Wenn am 20. November im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen der Ernst-Bloch-Preis an den französischen Autor Éric Vuillard vergeben wird, dann werden nicht alle drei Jurymitglieder anwesend sein, so auch der Leuvener Philosophie-Professor Henning Tegtmeyer.
„Unter diesen Umständen werde ich nicht an der Preisverleihung teilnehmen können“, kommentierte er. Die „Umstände“, von denen Tegtmeyer spricht, sind kompliziert. Ihm und seiner Jury-Kollegin, der Publizistin und ehemaligen Taz- und Frankfurter-Rundschau-Herausgeberin Bascha Mika, gehe es dabei weniger um den Preisträger Éric Vuillard selbst.
Zwei Jury-Mitglieder kritisieren die Wahl des Preisträgers
„Es gibt eigentlich kein Problem mit Herrn Vuillard. Er ist ein sehr hoch angesehener, renommierter Schriftsteller, der auch zu Recht schon Literaturpreise bekommen hat“, erklärt Henning Tegtmeyer. „Es war nur so, dass zumindest die Mehrheit der Jurymitglieder, mich eingeschlossen, eine andere Vorstellung vom Bloch-Preis hat.“
Wäre der Bloch-Preis ein Literaturpreis, erklärt Tegtmeyer, wäre Vuillard sicher eine ausgezeichnete Wahl. Für den Bloch-Preis hingegen erscheine es ihm „ein bisschen wie ein Kategorienfehler, würden Philosophen wohl sagen“.
Im Gegensatz zu Éric Vuillard hätten die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger nicht ausschließlich fiktionale Texte veröffentlicht. Vuillard passe deshalb nicht in die Reihe der bereits Ausgezeichneten, so der Philosophie-Professor.
Katharina Teutsch: Kein Argument, das Vuillard disqualifiziert
Ganz anders sieht das allerdings das dritte Jurymitglied, die Kulturwissenschaftlerin Katharina Teutsch: „Die Behauptung, Vuillard sei als Schriftsteller kein vollwertiger Denker, widerspricht die Beschreibung des Bloch-Preises ja in seiner Satzung schon. Denn darin heißt es wortwörtlich: ‚Der Blochpreis soll an Autoren mit einem herausragenden wissenschaftlichen und literarischen Werk mit philosophischer Grundhaltung vergeben werden.‘“
„Mir ist bislang kein Argument untergekommen, das Vuillard an dieser Stelle als preisunwürdig qualifiziert“, so Teutsch. „Das wäre im Übrigen auch ziemlich schwer zu argumentieren, wenn man sich seriös mit dem Mann beschäftigt. Éric Vuillard ist gerade als Künstler mit blochschem Ethos ein Preisträger, auf den sich wirklich alle freuen dürfen.“
Stadt Ludwigshafen setzte sich über Jury-Empfehlung hinweg
Über die Verleihung des Ernst-Bloch-Preises entscheidet ein Beirat, in dem unter anderem Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck und Mitglieder der Stadtratsfraktion von Ludwigshafen sitzen. Diesem Beirat – so sieht es das Regelwerk vor – schlägt die Jury geeignete Preisträger vor.
Der Vorschlag sei zwar nicht bindend, wohl aber, so Henning Tegtmeyer, in der Vergangenheit durchweg angenommen worden. Problematisch findet er aber vor allem, dass der Jury keine Begründung mitgeteilt wurde, warum sich der Beirat gegen ihren mehrheitlichen Vorschlag entschieden hat. Vorgeschlagen hatten Bascha Mika und Henning Tegtmeyer den US-amerikanischen Historiker Timothy Snider.
„Verwässerung des Profils“ beim Preis befürchtet
Tegtmeier erklärt: „Das Erste ist, dass die Stadt sich über die Expertise der Jury hinwegsetzt. Das finde ich zwar formal zulässig, aber unüblich. Ich finde auch, dass es eine problematische Entscheidung im Hinblick auf den Bloch-Preis ist. Frau Mika und ich befürchten eine Verwässerung des Profils des Preises. Hätten uns aber, und das ist eigentlich der Hauptgrund für den Unmut, vor allem gewünscht, dass man uns die Gründe für die abweichende Entscheidung mitteilt.“
Jurymitglied Bascha Mika hat ihrem Unmut in einem Protestbrief Luft gemacht, den auch Henning Tegtmeyer unterschrieben hat. Darin heißt es:
Für uns war es eine Ehre, in die Bloch-Jury berufen zu werden. Umso erschütterter blicken wir nun auf das extrem intransparente Verfahren, das Ergebnis und den Umgang mit unserer Arbeit und unserem Engagement. Bei allen bisherigen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Jurys haben wir derartiges noch nie erlebt.
Keine Stellungnahme seitens der Stadt Ludwigshafen
Eine Stellungnahme gibt es dazu von der Stadt Ludwigshafen bisher nicht. Jurymitglied Katharina Teutsch allerdings hält die Vorwürfe ihrer ehemaligen Jury-Kollegen für unzutreffend. Auch für sie ist Éric Vuillard ein idealer Preisträger, der ganz im Sinne Ernst Blochs wirkt.
„Vuillard hat sein gesamtes Werk den Kämpfern und Kämpferinnen für die Emanzipation des Individuums von plumpen Machtinteressen der herrschenden Klassen gewidmet. Er hat zum Beispiel über die französische Revolution geschrieben, über Hitler-Deutschland, über den Sozialrevolutionär und Reformator Thomas Münzer im Kampf gegen die Kirche, im Bauernkrieg.“
Mit Blick auf den Namensgeber des Preises ergänzt sie: „Bloch hat übrigens auch mal ein Buch über diesen Thomas Münzer geschrieben und das interessiert auch Vuillard. Seine zeitgenössischen Lehrmeister, das sind Machttheoretiker wie Jacques Derrida oder Michel Foucault, aber auch Pierre Bourdieu, der Soziologe. Der hat übrigens auch mal den Bloch-Preis gewonnen und da schließt sich also ein Kreis.“
Katharina Teutsch blickt mit Vorfreude auf die Preisverleihung in der kommenden Woche, bei der auch Filmemacher Volker Schlöndorff als Laudator anwesend sein wird. Ihre Jury-Kollegen Bascha Mika und Henning Tegtmeyer zeigen sich weiterhin unversöhnlich.