Zugabteile sind bevorzugte Handlungsorte für den Erzähler Sten Nadolny. Das galt für sein Debüt „Netzkarte“ von 1981 ebenso wie zehn Jahre später für „Selim oder die Gabe der Rede“. Auch der neue Roman des inzwischen 83-jährigen beginnt mit einer Zugfahrt.
Zwei alte Schulfreunde – der zögerliche, sich für „hochsensibel“ haltende Schriftsteller Michael und der polternde, bajuwarisch unerschrockene Theaterregisseur Bruno – reisen im Jahr 1998 von Düsseldorf nach Zürich. Unterwegs lernen sie eine wunderschöne junge Frau kennen, so klug wie geheimnisvoll.
Als Michael saß, konnte er sie betrachten. Stockhübsch, dachte er – das war sein Ausdruck für Frauen, die er schön fand. Aber da war noch etwas anderes. Diese Art Gesicht meinte er von einem alten Porträt her zu kennen und suchte im Gedächtnis vergeblich nach dem Maler. Einer der Cranachs vielleicht, aber hatten die jemals eine dunkelhaarige Frau gemalt?
Damit ist ein zentrales Motiv eingeführt: Gesichter und das genaue Hinsehen. Während der Schriftsteller Michael darunter leidet, sich keine Gesichter merken zu können, besitzt die junge Frau, die sich Marietta Robusti nennt, ein außerordentliches visuelles Gedächtnis.
Sie erkennt auch die beiden semiprominenten Mitreisenden sofort. Sie hat kein Geld, wird verfolgt oder überwacht, so dass die beiden Männer beschließen, ihr zu helfen.
Gibt es selbstlose Hilfe?
Erzählt wird dieser Auftakt von einem dritten Schulfreund, Titus, einem Drehbuchautor. Er begegnet – und davon erzählt er im zweiten Kapitel – Michael auf einer Kreuzfahrt im Sommer 2024. Michael zieht ihn in seine Geschichte mit Marietta hinein, die er vier Jahre nach der ersten Begegnung im Zug auf einer Lesereise wiedertraf, ohne sie sofort zu erkennen.
Denn sie saß nun im Rollstuhl. Von sexuellen Übergriffen in ihrer Jugend schwer traumatisiert und von einer rätselhaften Krankheit gelähmt, brauchte sie nun Hilfe ganz anderer Art. Doch auch Marietta selbst versteht sich als Helferin, weil sie mit ihren scharfen Augen alles wahrnimmt, was um sie herum passiert.
Ich helfe, weil ich, wenn ich hingesehen habe, nicht wieder wegsehen kann. Und weil ich dann das tun muss, was sich richtig anfühlt. Und weil Nichtstun sich meistens falsch anfühlt.
Michael wird zu ihrem Vertrauten, Begleiter, väterlichen Freund. Doch scheitert er daran, den Stoff „Frau im Rollstuhl“ zum Roman zu verdichten. Was wäre auch das Thema? Etwa die Frage, ob es reine, selbstlose Hilfe überhaupt gibt?
Also bittet er Titus darum, sich der Sache anzunehmen, auch wenn am Ende kein Drehbuch daraus wird, sondern ein Roman – ganz so, wie es einst bei Nadolnys Debüt „Netzkarte“ gewesen ist.
Erzählen als Teppichknüpfen
Auch das Operieren mit Herausgeber- oder wie in diesem Fall einer Schriftstellerfiktion ist bei Nadolny nicht neu, wie er überhaupt für seine „Herbstgeschichte“ viele Fäden seines Werkes wieder aufgenommen und neu verwoben hat.
Fäden der Fiktion
„Herbstgeschichte“ lebt vor allem von der sorgfältig ausgetüftelten Konstruktion, vielleicht auch von der Spannung, weil man wissen will, was mit Marietta geschehen ist und ob es für sie eine Rettung gibt. Darauf darf man hoffen, weil Nadolny als Erzähler gerne verschiedene Möglichkeiten anbietet und es seinen Lesern überlässt, aus den Fäden der Fiktion ihre eigene Wahrheit zu weben.
Weniger geglückt sind die etwas hölzernen Dialoge, die leicht verschmockten Altherrenfiguren und die allzu geflissentlich eingearbeiteten politischen Gegenwartsbezüge. Aufgewogen wird das aber durch den erzählerischen Charme Nadolnys und seine Menschenfreundlichkeit, die aus jedem noch so tragischen Ereignis das Beste herauszuholen vermag.
Züge und Begegnungen
Gespräch James Baldwin – Wie lange, sag mir, ist der Zug schon fort
„Wie lange, sag mir, ist der Zug schon fort“ ist Miriam Mandelkows vierte Baldwin Romanübersetzung. Trotzdem gibt es keine Baldwin-Routine, sagt sie, der Autor überrasche sie noch immer. Vor allem, wie kraftvoll er über Liebe und Sex schreibt, begeistert sie.
Im Lesenswert Gespräch spricht Miriam Mandelkow über Baldwins rhythmische Sprache und darüber, was sie anders machen muss, als die Übersetzer der 60er Jahre.
Mehr aktuelle Kritiken
Wut auf das Patriarchat Warum Tara-Louise Wittwers „Nemesis’ Töchter" kaum Neues sagt
Feminismus-Influencerin Tara-Louise Wittwer hat ein Buch über Female Rage - weibliche Wut – geschrieben mit wenig Lösungen für den Ausbruch aus patriarchaler Ungerechtigkeit.
Qual und Komik, Glück und Schmerz Ein beeindruckendes Buch: Peter Wawerzineks „Rom sehen und nicht sterben“
In Peter Wawerzineks neuem Roman „Rom sehen und nicht sterben“ wird er in der Ewigen Stadt mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert.
Die literarischen Biografie „Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“ „Aufrecht“ von Lea Ypi: Eine Biografie so spannend wie ein Thriller
Die albanische Starautorin Lea Ypi rekonstruiert in ihrer literarischen Biografie „Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“ die abenteuerliche Lebensgeschichte ihrer aus Griechenland stammenden Großmutter.