Die „Fotzen“ sind da
Der neue Feminismus im Deutschen Pop ist ein Dammbruch: Sängerinnen wie Ikkimel, aber auch Shirin David, Zsá Zsá oder Katja Krasavice verschieben die Grenzen des Sagbaren, feiern mit expliziten Lyrics und hypersexualisierter Selbstinszenierung den Tabubruch – und sind damit wahnsinnig erfolgreich.
Bikini grell, und er ist ein bisschen zu knapp / denn ich bin offiziell die allergrößte Fotze der Stadt
Shirin David hat auf Spotify 2,9 Millionen monatliche Hörer. Newcomerin Zsá Zsá geht auf Tiktok durch die Decke, ohne je ein Album veröffentlicht zu haben.
Um viral zu gehen zählt längst nicht nur Musik, sondern Marketing und das passende Image. „Im Streaming- und Social-Media-Zeitalter ist Rap in Deutschland ein Multimillionen-Geschäft geworden“, sagt Hip-Hop-Expertin Prof. Heidi Süß.
Ikkimel hält dem Patriarchat den Spiegel vor
„Fotze“ – so nennt Ikkimel, Hype-Lichtgestalt aus Berlin, ihr im Frühjahr erschienenes Debütalbum. Ein Titel wie eine Kampfansage. Einst das schlimmste Schimpfwort, um Frauen zum Schweigen zu bringen, wird „Fotze“ bei ihr zur Selbstermächtigung – ein Reclaiming für die sexuell befreite Frau.
Auf der Bühne sperrt sie Männer in Käfige und macht sie zu ihren Sexobjekten. „Schnauze halten, Leine an – Schatz, jetzt sind die Weiber dran“: Ikkimel hat die Rollen getauscht. Das ist so derb und ironisch-überzeichnet, dass es der Gesellschaft den Spiegel vorhält.
Befreiung oder Backlash?
Das Feuilleton steht seitdem Kopf. Einige finden die neue feministische Welle im Pop anstößig und sogar rückschrittig. Sie fragen, ob das wirklich Empowerment sei oder nicht einfach plumpe Reproduktion der alten sexistischen Stereotype?
Fest steht: Die „Fotze“ ist spätestens jetzt in der Popkultur angekommen. Die neuen Rapperinnen haben die engen Grenzen, innerhalb derer Frauen öffentlich über ihre Sexualität sprechen durften, eingerissen. Neu ist auch: Zum ersten Mal machen Frauen im Rap richtig Kasse. Denn feministische Tabubrüche gibt es im Deutschrap schon lange – nur wollte das bisher kaum jemand hören.
BRUST RAUS Jung, laut, kontrovers? Von TikTok in die Charts
Zwischen Empowerment, Provokation und Algorithmus.
SXTN: Partyrap mit feministischen Punchlines
Merklich frustriert meldet sich Juju zu Wort. Auf Instagram kritisiert die ehemalige Sängerin des Hip-Hop-Duos SXTN, dass sie und ihre damalige Bühnenpartnerin Nura „von 90 Prozent der Szene“ keine Anerkennung für ihre feministische Pionierarbeit in der Szene erhielten.
Besonders störe sie sich an Künstler*innen, die auf der von ihnen ausgetretenen Welle surfen „ohne ein einziges Mal öffentlich Respekt zu geben.“
Dabei waren es SXTN, die Mitte der 2010er-Jahre mit Songs wie „Fotzen im Club“ oder „Die Fotzen sind wieder da“ in die damals zutiefst misogyne Rap-Szene kometenartig einschlugen. Ihr Sound war rough, ihre Sprache vulgär, ihre Ästhetik irgendwo zwischen Straßenrap und ironischem Hedonismus.
Prollgehabe statt feministischer Coup?
In SXTN sieht Juju den „Ursprung von feministischem Fotzen-Rap in Deutschland,“. Tatsächlich haben sie und Partnerin Nura die „Fotze“ als antisexistische Selbstbezeichnung in die Szene eingeführt, lange bevor Rapperinnen wie Shirin David oder Ikkimel den Mainstream eroberten. In der Szene wurden sie dafür gefeiert, doch das Feuilleton rümpfte die Nase.
„SXTN hatten ein Legitimationsproblem mit ihrer Art und Weise von Rap, weil es den vorher noch nicht gab“, erklärt die Expertin Heidi Süß. „Das war nicht der klassische weiße und akademische Feminismus. Das war Straßenfeminismus.“
Juju und Nura seien migrantisch gelesen, beide stammen aus prekären Verhältnissen in Berlin-Neukölln . Vor allem außerhalb der Szene seien sie despektierlich behandelt worden, so Süß. Die „Fotze“ wurde SXTN nicht als feministischer Coup ausgelegt, sondern als Prollgehabe zweier Ghetto-Rapperinnen.
Provokation verkauft sich nur in weißen Körpern
Doch anders als noch vor zehn Jahren ist Deutschrap heute ein lukratives Business. Wer mitmischt, entscheidet sich auf Tiktok und auf Spotify. Geschafft hat es, wer in den großen Rap-Playlists wie Spotifys „Modus Mio“ landet.
Und genau dort, so Heidi Süß, sehe man vor allem weiß gelesene Frauen: „Badmómzjay, Shirin David, Ikkimel – es gibt kaum Schwarze Künstlerinnen im deutschen Mainstream.“ Wer sich zudem noch sexuell verfügbar inszeniere, habe es einfacher. Provokation funktioniere – aber nur in bestimmten Körpern.
Ebow vs. Ikkimel: Mehr als Streit um ein geklautes Poster
Eine die sich deutlich konfrontativer über fehlende Anerkennung beklagt, ist Ebow. Die queere Rapperin mit kurdischem Background beschuldigte Ikkimel kürzlich auf Instagram, die Idee zu einem Konzertposter von ihr kopiert zu haben.
Doch der Streit dreht sich um mehr als Ästhetik: Ebow beschuldigte Ikkimels Team, sich immer wieder bei anderen Artists zu bedienen und bezeichnete deren Management spöttisch als „white dudes“, als weiße Typen.
„Ich wusste bis vor zwei Minuten nicht mal, dass es dich gibt“ gibt Ikkimel zurück. Für viele klang das herablassend – und exemplarisch für das Machtgefälle zwischen weißen Artists im Rampenlicht und solchen mit Migrationshintergrund.
Migrantische Artists rennen gegen verschlossene Türen
Beef zwischen Rap-Artists gehöre zur Szene, auch bei Frauen. Doch Heidi Süß hat Verständnis für Ebows Ärger.:„Sie macht seit Jahren politische Musik, positioniert sich gegen Rassismus, Sexismus, die AfD – aber sie schafft es nicht in den Mainstream, nicht in ‚Modus Mio‘, nicht in die Playlists.“
Künstlerisch könnten beide unterschiedlicher kaum sein. Die eine landet Streaminghits mit Songs über Partys, Sex und Drogen. Die andere nutzt Rap als Plattform für Gesellschaftskritik. Das mache Ebow zum Kritiker-Liebling, aber ohne großen kommerziellen Erfolg, sagt Heidi Süß.
„Migrantische Artists rennen regelmäßig gegen verschlossene Türen, weil der Mainstream am Ende doch lieber die traditionelle Weiblichkeit will: Weiß, hetero, lange Haare und inhaltlich bitte nicht zu schwer“, sagt Heidi Süß.
Der neuen Rap-Feminismus folgt der Marktlogik
Die neuen weiblichen Stimmen im deutschen Pop singen laut und lustvoll über Sex. Das ist befreiend, es ist aber auch gut vermarktbar. Der neue Feminismus ist schamlos und wütend, aber er ist auch weiß, heteronormativ und normschön.
Die Diskussion um die „Fotze“ dreht sich daher um mehr als um provokante Texte und Selbstermächtigung, sondern auch um die Frage, wer gehört wird und wer Geld verdient im glitzernden Business des feministischen Pop.