Neuer Roman vom Literaturnobelpreisträger 2025

László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“: Vom Wahnsinn der Herrscher und herrschendem Wahnsinn

László Krasznahorkai erfindet in seinem neuen Roman eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern, die in Ungarn die Monarchie wiederherstellen wollen. Ihren König und seinen Thron haben sie schon gefunden.

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Von Autor/in Jörg Magenau

Zsömle ist ein alter Hund. Er kann kaum noch den Kopf heben, und am Ende des ersten Kapitels ist er tot. Aber dann kommt ein neuer Zsömle ins Haus, der den Platz des alten einnimmt. Mit Hunden ist es wie in der Monarchie: Der König ist tot, es lebe der König.

László Krasznahorkai hat diesen Hund zum Titelhelden seines neuen, irrlichternden Romans gemacht. Weil es in „Zsömle ist weg“ um die Wiedereinführung der Monarchie in Ungarn geht, ist er das völlig zurecht, auch wenn er die meiste Zeit an der Kette liegt.

Zsömle gehört einem uralten, einundneunzig Jahre alten Herrn, der sich für einen Enkel des Enkels von Dschingis Khan und für einen Nachfahren der Arpaden-Dynastie und also den legitimen König von Ungarn hält. Er lebt zurückgezogen in einem heruntergekommen Haus auf einem Berg und hat eigentlich längst alles hinter sich.

… was zum Teufel hatte er hier noch zu suchen, sollte doch das Ende kommen, was kümmerte es ihn, er hatte genug gesehen, hatte genug gekämpft, und das Blut und die Lymphe, die Muskeln und Nerven in ihm hatten genug gearbeitet, der Himmelsvater sollte ihn hier und jetzt holen kommen, sie konnten ihm gut zureden, aber auch dann nicht, gut zureden, o Eure Majestät, …

Der König und die Königstreuen

An das Hoftor klopft dann aber nicht der Himmelsvater, sondern eine Gruppe königstreuer Männer, die all ihre Hoffnungen darauf setzen, den Monarchen aufgespürt zu haben. Der verbittet sich zwar, mit „Majestät“ angesprochen zu werden. Er möchte lieber „Onkel Jozsi“ bleiben, während alle um ihn herum in der kalten Küche sitzen und aus vier Kaffeetassen trinken, weil er mehr Tassen nicht besitzt.

Aus der Diskrepanz zwischen hinterwäldlerischer Dorfwelt und Königsträumen, zwischen Wirklichkeit und Wahn, entsteht eine Komik, die dem Roman seine Energie gibt. Dabei nimmt Krasznahorkai seine eher trottelhaften als revolutionären Protagonisten so ernst, dass man durchaus mit ihnen sympathisiert.

Wäre die Monarchie nicht wirklich ein Schritt aus dem Schlamassel der verkorksten Gegenwart? Würde dann vielleicht endlich auch die Dorfstraße asphaltiert, unter deren schlechtem Zustand der „Drübennachbar“ so sehr leidet?

… und überhaupt, solange dieser Orbán an der Macht ist, und das sind noch zwei Jahre, wird in Wahrheit ohnehin nichts passieren, zwei Jahre, brummte der Professor und brummten auch die anderen und sahen einander fragend an, darunter zwei namhaft zu nennende Historiker, die sich als eine der Ersten den Besuchern angeschlossen hatten, …

Komik und Trauer

Krasznahorkai schreibt, wie man das von ihm gewohnt ist, in langen, nahezu endlosen Sätzen, die wechselnde Figurenrede in sich aufnehmen und alles mit allem verbinden. Diesmal ist es nicht, wie zuletzt in „Herscht 07769“, ein einziger Satz, denn es gibt elf Kapitel, die jeweils mit einem Punkt enden. Doch das Prinzip ist dasselbe.

Ging es in „Herscht 07769“ um eine Gruppe von Neonazis in Thüringen, erinnern die ungarischen Umstürzler in ihrer monarchischen Traumwelt an Reichsbürger. Sie können sogar auf ein eigenes Waffenlager zurückgreifen. Doch damit will Onkel Jozsi nichts zu tun haben.

Auch auf Seiten des Staates gibt es offenbar zwei einander widerstreitende Strömungen. Die einen laden den Arpaden-Nachfolger zum Gespräch und bereiten die Inthronisierung vor, die anderen kommen mit Hubschrauber und Sondereinsatzkommando, um den schwächlichen Greis zu verhaften wie einen Mafiaboss.

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Happy End ausgeschlossen

„Zsömle ist weg“ ist ein so komisches wie trauriges Buch. Man kann es politisch oder psychologisch lesen, wobei Krasznahorkai niemals psychologisiert, sondern einfach nur die wirren Gedanken aufschreibt, als wären sie wahr. In jedem Fall ist es eine tragische Geschichte über den klaffenden Abgrund, der sich in der Gesellschaft und in der Wunschökonomie der Menschen auftut.

Ein Happy End ist dabei von vornherein ausgeschlossen. Man braucht gute Nerven in dieser Welt, die vom Wahnsinn regiert wird.

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Jörg Magenau