Sie sollen „Bella Ciao“ lernen

Zwitschern Amseln im Karlsruher Schlossgarten bald antifaschistische Lieder?

Handy-Klingeltöne, E-Roller-Signale oder das Pfeifen des Postboten: Amseln sind bekannt dafür, die Geräusche ihrer Umgebung imitieren zu können. Ein Projekt im Karlsruher Schlosspark knüpft nun an diese Fähigkeit an: Die Vögel sollen antifaschistische Lieder lernen. Dahinter steckt der Klangkünstler Dennis Siering.

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Von Autor/in Magdalena Adugna

Wer dieser Tage durch den Karlsruher Schlossgarten streift, wird bei genauem Hinhören einen Baum bemerken, in dem mehr Vögel zu sitzen scheinen als in den anderen. Es zwitschert in Laub und Geäst, als hätte sich dort eine größere Ansammlung an Amseln niedergelassen.

Wenn man diesen Baum allerdings näher betrachtet, erkennt man: Es sind keine echten Vögel, die da im Baum sitzen. Dort hängt eine kleine Anlage: ein Kasten mit Lautsprecher und Solaranlage, und beschallt den Baum und seine Umgebung mit synthetischen Vogelstimmen.

Und wer ganz genau hinhört, der kann aus diesem Gezwitscher sogar ein bekanntes Lied heraushören.

Bella Ciao (Lied der italienischen Partisanen)

Vögel sollen antifaschistische Lieder singen

Der Medienkünstler Dennis Siering aus Frankfurt hat mit seinem Projekt mit dem Titel „Radical Climate Action Bird“ eine Kunstinstallation geschaffen, die sich mit der Wechselwirkung von Technologie und Natur beschäftigt. Dazu hat er sich mit Expertinnen und Experten für Vogelkunde, Bioakustik, Sound-Design und Künstliche Intelligenz ausgetauscht.

Gemeinsam mit ihnen hat er antifaschistische Lieder wie „Bella Ciao“ und Protestrufe wie „Alerta, altera, antifascista!“ in synthetische Vogelstimmen übersetzt. Die Vögel sollen das Gezwitscher aufgreifen und nachahmen. Das Ziel: ein subtiler und poetischer Protest, der sich selbstständig macht und ausbreitet.

Amsel singt im Frühjahr vom Baum aus
Amseln können sehr schön zwitschern. Vor allem kann man sie früh morgens hören oder abends, wenn die Sonne untergeht.

„Was wäre, wenn wir gemeinsam widerständig werden könnten?“

Dennis Siering beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit schon länger mit künstlerischen Protestformen. Inspiriert haben ihn Besuche bei verschiedenen Waldbesetzungen. Bei der Räumung in Lützerat war er dabei, auch bei einer Demo gegen den AfD-Parteitag in Essen.

Außerdem kommt er aus einer Familie, in der Musik schon immer eine große Rolle gespielt hat. Die Initialzündung für das Projekt mit den Vogelstimmen war schließlich ein Zufall:  

„Ich habe tatsächlich einen Radiobeitrag über Amseln im Kieler Stadtpark gehört und wie ein Ornithologe untersucht hatte, dass die angefangen haben, die Alarmanlage von E-Scootern zu imitieren, die widerrechtlich bewegt wurden“, erinnert sich Siering.

Danach habe er sich eine Frage gestellt: „Was wäre denn, wenn wir als Menschen mit nicht-menschlichen Lebensformen in Interaktion treten würden und unsere Stimmen solidarisch vereinen? Und wenn wir so gemeinsam widerständig werden könnten?“

Das Karlsruher Schloss bei Sonnenuntergang, vom Schlossgarten aus gesehen.
Das Klangkunst-Projekt des Frankfurter Künstlers Dennis Siering ist aktuell im Schlossgarten Karlsruhe zu erleben.

Gefördert durch UNESCO-Kulturprogramm

Für die Kreuzung der Lieder mit den Vogelstimmen ist der Künstler, finanziert durch ein Stipendium, durch ganz Europa gereist und hat mit eigenen Aufnahmen in Singvogel-Hotspots ein eigenes Vogelstimmen-Archiv angelegt. Denn das gab es bisher noch gar nicht.

Daniela Burkhardt, Leiterin der Projektkoordination des UNESCO-Förderprogramms „City of Media Arts“ und Kuratorin der Ausstellung „Media Art Is Here“, hat das Projekt nach Karlsruhe geholt.

Siering habe sich mit seiner Projektidee bei „City of Media Arts“ beworben und eine Förderung erhalten, berichtet Burkhardt: „Das Schöne an medienkünstlerischen Arbeiten ist, dass sie so interdisziplinär an verschiedenen Schnittstellen stattfinden und dadurch ganz viele verschiedene Menschen beteiligt sein können, die sich einbringen.“

Singvögel erkennen und unterscheiden

Die Singvögel Rotkehlchen und Kohlmeise fallen durch ihren schönen Gesang auf. Wir stellen einige Arten vor, zeigen wie sie sich unterscheiden, wie sie brüten und was sie fressen.

Das kleine 1x1 der Artenkunde SWR

Ein unethischer Eingriff in die Natur?

Mit seiner Kunstaktion versucht Siering allerdings auch den natürlichen Gesang der Vögel zu verändern. Darf man Kunst dazu benutzen, aktiv in die Natur einzugreifen?  Siering hat seine Zweifel daran, dass es eine unberührte Natur überhaupt noch gibt.

„Wenn man jetzt zum Beispiel überlegt, wie wir Menschen mit Verkehrslärm in Ökosysteme eingreifen“, so der Klangkünstler, „das zeigt ja gerade, dass unser alltägliches Handeln fortwährend in das eingreift, was wir Natur nennen und wo wir diese Eingriffe eher als Nebenprodukte beziffern.“

Im Gegensatz dazu sei sein Projekt eine bewusste und konstruktive Interaktion mit diversen Spezies.

Amsel-Männchen mit offenem Schnabel singt, sitzt auf einer Wurzel
Zwitschern die Amseln im Karlsruher Schlossgarten künftig Partisanenlieder? Zumindest, wenn es nach Künstler Dennis Siering geht.

Kuratorin lobt den Dialog, den das Projekt anstößt

Die Resonanz auf das Projekt ist bisher hauptsächlich positiv, sagt Kuratorin Daniela Burkhardt: „Wir bekommen tatsächlich eine überwältigende Resonanz von Menschen, die hier vorbeikommen und es zufällig mitbekommen. Sie gehen mit uns und mit dem Künstler ins Gespräch. Auch Leute, die sich mit dem Thema auseinandersetzen: vom Umweltamt, von Ornithologen.“

Doch das Kunstprojekt stößt nicht ausschließlich auf positive Stimmen. Eine Passantin kritisiert etwa, dass das Projekt versuche, die Natur zu politisieren.

Wenn die Amsel einen Klang „attraktiv“ findet, ahmt sie ihn nach. Ob unsere hiesigen Amseln nun „Bella Ciao“ als nachahmenswert empfinden, bleibt abzuwarten.

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Autor/in
Magdalena Adugna
Onlinefassung
Dominic Konrad