritiert, ist der Einstieg in eine Geschichte, die ebenso radikal wie poetisch ist. Shevek Selbert verwandelt seine Kindheit im Junkiehaushalt in eine Graphic Novel. Erinnerung macht er zu Kunst.
„Ich sah meine Mutter zuletzt, als ich neun Jahre alt war“, erinnert sich Selbert. „Ich solle eine Woche zu meinen Großeltern, väterlicherseits. Sie hatte versprochen, dass sie mich wieder abholt. Also wartete ich. Sie kam aber nicht und starb ein Jahr später. Trotzdem warte ich immer noch auf sie.“
Jetzt nähere ich mich dieser Geschichte seit 30 Jahren, als würde ich auf einer Ausgrabungsstelle leben.
Shevek Selbert ist eigentlich Pädagoge und promovierte in Freiburg über autobiografisches Erzählen. Doch seine eigene Geschichte bleibt lange unbearbeitet, bis ein Impuls alles verändert: die Bewerbung für den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung.
Im Zentrum seiner Graphic Novel steht die Mutter Brigitte: adoptiert, später drogensüchtig, und bis heute für Selbert prägend.
Erinnerungen an die Mutter im kleinen Karteikasten
Selbert hält einen kleinen Karteikasten vorsichtig in den Händen: „Meine Idee war, alle Erinnerungen auf eine Karteikarte zu schreiben. Also für jede Einzel-Ereignis-Erinnerung aus der Zeit mit meiner Mutter eine Karteikarte zu machen.“ Mehr Erinnerungen als die im kleinen Karteikasten habe er gar nicht, erklärt der Autor.
Er hatte auf mehr Greifbares gehofft, so Selbert. „Das ist ein kleines bisschen lächerlich, was ich hier erwartet hatte, wie viele Erinnerungen ich zusammen bekomme.“
Ein Schaukasten voll Memorabilien
Schließlich baute sich Selbert einen kleinen Schaukasten zusammen und arrangierte darin Erinnerungsstücke, die er mit seiner Mutter verband: ein Fernglas, ein Schweizer Taschenmesser und kleine Figuren – alles Dinge, die seine Mutter für ihn gestohlen hatte. „Wir waren im Laden und ich habe gesagt, das ist eigentlich ganz nett. Und dann hatte sie das plötzlich aus der Jacke gezaubert.“
Auch Bücher, die ihn an seine Mutter erinnern, platzierte Selbert im Schaukasten. Darunter „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. „Das haben wir so ein bisschen um die Wette gelesen, meine Mutter und ich“, erinnert er sich.
Das sei die Rettung gewesen, resümiert Selbert, die es ihm ermögliche, heute über seine Mutter zu reden: „Ich würde schon sagen, dass ich mit Liebe sehr stark versorgt wurde. Und mit Urvertrauen.“ Das habe ihm auch über die schweren Drogenphasen hinweggeholfen: „Ich bin nicht morgens aufgestanden und dachte: Meine Güte, wann hört das endlich auf? Das war ja Normalität, das war einfach Alltag.“
Frankfurt, Stadt der Spritzen
Begleitet vom Kamerateam kehrt Selbert zurück nach Frankfurt. In eine Stadt, die für ihn nie neutral war. In den 1980ern-Jahren ist sie Hotspot der offenen Drogenszene, für Selbert wird sie Kulisse seiner Kindheit.
Es waren quasi Familienausflüge zum Prostituieren oder zum Drogenkaufen, sagt der Künstler heute. „Deshalb ist mein Blick auf Frankfurt natürlich auch sehr gestört.
„Ich sehe eben diese Spritzen, für mich sind das Spritzen,“ sagt Selbert und zeigt dabei auf die verglasten Wolkenkratzer von „Mainhattan“. „Ein Jahr später war auch meine Mutter eine Junkie-Leiche in Frankfurt. Unweit der Mutterstatue in der Gallus-Anlage starb meine Mutter wenige Tage nach Muttertag 1992.“
Aufwachsen beim Vater im Provisorium
Nach dem Tod der Mutter kommt Selbert zu seinem Vater. Es ist eine Notlösung. Die Lebensverhältnisse erinnern fast an eine düstere Popkultur-Referenz: Harry Potter, das Kind unter der Treppe.
„Ich wohnte da erst unter einer Treppe und dann hat er eben in den Küchenraum Wände eingezogen und eine kleine Kammer geschaffen. Ich bin leider zehn Jahre lang kleben geblieben in dieser kleinen Kabine“, erzählt der Comic-Autor über die Zeit bei seinem Vater.
Erkenntnis über das Ausgeliefertsein als Kind
Erst Jahre später entdeckt Shevek Selbert ein weiteres Fragment: Nach dem Tod des Adoptiv-Großvaters taucht ein alter Familienfilm auf, Selberts Taufe im Jahr 1981. Es ist die einzige bewegte Erinnerung an diese Zeit.
Auch dieses Material fließt in die Comic-Reihe ein. Geplant hat Selbert insgesamt sechs Bände. Für zwei davon erhält er nun in Stuttgart den Comicbuchpreis.
Die künstlerische Arbeit brachte ihm eine entscheidende Erkenntnis: „Ich bin das Kind in dieser Geschichte. Ich bin nicht der, der die Macht hatte. Ich war den Regeln der anderen ausgeliefert und musste da musste irgendwie klarkommen.“
Der kleine Prinz auf dem Drogen-Planeten
Selberts Arbeiten sind drastisch und zugleich voller Leichtigkeit. Immer wieder taucht ein vertrautes Motiv auf, neu gelesen:
„Die Idee ist, dass meine Mutter und ich quasi dieses Buch, ‚Den kleinen Prinzen‘ zusammen gelesen haben“, erklärt der Comic-Autor. „Irgendwie war ich ja auch ein kleiner Prinz, aber auf dem Drogen-Planeten.“
Hat die Arbeit am Comic Shevek Selbert geholfen, seine eigene Kindheit zu verarbeiten? Er befinde sich noch im Prozess, resümiert der Autor: „Erzählen ist auch eine Ermächtigung. Man ist nicht Spielball der Geschichten anderer, sondern man erzählt selbst die eigene Geschichte.“
Anmerkung der Redaktion:
In einer frühen Fassung des Audiobeitrags wurde berichtet, dass der Vater des Autors Shevek K. Selbert alkoholsüchtig sei. Dies entspricht nicht den Tatsachen, die Passage wurde korrigiert. Wir möchten uns für diesen Fehler entschuldigen.
Comicbuchpreis 2026 Zwischen Drogen und Zärtlichkeit: Shevek Selbert verarbeitet schwierige Kindheit in Graphic Novel
Der 12. Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ging mit Shevek Selbert an einen Quereinsteiger. Der promovierte Pädagoge erzählt in einem (auto)biographisch angelegten Comic-Doppelband von seiner Mutter und seinem Aufwachsen in einem Junkie Haushalt. Darin reflektiert er das Erinnern selbst als einen unzuverlässigen Prozess: ein unaufgeregter, in orange-gelben Tönen gehaltener Comic, der auch viele anrührende, schöne Momente beschreibt.
Anmerkung der Redaktion:
In einer frühen Fassung des Audiobeitrags wurde berichtet, dass der Vater des Autors Shevek K. Selbert alkoholsüchtig sei. Dies entspricht nicht den Tatsachen, die Passage wurde korrigiert. Wir möchten uns für diesen Fehler entschuldigen.
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