„Krankheit ist der große Beichtstuhl“

Freuden und Leiden zum Fliegen bringen – Virginia Woolf über Krankheit

Die große britische Autorin Virginia Woolf reflektiert, was Kranksein für sie und uns bedeutet: Der Geist wird schwach und der schmerzende Körper schwingt sich zum Herrscher auf.

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Stand

Von Autor/in Brigitte Neumann

Passend zum Beginn der Grippe-Saison lässt der Salzburger Verlag Jung und Jung Virginia Woolfs kleines Essay „On Being Ill“ erscheinen.  So weit, so gut. Die Übersetzung durch die Schriftstellerin Antje Ravik Strubel liest sich frisch, flott und frech – ganz auf der Höhe des englischen Originals.

Was aber sofort auffällt ist die lieblose Machart des Büchleins. Die Papierqualität ähnelt der von Löschpapier. Der Umschlag ist läppisch, nur ein wenig fester als der der Reclam Hefte.  

Lieblos aufgemacht und zusammengestellt 

Die Lieblosigkeit setzt sich im Inneren des Buches dann auch fort. Woolfs Essay „Vom Kranksein“ war offenbar zu kurz, also hat der Verlag noch ebensoviele Seiten mit Tagebuchnotizen hinzugefügt. Ausgewählt nach dem Kriterium einer eskalierenden Krankheitskrise, häufig nur ein kurzer Eintrag pro Jahr.

Virginia Woolf
Virginia Woolf

Es beginnt mit einer Notiz aus dem Jahr 1920. Die Autorin klagt über schlechtes Wetter und Zahnweh. Der letzte Tagebucheintrag von 1940 handelt vom Sterben:  

Ach, ich versuche, mir vorzustellen, wie man durch eine Bombe stirbt. Es ist recht deutlich – das Gefühl: kann aber für danach nur erstickendes Nichtsein sehen. Ich werde denken – ach, ich wollte noch zehn Jahre leben – nicht das... 

Virginia Woolf und die Bombe 

Um zu verstehen, wieso Virginia Woolf sich einen solchen Tod vorstellt, müsste man wissen, dass im Jahr 1940 Hitler die Luftschlacht um England befehligte. Durch das Buch erfährt man es nicht.

Einige Leser werden denken, die Angst vor der Bombe sei Virginia Woolfs suizidaler Neigung geschuldet. Mitnichten! Sie ist Ausdruck ihrer politischen Klarsicht. Über 43.000 Engländer kamen bei Hitlers Luftschlacht ums Leben.  

Wenden wir uns dem titelgebenden Essay zu: „Vom Kranksein“. Hier schreibt Virginia Woolf flüssig und fidel darüber, wie wohltuend es ist, sich vor den Ansprüchen der Welt zurückziehen zu können. Ansprüche, die sie verinnerlicht hat, das war ihr klar.

Literarische Fallbeschreibung

Sigmund Freuds bahnbrechendes Werk „Traumdeutungen“ war bereits im Jahr 1900 erschienen und dürfte Woolf ein Begriff gewesen sein. 1939 hat das Ehepaar Woolf Freud in seinem Londoner Exil besucht. Literatur war für Freud eine künstlerische Form der Fallbeschreibung.

Ein Arzt würde lapidar sagen, der Patient liege mit Grippe im Bett. Die kranke Schriftstellerin hingegen beschreibt, wie die Freunde, die an ihr Bett treten, plötzlich ihre Gestalt verändert haben:   

Manche nehmen eine fremdartige Schönheit an, andere haben sich zu plumpen Kröten verformt, während die ganze Landschaft des Lebens fern und hübsch daliegt, wie die Küste, die von einem Schiff weit draußen auf See zu sehen ist.

Kranke als Deserteure

„Krankheit ist der große Beichtstuhl“, schreibt Virginia Woolf. Und Kranke seien Deserteure aus der Armee der Tüchtigen:  

Wir treiben mit den Ästen im Strom, Hals über Kopf mit den welken Blättern im Rasen, verantwortungslos und unbeteiligt und in der Lage, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren, uns umzuschauen, aufzuschauen – hinaufzuschauen zum Himmel.

Dann kommt sie auf den örtlichen Bischof zu sprechen, ein Mann, der ständig für ein neues Auto sammelt, statt seinen Gläubigen einen Himmel zu bauen, in den sie dereinst gerne auffahren würden. Sie kommt zu dem Schluss: Einen Himmel zu bauen, dazu brauche es die Einbildungskraft eines Dichters. Eine schöne Idee und ein großes Projekt! 

Mein Tipp: Bevor das selbst etwas gelbsüchtig wirkende Büchlein „Vom Kranksein“ auseinanderfällt, schnell lesen. Der Essay-Teil eignet sich als Wiedereinstiegshilfe zur Lektüre des im Fischer-Verlag vorliegenden Gesamtwerks von Virginia Woolf. Aber hier ist erst einmal ihr Schalk zu genießen, die Kraft ihrer Fertigkeit, Freuden und Krisen des Lebens zum Fliegen zu bringen.

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Brigitte Neumann