Mutterschaft veränderte Agnes Obel
Etwas hat sich wieder einmal verändert in der Musik von Agnes Obel. Ihr letztes Album „Myopia“ ist im Februar 2020, kurz vor dem Ausbruch von Corona, erschienen. Das einschneidendste Erlebnis für die dänische Musikerin seitdem war aber nicht die Pandemie, sondern die Geburt ihrer Tochter.
Darin liegt wohl auch der Schlüssel zum neuen Klang ihrer Musik: Die Kompositionen auf Agnes Obels neuem Album „The Meaning of Flowers“ sind so warm und verspielt wie noch nie.
Blasser Sonnenschein fällt auf ihre Stücke
Wo uns Obel zuletzt in kalten, kristallenen Klavier- und Chorlandschaften hat frösteln lassen, unter Titeln wie „Island of Doom“ oder „Broken Sleep“, fällt nun vielleicht kein sommerlicher, aber doch ein leicht wärmender blasser Sonnenschein auf ihre Stücke. Das Klavier hat einen weicheren Klang bekommen und tritt öfter zugunsten elektronischer Klänge und warmer Streicher in den Hintergrund.
Vor allem aber Obels Stimme blüht auf wie nie. Sie nimmt sich viel Raum, leicht verfremdet führt sie im Stück „Laymelli“ einen fast schon clubtauglichen Elektronik-Track an. Wer vor Agnes Obel und ihrer unterkühlten musikalischen Welt bisher zurückgeschreckt ist, kann hier nun ein Lächeln hören, ein Sich-fallen-Lassen, manchmal fast ein Jubilieren.
Freundlich, aber nicht gefällig
„The Meaning of Flowers“ ist Obels freundlichstes Album, ohne dabei gefällig zu sein. Doch ihr Plattenlabel Deutsche Grammophon traut seiner Künstlerin nicht, wenn es im Pressetext betonen muss, dass Obel sich nicht nur mit ihrer Tochter, sondern auch mit Philosophie und Lyrik beschäftigt habe.
Es liefert eine Lektüreliste mit, von der mesopotamischen Dichterin Enheduanna bis zu Hannah Arendt. Schön zu wissen, aber diese betörende Musik hat es nicht nötig, als gebildete Hochkultur gestempelt zu werden. Sie steht für sich selbst und braucht nicht mehr als zwei Ohren und ein Herz, das bereit ist, sich berühren zu lassen.