Wut auf das Patriarchat

Warum Tara-Louise Wittwers „Nemesis’ Töchter“ kaum Neues sagt

Die Autorin und Feminismus-Influencerin Tara-Louise Wittwer hat ein Buch über Female Rage - weibliche Wut – geschrieben mit wenig Lösungen für den Ausbruch aus patriarchaler Ungerechtigkeit.

Teilen

Stand

Von Autor/in Eva Marburg

„Was Tara sagt“ – 700.000 Follower auf Instagram 

Tara-Louise Wittwer erklärt und bespricht feministische Perspektiven auf ihrem Instagram-Account „Was Tara sagt“, sie kontert auf TikTok sexistischen Männern, die Dating-Tipps geben und postet humorvolle Clips, in denen sie einen Arzt spielt, der nicht weiß, was Endometriose bedeutet.  

Sie versteht ihre Inhalte als Einstieg in das Thema Feminismus und will andere Frauen darin bestärken, strukturelle Ungleichheiten zu erkennen. Tara-Louise Wittwer beschreibt in ihrem Buch „Nemesis‘ Töchter“ nun auch ihren eigenen Weg, der sie von einer einverstandenen Mitläuferin des Patriarchats zu einer, wie sie sagt, wachen und wütenden Frau gemacht habe.

Deshalb der Titel Nemesis – die ursprünglich antike Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit wurde im Laufe der Zeit zu einer Rachegöttin umgedeutet und damit zum abschreckenden Frauenbeispiel.    

Nemesis ist das passiert, was vielen Frauen früher oder später im Leben passiert: Ihr Handeln wurde fehlinterpretiert, sie wurde missverstanden, Opfer falscher Narrative, die sich verselbstständigt haben. Und so wurde aus ihr, deren Name wortwörtlich eigentlich "Zuteilung des Gebührenden" bedeutet, eine rachsüchtige und unkontrollierbare Göttin, die alles niedermäht, was ihr in den Weg kommt. Dieses Narrativ ist so faul, wie es alt ist. Es geht schneller, es ist eine Abkürzung, um vor allem weibliche Wut in irgendeiner Weise abzustrafen

Eine weibliche Wut, die tief sitzt 

Nun soll die Wut aber wiederkehren und damit auch Gerechtigkeit für die Frauen – Gründe dafür gibt es genug und Wittwer zählt sie auf: Opfer von Gewalt zu sein, belächelt zu werden, den Mental Load als Ehefrau und Mutter zu tragen, Körper- und Schönheitsidealen unterworfen zu sein, doppelt so viel leisten zu müssen, um Karriere zu machen wie ein Mann – die Liste ist endlos: 

Das alles ist female rage, das alles führt zu female rage. Zu einer Wut, die so tief in uns sitzt, dass sie seit Generationen vergraben ist. Es ist ein grundlegendes Gefühl von Einsamkeit, von sich-missverstanden-fühlen, von "Ich weiß eh, es wird wieder so sein." 

Die Nemesis Statue in der Christiansborg Schlosskirche in Dänemark, Kopenhagen.
Nemesis, Göttin der Vergeltung, bestraft Hybris und wahrt das Gleichgewicht zwischen Glück und Leid. Als Tochter der Nyx verkörpert sie göttliche Gerechtigkeit. Sie gilt als Symbol für das Schicksal, das jeden für seine Taten einholt.

Insta-Wutmonolog in Buchform

Mit allem, was Tara-Louise Wittwer in diesem zweihundert Seiten langen Insta-Wutmonolog in Buchform aufführt, hat sie vollkommen Recht. Nur leider bleibt der Eindruck von Erkenntnislosigkeit. Denn Frauen wissen, dass sie nachts alleine nicht durch den Park gehen können – Mütter wissen, dass sie überlastet sind – und wir wissen, dass Hexenverfolgungen im Mittelalter Massenmorde an Frauen waren.

Die vielen Aufzählungen, die oft wie eine Sammlung ihrer bisherigen Instagram-Beiträge anmuten, und die den frauenfeindlichen Phänomenen nur oberflächlich auf den Grund gehen, nehmen großen Raum ein. Da bleibt wenig Reflexion über Wege aus der vorhandenen Ungerechtigkeit. Hier kommt die Autorin über ein allgemeines Gefühl von Schwesterlichkeit und gegenseitiger weiblicher Unterstützung nicht hinaus.    

Female Rage und weibliche Wut in der Literatur Fünf Bücher, in denen Frauen richtig ausrasten dürfen

Fallwickl, Keßler, Kim, Bullwinkel und Hegemann erzählen in fünf aktuellen Romanen von weiblicher Wut: mal leise, mal laut, mal radikal, immer literarisch eindringlich.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Solidarität allein reicht nicht 

Solidarität unter Frauen und Schwesterlichkeit ist kein Konsens, sondern ein Kompass, nach dem ich leben will. Frauen, die sich nicht gegenseitig unterstützen, werden geschwächt - nicht unbedingt als Individuum, aber strukturell, gesellschaftlich und politisch. Sobald ich auf der Straße unterwegs bin und eine Frau sehe, lächele ich sie an. Weil ich weiß, sie wurde auch schon belogen oder betrogen. 

Deshalb bleibt am Ende die Frage offen, wie Female Rage genutzt werden kann, um Veränderungen herbeizuführen – Frauen, die sich auf der Straße zulächeln, werden die Gewalt des Patriarchats jedenfalls nicht stoppen können.

Female Rage und weibliche Wut in der Literatur Fünf Bücher, in denen Frauen richtig ausrasten dürfen

Fallwickl, Keßler, Kim, Bullwinkel und Hegemann erzählen in fünf aktuellen Romanen von weiblicher Wut: mal leise, mal laut, mal radikal, immer literarisch eindringlich.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Verlag „kiwi sphere“ eröffnet das Programm mit einem feministischen Horror-Roman Warum wir eine Männeraugen verspeisende Serienmörderin irgendwie gut verstehen können

Ji-won will menschliche Augen verspeisen. In „Das Beste sind die Augen“ von Monika Kim wird die Heldin zur Serienmörderin und rächt sich am männlichen Blick, dem „Male Gaze“.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Mit Female Rage gegen den Gender Gap: Ist weibliche Wut politisch?

Wie gesund, wichtig und politisch "Female Rage" ist - darum geht es im neuen Buch von Tara-Louise Wittwer. Und darum, weshalb sie genug davon hat, Männern Feminismus zu erklären.

„Urlaub vom Patriarchat. Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen" von Friederike Oertel Zu Besuch in einem der letzten Matriarchate Mexikos

Juchitán, so sagt man, ist eines der letzten Matriarchate Mexikos. Eine Femitopia also? Ein faszinierender Blick auf Geschlechterrollen jenseits von Klischees.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Seltsames Buchgenre erobert BookTok Weird Girl Fiction erklärt: Warum diese Romane jetzt alle lesen

„Weird Girl Fiction“ erobert nicht nur das Internet, sondern auch die Herzen vieler Leser*innen. Wir empfehlen drei seltsame Bücher und erklären, was das Genre ausmacht.

Hashtag trendet auf TikTok #Womeninmalefields: Wie Frauen mit Ironie toxische Männlichkeit bekämpfen

Mehr als 200.000 Userinnen weltweit haben bislang auf TikTok den Hashtag #WomenInMaleFields gepostet. Frauen kommentieren so in kurzen Clips sexistische und diskriminierende Sätze.

Essay Wer liebt Gwyneth Paltrow?

Der Grund für diesen Essay: ein nicht eindeutiges Gefühl, das Lena Reißner immer dann hat, wenn sie an die Schauspielerin denkt.  Diesem Gefühl geht die Autorin nach.

Essay von Lena Reissner
Produktion SWR 2022

Essay SWR Kultur

Gespräch Rebekka Endler: „Der patriarchale Leistungsbegriff war tief in mir verankert“

Was sind die Ursachen des Patriarchats? Und warum ist es bis heute dominant? Autorin Rebekka Endler untersucht misogyne Mythen.

Gespräch SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Eva Marburg