Orchester sind hierarchisch organisiert
Orchester sind traditionell streng hierarchisch organisierte Institutionen, und in dieser Organisationsform verharren sie zumeist statisch. Dazu zählen nicht nur die tradierten Hierarchien von der Intendanz bis runter zum einzelnen Pultplatz auf der Bühne, sondern auch die Arbeitsweise.
Die ist für Außenstehende kaum in allen Einzelheiten greifbar und komplex aufgespannt zwischen Tarifverträgen, engen Spielplänen und detaillierten musikalischen Interpretationsvorgaben. Die einzelnen Musikerinnen und Musiker haben zumeist nicht viel zu melden, wenn es um die konkrete Ausführung ihres Jobs am Instrument geht.
Und gar darüber abzustimmen, ob man ein Stück spielt oder nicht, stehe ihnen laut dem Orchestervorstand der Essener Philharmoniker erst recht nicht zu.
Intendantin gab Komposition in Auftrag
In diesem konkreten Fall in Essen war es die Intendantin der Philharmonie, die eine Komposition bei Clara Iannotta in Auftrag gegeben hat. Daraufhin hat die Komponistin laut ihren eigenen Ausführungen mit dem Orchestermanagement weiterverhandelt.
Unter anderem darüber, dass sie zusätzliche klingende Objekte verwenden will, das entspricht den üblichen Abläufen.
Orchester forderte finanzielle Zulagen
Die Orchestermusikerinnen und -musiker haben dann nach dem Blick in die Partitur gefordert, dass die zusätzlichen Objekte – in diesem Fall kleine Steine, Vogelpfeifen oder Weingläser – als vollwertige Instrumente kategorisiert werden, kurzum: dass sie für das Spielen dieser Instrumente eine finanzielle Zulage bekommen.
Außerdem hatten sie in einem konkreten Fall Sorgen um die Unversehrtheit ihrer Instrumente, was bei zeitgenössischer Musik ebenfalls keine Seltenheit ist. Diese mehrere Tausend bis Zehntausend Euro teuren Musikinstrumente sind für Berufsmusiker wie Verlängerungen ihres eigenen Körpers.
Erst Abstimmung, dann Absage
Die Musikerinnen und Musiker verhandeln also mit ihrem Arbeitgeber über eine Sondervergütung ihrer Leistung, die Orchesterleitung erfragt ein Stimmungsbild.
Was genau bei dieser Abstimmung herauskam, ist nicht klar, laut Orchester hätte ein Großteil, aber nicht einstimmig, gern zugestimmt das Stück wie gehabt zu spielen.
In der Folge entschied das Management dann, das Konzert abzusagen. Die offizielle Begründung: Die Partitur sei zu spät eingereicht worden, weshalb eine professionelle Einstudierung nicht möglich gewesen sei.
Entscheidung über alle Köpfe hinweg?
Solche Absagen passieren immer mal wieder, die Gründe dafür sind unterschiedlich, das allein ist also kein Skandal. Wie es aussieht, geschah diese Entscheidung allerdings ohne Rücksprache mit der Komponistin, der Dirigentin und der Solistin und nach Angabe des Orchesters auch über die Köpfe des Orchesters hinweg.
Iannotta schreibt, es hätte zum Zeitpunkt der Absage noch die Möglichkeit gegeben, Dinge anzupassen. Sie sei zum Beispiel bereit gewesen, bestimmte Objekte wieder komplett aus der Partitur zu streichen, oder dem Orchester Instrumententeile zur Verfügung zu stellen.
Orchester war überrascht
War den Musikerinnen und Musikern klar, dass das Management das Konzert absagen würde, wenn sie sich nicht einigen? Dem Statement des Orchesters zufolge war das Orchester von der Entscheidung überrascht.
Demnach hat das Management über seine Köpfe hinweg die Entscheidung getroffen und sie in die Öffentlichkeit kommuniziert, mitsamt Anschuldigungen gegen die Komponistin.
Entschuldigung für „nicht eindeutige“ Kommunikation
Hier liegt vielleicht die eigentliche Krux: Dass eine Stelle im Haus das überhaupt tun kann, ist ein strukturelles Problem. Aber zum Glück keines, das nicht reflektiert, bearbeitet und behoben werden könnte.
Immerhin hat sich das NOW!-Festival, bei dem das Stück hätte aufgeführt werden sollen, mittlerweile bei Clara Iannotta für die „nicht eindeutige“ Kommunikation entschuldigt. Ob ihr Stück doch irgendwann aufgeführt wird oder nicht, dazu gibt es bisher keine offizielle Information.
JetztMusik Mit allen Sinnen hören – Die Komponistin Clara Iannotta
Erinnerungen seien für sie oft mit Klang verbunden, schreibt die italienische und in Berlin lebende Komponistin und Kuratorin Clara Iannotta. Und noch etwas hat sich ihr seit der Kindheit eingebrannt: das Erfinden von Material und Form. Damals war es das Spielzeug, das sie auf Aufforderung des Vaters entwickelt und gebastelt hat, jetzt sind es Klänge, Farben, Strukturen. Immer wieder geht sie klanglich in die Tiefe, lotet Nuancen aus. Man muss exakt hinhören, auch zuschauen und alle Sinne zu Hilfe nehmen, um sie zu entdecken.
Donaueschinger Musiktage 2023 Interview Clara Iannotta über "where the dark earth bends", UA DOMT 2023
Ein sehr persönliches Stück kommt zur Sprache - Clara Iannottas kompositorischer Ausgangspunkt dazu sind Eindrücke einer Strahlentherapie. In der Probenphase zu ihrem neuen Orchesterstück hat die italienische Komponistin mit Lydia Jeschke gesprochen.