Songs über den Alltag einer weiblichen jungen Existenz im Spätkapitalismus
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – zwischen diesen Polen bewegt sich Christin Nichols auf ihrem neuen Album, das sie ganz einfach nach sich selbst benannt hat. Sehr selbstbewusst tritt die in Berlin lebende Sängerin und Schauspielerin auf, verspricht, den ganzen Laden hier zu übernehmen – na ja, zumindest theoretisch, wären da nicht diese blöden prämenstruellen Depressionen.
Spaß haben, sich mit Männern und Mental Health rumärgern, an der Weltlage verzweifeln, wieder Spaß haben: In ihren Songs dekliniert Nichols den Alltag einer weiblichen jungen Existenz im Spätkapitalismus durch.
Der Weltuntergangssound der 80er- und 90er-Jahre
Dazu passte auch schon „Citalopram“, der Song, mit dem Nichols vor zwei Jahren größere Bekanntheit erlangt hat: Eine Hymne, die das Antidepressivum gleichzeitig abfeiert und verflucht.
Musikalisch bedient sich Nichols bei den 80er- und 90er-Jahren, die ihren ganz eigenen Weltuntergangssound hatten: Düstere Synthieflächen und Wände verzerrter Gitarren.
Ihre Songs – mitreißend wie eine Linie Koks oder ein Luftballon voll Lachgas
Auch wenn die Abwechslung zwischen leiser Strophe und lautem Refrain bei Nichols inzwischen etwas vorhersehbar ist, reißen ihre Songs immer noch mit, wie eine Linie Koks oder ein Luftballon voll Lachgas: Der Rausch ist kurz, aber intensiv, seine Oberflächlichkeit wird zelebriert, genauso wie der Absturz danach.
Bei Christin Nichols ist es völlig okay, wenn es nicht die Therapiestunde ist, die sie glücklich macht, sondern ein Paar glänzender Chelsea Boots. Wenigstens für eine Nacht.
Selbstbestimmung ist oberstes Gebot
Doch bei aller Feier der Oberfläche zieht sich ein feministischer Subtext durch diese Songs: Selbstbestimmung ist oberstes Gebot, und wenn Nichols ihren Liebhaber (oder ihre Liebhaberin?) auffordert, ihr den Willen zu brechen, um ihre Lust zu steigern, ist das unter dieser Prämisse auch in Ordnung.
Am nächsten Tag, im nächsten Song, braucht sie nur eine einzige Strophe, um das Malheur auf den Punkt zu bringen.
Male Loneliness Epidemie
Bruder, wie wär's mal mit Therapie?
Es heißt nicht Beziehungsdrama, es heißt Femizid
Ich liebe andere Frauen
Wenn Christin Nichols dieser Tage auf Tour ist, spielt sie immer noch in Clubs und kleinen Hallen. Das ist erstaunlich, denn diese Frau hätte das Zeug dazu, eine Identifikationsfigur für eine ganze Generation zu sein.
Am 23. April ist Christin Nichols im Stuttgarter Werkstatthaus zu erleben, am 24.4. im Mainzer Kulturclub „Schon Schön“
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