Musikgespräch über die Anfänge des Vokal-Festivals

20 Jahre RheinVokal: Gesang pur in hübscher Kulisse

RheinVokal feiert 2025 seinen Geburtstag: Seit 20 Jahren gibt es das Vokal-Festival am Rhein. Karl Böhmer, Teil der künstlerischen Leitung, blickt im Gespräch mit SWR Kultur auf die Anfänge zurück und erklärt, warum die Orte fast genauso wichtig sein können wie die Musik.

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SWR Kultur: RheinVokal besteht seit 20 Jahren. Das nehmen wir jetzt mal zum Anlass, noch mal ganz an den Anfang zurückzugehen: Was war die Idee von RheinVokal?

Karl Böhmer: Die Idee hat sehr viel mit den Festivals des SWR zu tun, die sich hauptsächlich in Baden-Württemberg bewegen, zum Beispiel die Schwetzinger SWR Festspiele oder auch Donaueschingen. Es fehlte etwas analoges in Rheinland-Pfalz und ganz besonders im Norden von Rheinland-Pfalz.

Damals wurde dem Mittelrheintal gerade das Prädikat UNESCO Welterbe verliehen. Diese beiden Dinge wollte man zusammenführen. Eine Dame vom SWR kam noch auf die glorreiche Idee, dass ein Festival für Vokalmusik fehle.

Diese drei Dinge, zusammen mit dem Interesse der Kommunen, am Mittelrhein ein Festival in ihren schönen Kirchen und ihren schönen Sälen unterzubringen, führte dann zu RheinVokal.

Das Publikum wünscht sich Alte Musik und Experimentelles

SWR Kultur: Wie waren die ersten Ausgaben des Festivals? Das ist über die Jahre vermutlich beständig gewachsen.

Karl Böhmer: Das kann man so nicht sagen. Die erste Ausgabe war unglaublich fett, wenn ich nach heutigen Maßstäben beurteile. Da spielten sieben oder acht Orchester, mehrere SWR-Orchester und Barockorchester, die ganz großen Programme.

Es dauerte ein bisschen, bis wir das Festival auf das eingegroovt hatten, was das Publikum eigentlich möchte. Das ist A-cappella-Musik der Renaissance, weil es das in den Konzertsälen in Rheinland-Pfalz sonst gar nicht gibt.

Gewünscht ist auch Experimentelles mit Neuer Musik. Dafür steht vor allen Dingen das SWR-Vokalensemble. Das war ein weiterer Gründungsgrund für das Festival. Denn das SWR-Vokalensemble hatte noch keine feste Anbindungen an eine Veranstaltungsreihe. Seit Beginn ist das sozusagen unser Haus-Ensemble.

Basilika St. Kastor in Koblenz
In der Basalika St. Kastor in Koblenz singt das SWR-Vokalensemble jede Saison ein Konzert.

Besondere Momente mit aufstrebenden Talenten

SWR Kultur: Es ist immer schwierig, bei so einer langen Zeit Momente herauszustellen. Aber wenn Sie die zwei Jahrzehnte überblicken, können Sie besondere Highlights oder Meilensteine in diesen zahllosen Programmen benennen?

Karl Böhmer: Für uns ist immer ganz großartig, wenn wir zum Beispiel aufstrebende Stimmen ganz am Anfang ihrer Karriere entdecken und die sich bei uns so richtig entfalten können.

Toll sind auch immer Einspringer-Konstellationen. Ich denke da an letztes Jahr, wo wir eine italienische Primadonna für ein Händel-Programm verpflichtet hatten, die dann aber wegen Nierensteinen absagen musste. Stattdessen kam eine blutjunge Chinesin, die diese berühmte Sängerin so fantastisch ersetzt hat, dass das Publikum ganz aus dem Häuschen war.

SWR Kultur: Sie haben erwähnt, das Mittelrheintal ist UNESCO Welterbe. Welchen Einfluss haben die Konzertorte, die bei RheinVokal ganz besonders sind, auf den Charakter des Festivals?

Karl Böhmer: Das kann man überhaupt nicht voneinander trennen. Boppard ist zum Beispiel eine Stadt zu beiden Seiten des Rheins, die aber allein durch die Kirchen schon viel Geschichte ausstrahlt.

Wenn man da konzertiert, spielt der Raum fast schon die Hauptrolle. Man muss immer den Raum zum Klingen bringen, mit etwas, das genau hineinpasst. Das ist uns glücklicherweise in den letzten Jahren des Festivals, glaube ich, sehr oft geglückt.

Stadtansicht Boppard am Rhein mit Basilika St. Severus
Die Basilika St. Severus in Boppard. Die Spielstätten bei RheinVokal sind mindestens genauso wichtig wie die Musik.

Händel, der ewig Junggebliebene, im Fokus

SWR Kultur: In diesem Jahr, wenn man das mal sehr verkürzt, liegen die Programmschwerpunkte auf drei Themen: Frauenstimmen, Irland und Karibik.

Karl Böhmer: Ich würde noch den Schwerpunkt Händel hinzufügen. Man muss sagen: Der einzige Komponist, der seit dem achtzehnten Jahrhundert immer jung geblieben ist und ununterbrochen gespielt wurde, war Händel. Das ist unser heimlicher Hauptkomponist im Programm.

Für den Schwerpunkt Karibik steht die fantastische Sängerin Ana Carla Maza. Sie trägt die Musik ihrer Heimat im Herzen. Daneben haben wir auch viele andere Schwerpunkte im Festival. Es ist wirklich sehr vielfältig in unserer Jubiläums-Saison.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Michael Rebhahn
Interview mit
Karl Böhmer