Musik und Aktivismus: Wie ein Pariser Orchester aufrüttelt

Das Orchestre du Nouveau Monde setzt sich für soziale Gerechtigkeit und Klimawandel ein

Das Pariser „Orchester der neuen Welt“ vereint klassische Musik und Aktivismus. Junge Musiker spielen Werke mit politischer Botschaft und engagieren sich bei Kundgebungen.

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Von Autor/in Luis Jachmann

Strukturen aufbrechen mit Musik

Mit viel Akribie feilt Etienne Jarrier am Klang. Sein „Orchestre du nouveau monde“, das „Orchester der neuen Welt“, probte am vergangenen Sonntag sechs Stunden lang. 60 Musikerinnen und Musiker, die meisten zwischen 20 und 25 Jahre alt, studieren Werke von Florence Price ein.

Die afroamerikanische Komponistin ist in Frankreich nahezu unbekannt. „Wir spielen die Musik nicht für uns. Wir wollen Strukturen aufbrechen“, so Jarrier.

Aus Idee einer Clique wird großes Orchester

Gegründet hat der mittlerweile 24-jährige das Orchester vor fünf Jahren. Mit einem klaren Ziel: Musik als Mittel des Protests und der Veränderung.

Etienne Jarrier bei Probe des Orchestre du Nouveau Monde
Gründer Etienne Jarrier bei einer Probe mit seinem Orchester „Orchestre du nouveau monde“.

„Am Anfang waren wir einfach eine Clique aus 20 befreundeten Musikern. Wir haben uns gesagt: es gibt kein Symphonieorchester, das Klassik spielt und gleichzeitig aktivistisch unterwegs ist“, erklärt Jarrier. Mittlerweile seien sie 200 Musikerinnen und Musiker.

Dies Irae aus Protest in Dauerschleife

Das Engagement des Orchesters geht weit über die Probenräume hinaus. Am Trocadéro-Platz in Paris, mit dem Eiffelturm im Hintergrund, spielte das Ensemble Verdis „Dies Irae“ vier Stunden in Dauerschleife, als musikalischen Protest gegen die ausbleibenden Fortschritte bei der Weltklimakonferenz in Brasilien.

„Es gibt keinen Ausstieg aus den fossilen Energien, obwohl die Wissenschaft uns seit Jahren warnt“, sagt Jarrier vor den Zuschauenden. Er wolle jetzt mit Musik Aufmerksamkeit gewinnen.

Klassik trifft Kunst im Musée d’Orsay

Auch in den großen Kulturinstitutionen der Stadt hinterlässt das Orchester seine Spuren. Im Musée d’Orsay, umgeben von Skulpturen und impressionistischer Kunst, präsentierten die Musikerinnen und Musiker ihre Eigenkomposition „Soupir“ (Seufzer).

Ein Werk, das den Klimanotstand thematisiert. „Wir haben uns mit Schönheit und Stille auseinandergesetzt“, erklärt Jarrier. „Dieses Museum kennt normalerweise keine Stille.“

Das Orchestre du Nouveau Monde beim Auftritt im Museum
Das „Orchestre du Nouveau Monde“ beim Auftritt im Museum.

Keine Spur mehr von Stille. „Soupir“ ist ein ewig währender Donnerschlag. Und greift die Ausstellung im Museum auf: von Bildhauer Paul Troubetzkoy, einem Verfechter des Naturschutzes.

Das „Orchestre du nouveau monde“ macht aus dessen Credo einen betörenden Appel. Ein Orchester, das immer wieder neue, ungewöhnliche Wege findet, um aufzurütteln und zu begeistern.

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Autor/in
Luis Jachmann
Onlinefassung
Janine Putzek