Vom TikTok-Hit zur ausverkauften Tour

Baran Kok: Wie ein kurdischer, schwuler Rapper den Deutschrap aufmischt

Der in Freiburg aufgewachsene Baran Kok rappt offen und explizit über schwulen Sex und gehört zu den spannendsten Newcomern der Szene. Seine neue EP „Fag Life“ und eine ausverkaufte Tour stellen die queerfeindliche Deutschrap-Szene auf den Kopf.

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Stand

Von Autor/in Lydia Huckebrink

Baran Kok

Der Hype ist real

Baran Kok ist im Deutschrap eingeschlagen wie ein Hype, auf den viele offenbar gewartet haben. Seine erste Tour  – mit Stopp am 11. April in Stuttgart – war nach wenigen Tagen ausverkauft. Zusatzshows mussten her.

Auf Streamingplattformen hören ihn Hunderttausende. Das alles ohne ein einziges Album. Jetzt legt er mit seiner ersten EP „Fag Life“ nach.

Baran Kok singt über Sex mit Polizisten

Der Hype begann mit einem viralen TikTok-Hit. In „Herr Officer“ singt Baran Kok lustvoll, ironisch und explizit schwul über Sex mit einem Polizisten. Spätestens sein viel beachteter Auftritt beim Splash!-Festival – eine der wichtigsten Bühnen der Szene – setzte Baran Kok die Newcomer-Krone auf.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

„Splish Splash, geh aufs Klo und fick ihn fast“ – eine Hook, die es so im Deutschrap nie gegeben hatte. Und eine Crowd, die das lautstark und textsicher abfeiert.

Flucht aus Freiburg

Baran Kok ist der erste kurdische, offen schwule Rapper in Deutschland. Aufgewachsen mit dem Glaubenssatz „Du bist Kurde, du darfst nicht schwul sein“, musste er sich seine Identität aber hart erkämpfen.

Dass er Freiburg verlassen hat, beschreibt er im Interview mit „Deutschrap Ideal“ als notwendigen Schritt. Trotz liebevoller Kindheit habe er raus gemusst aus einer Community, die stark von „Ehre und Stolz“ geprägt gewesen sei.

„Ich war früher selbst homophob“

Auch im Deutschrap gehören Homophobie und Sexismus zum Sound. Ein Männlichkeitsbild von Härte und Dominanz prägen das Genre bis heute.  „No Homo“ ist ein Reflex, der tief sitzt.

Wer hier als schwul bezeichnet wird, markiert selten eine Identität, sondern ist schlicht Zielscheibe der vermeintlich derbsten Beleidigung. Selbst Mainstream-Stars wie Apache 207 hofften noch vor wenigen Jahren damit provozieren zu können.

Entsprechend heftig ist der Gegenwind, den Baran Kok aus Teilen der Szene und in den Sozialen Medien erlebt. Er nimmt es gelassen. „Ich hatte früher selbst Homophobie verinnerlicht“, sagt der 25-Jährige, der mit Straßenrap aufgewachsen ist. „Ich verstehe woher die Kommentare kommen, aber ich weiß, dass sie nichts mit mir zu tun haben.“

Wird Deutschrap jetzt queer?

Heute ist einiges im Umbruch. Lesbische Rapperinnen wie Ebow, Badmózjay oder Bush.ida mischen das Genre mit neuen, queeren Perspektiven auf. In Berlin findet Baran Kok zunächst als DJ Zugang zu den feministischen Deutschrap-Kreisen der Generation TikTok: Domiziana, Ikkimel.

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Sängerinnen wie Ikkimel, Shirin David oder Zsá Zsá stürmen mit expliziten Lyrics und hypersexualisiertem Image die Charts. Doch Erfolg hat vor allem, wer weiß und vermarktbar ist.

Letztere nimmt Baran Kok als Support-Act mit auf ihre Tour. Ikkimel ist die Pionierin explizit sexueller Lyrics im Deutschrap. Als Mann über queeren Sex zu rappen ist aber nochmal eine andere Dimension des Tabubruchs.

„Wer ist Baran Kok? Schwuchtelpräsident!“

„Fag Life“ – schon der Titel von Baran Koks neuer EP ist eine Grenzüberschreitung. Ein Wortspiel aus „Thug Life“ – dem Mythos vom harten Gangster-Leben im US-Rap – und „Fag“ – einer Beleidigung für schwule Männer.

Baran Kok dreht die Beleidigung um: „Wer ist Baran Kok? Schwuchtelpräsident. Ganzer Schwanz draußen – das' mein Gang Sign“. Reclaiming, nicht nur von homophoben Fremdzuschreibungen, sondern auch von einer Szene, die ihn lange ausgeschlossen hat.

„Irgendwann als Jugendlicher wurde mir klar, wie homophob deutscher Rap ist und dass ich in dieser Musik nicht erwünscht bin“, sagte der Rapper dem Magazin Fluter. Dann kam die Erkenntnis: Deutschrap gehört niemandem.

Sexpositive Lyrics treffen die Härte der Straße

„Scheiß auf Hip-Hop und auf euren schwulen Slang“: In den fünf Tracks auf „Fag Life“ arbeitet sich Baran Kok hörbar am Deutschrap ab, zitiert und überzeichnet bekannte Motive: „Ich ficke deine Gang, deinen Vater, Bruder und Cousin“ sowie „fünf Milliardäre in einer Nacht auf einer Yacht“ heißt es weiter in „Scheiß auf Hiphop“.

Auch bei Baran Kok geht es um Statussymbole, Männlichkeit, Herkunft und die Gewalt der Straße – aber eben auch um queere Lust. „Ich rappe auch über Bitches, nur dass meine Bitches einen Schwanz haben“, sagt er gegenüber „Deutschrap Ideal“. Gangsterrap wird nicht einfach ironisch überzeichnet, sondern umcodiert.

Baran Kok bei der Verleihung der VideoDays Festival Awards 2025
„Ich mache basically Musik über Schwänze“: Baran Kok krempelt den Deutschrap um.

Ein Track wie „Samenbank Flavour“ – ein augenzwinkernder Verweis auf Bushido – zeigt das deutlich: ein melancholischer Song über eine heimliche Beziehung zu einem hypermaskulinen Typen, irgendwo zwischen Begehren und Versteckspiel. Wieder stehen „Ehre und Stolz“ im Weg.

Catchy und wahnsinnig unterhaltsam

Das Erfolgsrezept von Baran Kok: Es liegt vielleicht darin, dass er auf eine politische Anklage verzichtet. Seine Lyrics sind nicht mahnend, sondern Entertainment.

Schwere Zeilen blitzen zwar auf: „Mein Vater könnt so stolz sein, er ist lieber homophob“ – werden aber oft direkt wieder ironisch gebrochen: „dein Vater war es auch, bis ich ihn lutschte auf dem Klo“. Das ist catchy, derb überzeichnet und wahnsinnig unterhaltsam.

Große Ziele sind gesetzt

Die erste Deutschlandtour von Baran Kok läuft noch bis Mitte April. Die nächsten Ziele sind gesetzt: „Splash!-Main Stage, Uber Arena – das will ich.“, sagt der Künstler selbstbewusst.

Für diesen Sommer ist er wieder beim Splash!-Festival gebucht, die Hauptbühne scheint also in Reichweite. Und wenn man sich anschaut, wie schnell sich sein Hype aufgebaut hat, wirkt selbst die Berliner Uber Arena nicht mehr wie ein ferner Traum.

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