Valentin Richter räuspert sich leise, schluckt das kleine Kratzen im Hals hinunter, normalerweise kaum hörbar, doch hier, durch die Kopfhörer im Kontrollraum des Tonstudios, dringt selbst der leiseste Atemzug gestochen scharf an die Ohren.
Jede Bewegung der Lippen, das zarte Rascheln umgeblätterter Seiten, die Stimme des jungen Schauspielers liegt nackt und verletzlich auf dem Silbertablett.
Die Sprecherkabine, in der Valentin hinter seinem Mikrofon hervorlugt, ist spärlich eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch mit Lampenschein und dahinter schalldämpfende Wattewände. Mehr braucht es nicht, um Literatur hörbar zu machen.
Ihm gegenüber, getrennt durch schalldichtes Glas und mindestens fünf Meter Distanz, sitzt Regisseur Ulrich Lampen vor seinem Pult. Die Kopfhörer fest auf den Ohren, ihm entgeht nichts. Kein Schwächeln der Stimme, keine Verschiebung im Sprechtempo, nichts.
Valentin, Uli und Boris von der Tontechnik, das Trio hat eine Mission: In fünf Tagen wollen sie hier, in den unteren Geschossen des SWR Funkhauses Stuttgart, einen Roman zum Leben erwecken. Hunderte Seiten bedrucktes Papier, literweise Mate und Valentins Stimme als Instrument.
Arbeit gegen die Uhr
Es ist Dienstag, 9 Uhr morgens, zweiter Aufnahmetag, der erste Kaffee dampft noch. Die Nervosität des ersten Tages ist einer anderen Anspannung gewichen. Der straffe Zeitplan sitzt dem Team im Nacken, denn: „Studio-Arbeit ist Arbeit gegen die Uhr.“
Fünf Tage für 256 Seiten, acht Hörbuchfolgen am Ende. Jeden Tag mindestens 50 Seiten schaffen, am Freitag bleibt ein Puffer. Vielleicht.
Der Roman, um den sich alles dreht, ist außerdem keine leichte Kost. Anthony Passerons „Die Schlafenden“ erzählt von der Aids-Pandemie, die in den 80er-Jahren bis in ein kleines Dorf in der französischen Provinz vordrang. Eine schmerzhafte, autofiktionale Familienchronik, verknüpft mit der Forschungsgeschichte des HIV-Virus.
Der Roman ist aus dem Französischen übersetzt und gespickt mit medizinischem Fachjargon und allerhand französischen Begriffen. Dass Valentin gut französisch spricht, ist einer der Gründe, warum ihn Nana Rademacher, verantwortlich für die Sprecher-Besetzung, auserwählt hat.
Trotzdem wird jedes Kapitel vor der Aufzeichnung nach sprachlichen Stolpersteinen durchkämmt.
Zum Hörbuch in der ARD Audiothek: Valentin Richter liest Anthony Passerons „Die Schlafenden"
Den großen Bogen finden
Das Einlesen eines Buches fordert alles vom Sprecher. Nicht nur Konzentration über Stunden, Textverständnis und eine konstante Stimme. Valentin beschreibt es als eine völlig andere Disziplin als Film oder Theater.
Hier ist er von Punkt zu Komma ohne Pause ans Blatt gefesselt, ohne Dialogpartner, ohne die Möglichkeit zu improvisieren. Nur der Text und das Streben nach Präzision.
Als Sprecher muss er am Anfang jedes Absatzes bereits wissen, wo er am Ende damit hinwill, ohne sich in einzelnen Worten oder Sätzen zu verlieren. „Den großen Bogen finden“ nennt er das.
Von Absatz zu Absatz
Es ist Valentins erstes Hörbuch, mit seiner klaren, weichen Stimme arbeitet er sich von Absatz zu Absatz. Die Kommunikation mit dem Regisseur ist dabei nicht unbedingt barrierefrei. Durch das Glas können sie sich sehen, aber nur per Knopfdruck, Mikrofon und Lautsprecher miteinander sprechen, wie über ein Walkie-Talkie.
Doch was die schalldichte Trennscheibe der zwischenmenschlichen Verbindung nimmt, macht Uli mit seinen poetischen Regieanweisungen wett, die er wie Wort-Bilder in die Luft zeichnet.
Valentin solle die französischen Worte nicht aussprechen, als hätte man ihm ein Baguette ins Haar gedreht. Er solle den Satz aus der Zufriedenheit heraus lesen, ein guter Schlachter zu sein. (Es sei angemerkt: In dem Roman geht es um eine Metzger-Familie.) Manchmal lautet die Anweisung aber auch schlicht: „Nicht nuscheln!"
Es wird schnell ersichtlich, dass Uli den Text vollständig durchdrungen und eine höchst persönliche Interpretation des Materials gefunden hat, für die er auch aus seinem eigenen Leben schöpft. Die Figuren werden verstanden, nicht nur gelesen.
Während die Aufnahme läuft, sitzt der Regisseur hinter seinem Pult wie ein Dirigent vor einem unsichtbaren Orchester, seine Finger tanzen zum Rhythmus der Worte. Gelegentlich entlocken ihm besonders gelungene Passagen oder präzise Betonungen ein jubilierendes „Ja!“
Mit KI menschliche Fehlerhaftigkeit beseitigen?
Diese Art von Stimm- und Regiearbeit ist intim, verletzlich, anstrengend. Und braucht viel Zeit. Wirft man einen Blick auf die jüngsten Entwicklungen des Hörbuchmarktes, stellt man fest, dass die marktbeherrschenden Distributoren bereits daran arbeiten, jegliches Potential für menschliche Fehlerhaftigkeit aus dem Produktionsprozess zu beseitigen.
Im Mai 2025 beklagte Amazons Tochterunternehmen Audible, dass nur ein Bruchteil der Millionen veröffentlichten Bücher als Hörbuch verfügbar ist. Dabei seien Hörbücher das am schnellsten wachsende Format im Verlagswesen.
Doch natürlich hat Audible eine Lösung parat: AI Narration Solutions. Eine KI übernimmt den gesamten Hörbuchproduktionsprozess, von der ersten Texterfassung bis zum veröffentlichten Hörbuch.
Ohne Tonstudio, ohne Sprecher, ohne Kratzen im Hals. Verlage dürfen sich auch selbst bedienen. Sie nutzen dieselbe Technologie, führen aber die Produktion eigenständig durch.
Sie können aus über hundert KI-generierten Stimmen in Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch mit verschiedenen Akzenten und Dialekten wählen.
Drogen, Liebe, Tod – ein Zeitroman aus der französischen Provinz Ein Hörbuch, das unter die Haut geht – „Die Schlafenden“ von Anthony Passeron
Niemand hat die Provinz verlassen. Nur Désiré. Als Junkie kehrt er heim und löst nichtsahnend eine Katastrophe aus. Hörbuch mit Valentin Richter
Herzblut in jedem Satz
Das Motto lautet: Schneller, billiger, einfacher. Synchronsprecher, deren Stimmen bereits für das Training der KI herangezogen werden, dürfte diese Entwicklung bestürzen. Während Valentin hier im Studio Herzblut in jeden Satz steckt, entsteht anderswo bereits die künstliche Konkurrenz.
Auch der Schnitt wird in Stuttgart noch händisch gemacht, der Rohschnitt sogar noch am selben Nachmittag. Toningenieur Boris löscht Atemzüge, Versprecher und Papiergeraschel aus den heute aufgezeichneten Kapiteln. Morgen geht es weiter, die drei haben noch viel vor sich. Nach dieser Woche folgen weitere zehn Tage für den Feinschnitt.
Ein mühsamer Prozess, bevor das Endprodukt schließlich in der ARD Audiothek zum allgemeinen Hörgenuss bereitsteht. Doch all das lohnt sich, sobald die Rezipienten die menschliche Authentizität in Valentins Stimme hören, die hoffentlich unersetzbar bleibt.