Slata Roschals dritter Roman
„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ oder „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“ – die Titel, die Slata Roschal für ihre Bücher wählt, sind ein Albtraum für Verlagsvertreter:
Zu lang, das Gegenteil von griffig, erstmal unverständlich. Das gilt auch für ihren neuen Roman, Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“.
Vermutlich hat Roschal gute Argumente, um mit so etwas durchzukommen. Zum Beispiel, dass sie schon vielfach ausgezeichnet wurde und Jahr um Jahr mehrere Arbeitsstipendien erhält.
Die Münchner Autorin, 1992 in Sankt Petersburg geboren, seit 1997 in Deutschland aufgewachsen und promoviert über Dostojewski, erfreut die Kritik mit Lyrik und erzählender Prosa zwischen widerständiger Originalität und Formbewusstsein.
Identitäten, die nicht in Deckung zu bringen sind
Ihr Schreiben speist sich aus ihren eigenen Lebensthemen, ihrer Erfahrung der nicht in Deckung zu bringenden Identitäten zwischen Sprachen, Kulturen, Religionen und weiblichen Rollen.
Hinzu kommen ihr israelsolidarisches Engagement und ein scharfer Blick auf die brutalen ökonomischen Tatsachen des gegenwärtigen Literaturbetriebs.
So ist es auch in ihrem neuen Roman mit dem Dreizehn-Wörter-Titel. Da verbringt Lea Stein, eine Frau Mitte dreißig mit Sohn im Grundschulalter, blödem Ehemann und prekärem finanziellem Hintergrund, vier Nächte in einem luxuriösen Literaturhotel.
Eine neue Chance durch finanzielle Möglichkeiten?
Eingeladen hat sie Erwin Groß, ein erfolgreicher Literaturagent Mitte fünfzig. Er will Lea als Sekretärin beziehungsweise Mädchen für alles anstellen. Sie sieht den Job als letzte Chance auf einen Neustart, eine Scheidung vielleicht.
„Ich will ein anständiges Gehalt und eine Wohnung. Ich will, dass alle Geiseln nach Israel zurückkehren und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird. Ich will meinen Mann ängstlich statt verärgert sehen, wenn ich ihm sage, dass ich ihn verlasse.“
Dabei hat Lea kein gutes Verhältnis zu sich selbst, zu ihrem aus dem Leim gegangenen Körper mit dem Intimvirus, zu ihrer Prägung durch die russisch-jüdischen, christlich-frömmelnden, postsozialistisch kleinbürgerlichen Eltern.
Sie beobachtet sehr genau die anderen Frauen im Hotel, die selbstsicheren, gepflegt-alterslosen Damen mit Geld, vor allem aber die Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa, die den zahlenden Gästen hinterherputzen und diese ihrerseits beobachten.
Was das Zimmer der Putzfrau über den Gast verrät
Neben Lea kommen in Roschals auktorial-multiperspektivischem Erzählen einige dieser Frauen zu Wort. Hana zum Beispiel, die für Leas Zimmer zuständig ist:
„Nummer siebzehn ist weg zum Frühstück, denkt Hana um neun Uhr fünfzehn. Ich klopfe. Halte die Karte ran, rolle den Wagen rein [...] Ich hole neue Mülltüten und spanne sie auf, mache das Bett, sammle Kleidung vom Boden.
Dunkelrote Hose, schwarze Bluse, so dünn, dass sie sich nicht falten lässt, Socken, Wäsche, die Unterhose hat mehr Luft als Stoff, wohl breite Hüften und kleine Brust. Wische die Krümel vom Tisch, gehe den Staubsauger holen, am ersten Tag lassen die Leute alles liegen, dann merken sie, dass ich da bin, und räumen auf.“
Vom Nebeneinander der Soziotope
Und dann ereignet sich der vielzitierte Tod des Autors – aber wortwörtlich: Ein Kriminalschriftsteller, der im Hotel eine Lesung geben sollte, wird leblos in seinem Zimmer aufgefunden, mit blutender Kopfwunde. Unfall? Mord?
Erwin, ein alter weißer Literaturbetriebsonkel, wie er leider schon vielfach im Buche steht, drängt Lea unmotiviert zu einer Art Ermittlungsarbeit. Die Lösung des Falls wirkt willkürlich. Tut nichts, die locker gestrickte Kriminalhandlung liegt löchrig über dem, wovon Slata Roschal eigentlich erzählen will:
Vom Nebeneinander der Soziotope, deren Angehörige sich durch den Zugang zu Finanzmitteln wie zu Distinktionsmarkern unterscheiden. Das gibt Gelegenheit zu ausführlichem Aneinander-vorbei-Reden der beiden und inneren Monologen der, wie könnte es anders sein, scham- und komplexbehafteten Lea.
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Wie verortet man sich in der Welt der feinen Unterschiede?
Die Welt der „feinen Unterschiede“ und die Selbstverortung literarischer Figuren darin, das scheint, nicht erst seit der Erfindung des Konsumkapitalismus, ein unkaputtbares Thema, das jede Autorengeneration neu durchbuchstabiert.
Derzeit verbindet es sich bruchlos mit Moden des Buchmarkts – zu denen der Literaturagent Erwin, der sich mit allem gut auskennt, selbstredend eine lässig vorgetragene Ansicht hat:
„Arme Migrantenkinder, sag ich mal, die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen, bevor es mit dreißig ins richtige Leben geht.
Der Migrationskontext kann variieren, Türkei, Russland, Armenien, und ob der Absolvent nun nonbinär oder traumatisiert oder schizophren ist, macht keinen großen Unterschied. Und jedes dieser Bücher wird als bahnbrechend, originell beworben, eine Entdeckung der Saison“.
Sprachliche Ambitionen und Klischees
Ganz falsch liegt Erwin da nicht. Man denke nur an die vielen literarischen Nachahmerprodukte, die, themenfixiert und qualitätsblind eingekauft, die Verlagsprogramme verstopfen und angepriesen werden „für Leser von“ Saša Stanišić oder Fatma Aydemir oder Sasha Marianna Salzmann oder Kim de l‘Horizon.
Slata Roschal wollte unübersehbar anderes und mehr, als auf schmalen 160 Seiten eine traurige Jugend oder migrantische Wurzeln aufarbeiten. Sie wollte sogar viel mehr – Mental Load, Missbrauch und Mansplaining vorkommen lassen zu Beispiel, die Nazizeit, die Schoa sowie das Trauma des 7. Oktober 2023 streifen.
Das ist stellenweise einfach zu viel. Zudem lässt sich kaum ignorieren, dass durch sprachlich ambitionierte Sätze nicht selten die Klischees schimmern.
Ohne all dies hätte „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ vermutlich ein guter Roman werden können.
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