Autoritär ist unsexy

Wer braucht heute noch ein Lexikon?

Ein neues Lexikon entsteht: „Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen“. 30 Artikel stehen schon online. Der Historiker Kristoffer Klammer hat zum Stichwort „Autorität“ geschrieben.

Teilen

Stand

Momentan können wir live erleben, wie ein neues Lexikon entsteht: „Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen“. Dieses „Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland“ will erfassen, wie sich die Bedeutung von Wörtern im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat.

Dreißig Texte wurden online bereits publiziert. Einer dieser Artikel befasst sich mit den Stichworten Autorität, autoritär und antiautoritär. Ein wichtiger Text, da autoritäre Strukturen weltweit wieder zunehmen. Der Historiker Kristoffer Klammer hat ihn verfasst.

Kristoffer Klammer (c) privat
Kristoffer Klammer (c) privat Pressestelle Kristoffer Klammer (c) privat

Erschütterte Autorität nach dem Zweiten Weltkrieg

Interessanterweise haben sich die Verwendung und Bedeutung der drei Stichworte aufgrund der Weltkriegserfahrung stark gewandelt. Autorität etwa besaß eine Person in der ersten Jahrhunderthälfte noch aufgrund von Tradition oder sozialer Position.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Autorität dagegen zunehmend problematisiert. Sie musste verstärkt begründet und immer wieder neu legitimiert werden, bevor sie so benannt werden konnte, fand Klammer bei seinen sprachhistorischen Untersuchungen heraus.

Autoritär: zunächst neutral, dann durchweg negativ konnotiert

Eine noch stärkere Bedeutungsverschiebung erlebte das Adjektiv autoritär, sagt Kristoffer Klammer: „Bis in die 1930er Jahre wird das Wort noch relativ wertneutral, teilweise sogar positiv konnotiert verwendet.“ Mit der Erfahrung der Nazi-Diktatur aber ändert sich das. „Von da an ist autoritär ein negativ konnotiertes Adjektiv, das sich praktisch nicht mehr positiv verwenden lässt.“

Die antiautoritäre Erziehung der 1960er Jahre

In den 1960er Jahren kam dann das Adjektiv antiautoritär auf. Es stammt aus Sozialpsychologie und Pädagogik und wird vor allem im Kontext der Kindererziehung verwendet.

Der Begriff wurde erfolgreich, weil die antiautoritäre Erziehung langlebige autoritäre Strukturen durchbrach und warnte „vor der potenziellen Rückfallanfälligkeit der Gesellschaft für undemokratische politische Systeme“, sagt Kristoffer Klammer.

Methodische Stringenz statt Wikipedia

Auch auf Wikipedia gibt es einen umfangreichen Text mit allerlei Gedanken zum Stichwort Autorität. Kristoffer Klammers Text aber ist methodisch stringenter. Für seine sprachhistorische Untersuchung hat er eine Vielzahl Schriften untersucht: Lexika, Zeitungen, Magazine, Reden, Parlamentsdebatten, Interviews, audiovisuelle Quellen und sogar Blog-Beiträge.

Rund einhundert Artikel sind für das Kompendium „Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen“ geplant. Zum Abschluss des Projektes werden die Texte gedruckt und in fünf Bänden im Schwabe-Verlag erscheinen.

Buchkritik Antonio Scurati – M. Das Buch des Krieges

Antonio Scuratis M. Das Buch des Krieges: Ein Roman über den Zweiten Weltkrieg, der einer griechischen Tragödie ähnelt.
Rezension von Aureliana Sorrento

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Susanne Fröhlich: Was bei der Kindererziehung falsch läuft und warum Wut für Frauen wichtig ist

Susanne Fröhlich verrät im Interview, warum Frauen öfter wütend sein sollten und es bei der Erziehung ihrer Kinder harte, aber klare Regeln gab. (erstmals am 31.1.2024 veröffentlicht)

Erstmals publiziert am
Stand
Gespräch mit
Kristoffer Klammer
Das Gespräch führte
Katharina Borchardt
Katharina Borchardt