Buchkritik

Sprachnomadin und Kosmopolitin – Volha Hapeyevas Lebens- und Reisejournal „Wörterbuch der Nomadin“

Die aus Belarus stammende Autorin Volha Hapeyeva reist viel, beobachtet Menschen und Sprache. Daraus zieht sie persönliche Schlüsse, denen man nicht immer zustimmen muss.

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Stand

Von Autor/in Andreas Puff-Trojan

Volha Hapeyeva hat als gebürtige Staatsbürgerin von Belarus die Auseinandersetzungen um die Selbstständigkeit ihres Landes miterlebt. Bei den heftigen Protesten 2020 hielt sie sich als Stadtschreiberin in Graz auf. Seitdem ist sie unterwegs: In Österreich, Deutschland, Frankreich, Japan und anderswo.

Im Zug liest Hapeyeva Cees Nootebooms Buch „Wie wird man Europäer?“ Das ist eine gute Frage, denn die Europäische Union setzt in Sachen Gemeinschaft sehr stark auf wirtschaftliche Prosperität als einigenden Faktor.

Nimmt Hapeyeva bei Lesungen Bezug auf ihre Heimat Belarus, dann staunt das Publikum. 

Das Land bleibt ein Geheimnis, das niemand versteht und vielleicht auch nicht verstehen will. 

Essay Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils

Worte können töten – oder befreien. In ihrem Essay setzt Volha Hapeyeva despotischen Machtstrukturen ein vielstimmiges, poetisches und nomadisches Denken entgegen.

Essay SWR Kultur

Die Last der kleinen Staaten 

Aus diesem tristen Faktum zieht die Autorin allerdings einen ungewöhnlichen Schluss: 

Während die „Großen“ sich Fehltritte leisten dürfen, wird von den „Kleinen“ verlangt, perfekt, fehlerlos und unterwürfig zu sein. Das, was Frauen und kleine Nationen gleichermaßen betrifft, entspringt ein und demselben System: dem Patriarchat. 

Dass Frauen vom Patriarchat unter Repressionen leiden, wird man zustimmen. Man könnte auch sagen, alle Staatsverfassungen wurden fast ausschließlich von Männern entworfen.

Aber dass kleinere Staaten in der EU keine Rolle spielen, ist schlicht falsch! Ungarns Regierung legt sich oft quer zu EU-Entscheidungen, ebenso Tschechien. Und als gebürtiger Österreicher fühle ich mich persönlich überhaupt nicht von Deutschland, Frankreich oder Italien unterdrückt.

Adels-Tick in Frankreich?

Die Nomadin Hapeyeva ist auch nach Frankreich gereist. Und ist erstaunt, welch enormen Adels-Tick die Französinnen und Franzosen entwickeln. 

Die Franzosen wollen so viele Beweise wie möglich dafür sammeln, dass sie von adeliger Geburt sind, und sie versuchen, ihrem Status in allem gerecht zu werden.

Da kann ich als Rezensent nur staunen: Ich habe sechs Jahre in Paris gearbeitet, und in dieser Zeit gab es mit der Kollegenschaft oder mit französischen Bekannten nicht ein einziges Gespräch über den Adel!

Nimmt man dort wie hier die Yellow-Press zur Hand, dann ließe sich festhalten, in Deutschland oder Österreich hat der Hochadel eine echte Fan-Gemeinde!

Weltoffenheit mit Bevorzugung

Deutsch ist für die schreibende Nomadin durchaus eine schöne Sprache, aber: 

Die belarussische Sprache zählt zu einer der wohlklingendsten Sprachen der Welt, gleich nach dem Italienischen.

Schön, mag sein. Das Französiche kann es nicht sein, denn die Native Speaker dort näseln durch ihr adeliges Näschen. Spaß beiseite.

Eines darf man aber doch festhalten: Volha Hapeyeva möchte als schreibende Nomadin Weltoffenheit beweisen, doch durch die belarussische Hintertür schleichen sich eine Menge an Ressentiments ein.  

Belarussisch und andere Sprachen 

In eine andere Richtung geht das „Wörterbuch der Nomadin“, wenn die Autorin über ihre poetischen Spracherfahrungen erzählt.

Bei ihren eigenen Lesungen mischt sie in den deutschen Text Wörter aus dem Belarussischen. Das erhöht einerseits die Bedeutungsvielfalt, macht aber auch neugierig auf eine Sprache, die man hierzulande kaum kennt. 

Sprache ist Teil der Identität, und verschiedene Sprachen geben uns verschiedene Blickwinkel auf die Welt und uns selbst.

Sprache als Spiegel menschlichen Handelns 

Mehrere Sprachen zu sprechen, verbindet einen mit anderen. Das ist zwar eine Binsenweisheit– und trotzdem ist sie gültig. Auf jeden Fall setzt man sich mit der Welt, die einen umgibt, kritisch auseinander.

Und manchmal ist Lesen auch reiner Genuss. In gewisser Weise sind Lesende Literaturnomaden, die durch die Weltliteratur streifen. Und Volha Hapeyeva plädiert als literarische Nomadin entschlossen für eine neue Form der Subjektivität. 

Sie ist jemand, die von Sprache zu Sprache springt, in mehreren Zeitzonen lebt, ihren Körper liebt und zulässt, dass er anders sein kann, die Körper anderer Wesen liebt und sich ihrer und der eigenen Grenzen bewusst ist.

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Andreas Puff-Trojan