Entscheidung gegen die Mehrheit der Jury

Debatte um Bloch-Preis: Jury-Mitglieder kritisieren Wahl des Preisträgers

Alle drei Jahre wird der Ernst-Bloch-Preis vergeben. In diesem Jahr kam es zu Unstimmigkeiten zwischen zwei Jury-Mitgliedern und der Stadt Ludwigshafen. Die Frage: Ist Éric Vuillard der Richtige?

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Von Autor/in Mareike Gries

Wenn am 20. November im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen der Ernst-Bloch-Preis an den französischen Autor Éric Vuillard vergeben wird, dann werden nicht alle drei Jurymitglieder anwesend sein, so auch der Leuvener Philosophie-Professor Henning Tegtmeyer.

„Unter diesen Umständen werde ich nicht an der Preisverleihung teilnehmen können“, kommentierte er. Die „Umstände“, von denen Tegtmeyer spricht, sind kompliziert. Ihm und seiner Jury-Kollegin, der Publizistin und ehemaligen Taz- und Frankfurter-Rundschau-Herausgeberin Bascha Mika, gehe es dabei weniger um den Preisträger Éric Vuillard selbst.

Promo-Shoot des Schriftstellers Éric Vuillard bei der Vorstellung eines seiner Bücher in Barcelona im März 2023.
Die Mehrheit der Jury hatte sich für einen anderen Kandidaten ausgesprochen, dennoch vergibt die Stadt Ludwigshafen den Bloch-Preis 2025 an den französischen Schriftsteller Éric Vuillard.

Zwei Jury-Mitglieder kritisieren die Wahl des Preisträgers

„Es gibt eigentlich kein Problem mit Herrn Vuillard. Er ist ein sehr hoch angesehener, renommierter Schriftsteller, der auch zu Recht schon Literaturpreise bekommen hat“, erklärt Henning Tegtmeyer. „Es war nur so, dass zumindest die Mehrheit der Jurymitglieder, mich eingeschlossen, eine andere Vorstellung vom Bloch-Preis hat.“

Wäre der Bloch-Preis ein Literaturpreis, erklärt Tegtmeyer, wäre Vuillard sicher eine ausgezeichnete Wahl. Für den Bloch-Preis hingegen erscheine es ihm „ein bisschen wie ein Kategorienfehler, würden Philosophen wohl sagen“.

Im Gegensatz zu Éric Vuillard hätten die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger nicht ausschließlich fiktionale Texte veröffentlicht. Vuillard passe deshalb nicht in die Reihe der bereits Ausgezeichneten, so der Philosophie-Professor.

Berliner Akademie der Künste: Podiumsdiskussion "Das Abenteuer des Lesens. Siebzig Jahre Sinn und Form". Katharina Teutsch (Moderation), Matthias Weichelt (15.01.2019)
Jury-Mitglied Katharina Teutsch sieht in der Auszeichnung eines Schriftstellers mit dem Bloch-Preis kein Problem: „Mir ist bislang kein Argument untergekommen, das Vuillard an dieser Stelle als preisunwürdig qualifiziert.“ (Aufnahme von Januar 2019)

Katharina Teutsch: Kein Argument, das Vuillard disqualifiziert

Ganz anders sieht das allerdings das dritte Jurymitglied, die Kulturwissenschaftlerin Katharina Teutsch: „Die Behauptung, Vuillard sei als Schriftsteller kein vollwertiger Denker, widerspricht die Beschreibung des Bloch-Preises ja in seiner Satzung schon. Denn darin heißt es wortwörtlich: ‚Der Blochpreis soll an Autoren mit einem herausragenden wissenschaftlichen und literarischen Werk mit philosophischer Grundhaltung vergeben werden.‘“

„Mir ist bislang kein Argument untergekommen, das Vuillard an dieser Stelle als preisunwürdig qualifiziert“, so Teutsch. „Das wäre im Übrigen auch ziemlich schwer zu argumentieren, wenn man sich seriös mit dem Mann beschäftigt. Éric Vuillard ist gerade als Künstler mit blochschem Ethos ein Preisträger, auf den sich wirklich alle freuen dürfen.“

Stadt Ludwigshafen setzte sich über Jury-Empfehlung hinweg

Über die Verleihung des Ernst-Bloch-Preises entscheidet ein Beirat, in dem unter anderem Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck und Mitglieder der Stadtratsfraktion von Ludwigshafen sitzen. Diesem Beirat – so sieht es das Regelwerk vor – schlägt die Jury geeignete Preisträger vor.

Der Vorschlag sei zwar nicht bindend, wohl aber, so Henning Tegtmeyer, in der Vergangenheit durchweg angenommen worden. Problematisch findet er aber vor allem, dass der Jury keine Begründung mitgeteilt wurde, warum sich der Beirat gegen ihren mehrheitlichen Vorschlag entschieden hat. Vorgeschlagen hatten Bascha Mika und Henning Tegtmeyer den US-amerikanischen Historiker Timothy Snider.

Journalistin Bascha Mika zu Gast in der ARD-Talkshow "Hart aber Fair" (März 2025)
Die Journalistin und Publizistin Bascha Mika kritisiert die Intransparenz bei der Entscheidungsfindung der Stadt Ludwigshafen angesichts der Preisvergabe.

„Verwässerung des Profils“ beim Preis befürchtet

Tegtmeier erklärt: „Das Erste ist, dass die Stadt sich über die Expertise der Jury hinwegsetzt. Das finde ich zwar formal zulässig, aber unüblich. Ich finde auch, dass es eine problematische Entscheidung im Hinblick auf den Bloch-Preis ist. Frau Mika und ich befürchten eine Verwässerung des Profils des Preises. Hätten uns aber, und das ist eigentlich der Hauptgrund für den Unmut, vor allem gewünscht, dass man uns die Gründe für die abweichende Entscheidung mitteilt.“

Jurymitglied Bascha Mika hat ihrem Unmut in einem Protestbrief Luft gemacht, den auch Henning Tegtmeyer unterschrieben hat. Darin heißt es:

Für uns war es eine Ehre, in die Bloch-Jury berufen zu werden. Umso erschütterter blicken wir nun auf das extrem intransparente Verfahren, das Ergebnis und den Umgang mit unserer Arbeit und unserem Engagement. Bei allen bisherigen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Jurys haben wir derartiges noch nie erlebt.

Keine Stellungnahme seitens der Stadt Ludwigshafen

Eine Stellungnahme gibt es dazu von der Stadt Ludwigshafen bisher nicht. Jurymitglied Katharina Teutsch allerdings hält die Vorwürfe ihrer ehemaligen Jury-Kollegen für unzutreffend. Auch für sie ist Éric Vuillard ein idealer Preisträger, der ganz im Sinne Ernst Blochs wirkt.

„Vuillard hat sein gesamtes Werk den Kämpfern und Kämpferinnen für die Emanzipation des Individuums von plumpen Machtinteressen der herrschenden Klassen gewidmet. Er hat zum Beispiel über die französische Revolution geschrieben, über Hitler-Deutschland, über den Sozialrevolutionär und Reformator Thomas Münzer im Kampf gegen die Kirche, im Bauernkrieg.“

Der Schriftsteller und Philosoph Ernst Bloch am 28.05.1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main bei seinem Vortrag.
Der nach dem in Ludwigshafen geborenen Philosophen Ernst Bloch benannte Preis ehrt „herausragendes wissenschaftliches oder literarisches Schaffen mit philosophischer Grundhaltung, das für unsere Kultur in kritischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart bedeutsam ist“, heißt es in den Statuten.

Mit Blick auf den Namensgeber des Preises ergänzt sie: „Bloch hat übrigens auch mal ein Buch über diesen Thomas Münzer geschrieben und das interessiert auch Vuillard. Seine zeitgenössischen Lehrmeister, das sind Machttheoretiker wie Jacques Derrida oder Michel Foucault, aber auch Pierre Bourdieu, der Soziologe. Der hat übrigens auch mal den Bloch-Preis gewonnen und da schließt sich also ein Kreis.“

Katharina Teutsch blickt mit Vorfreude auf die Preisverleihung in der kommenden Woche, bei der auch Filmemacher Volker Schlöndorff als Laudator anwesend sein wird. Ihre Jury-Kollegen Bascha Mika und Henning Tegtmeyer zeigen sich weiterhin unversöhnlich.