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Der Chansonnier John William

Am 8. Januar 2011 starb der Sänger im Alter von 88 Jahren. Er wurde in der Nachkriegszeit als erster Schwarzer Chansonnier Frankreichs berühmt mit über 350 Songs. In Deutschland ist er kaum bekannt.

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Stand

Von Autor/in David Siebert

Traumatische Vergangenheit

Ab den 1950er Jahren zog John William als erster Schwarzer Chansonnier Frankreichs ein Millionenpublikum in den Bann. Nicht nur mit Chanson-Klassikern, sondern auch mit Coverversionen von Kino-Soundtracks wie zum Beispiel „James Bond – Goldfinger“.

Zudem war er der erste, der den Bossa Nova in Frankreich populär machte. Dass der großgewachsene Afro-Franzose, der sich auf Plattencovern gerne in elegantem schwarzen Anzug präsentierte, 1944 von den Nazis wegen Unterstützung der Résistance in das KZ Neuengamme bei Hamburg deportiert wurde, erfuhr das Publikum erst am Ende seiner Karriere – unter anderem durch Dokumentarfilme der Journalisten Serge Bilé und Alexandre Rosada.

Konzentrationslager Neuengamme
Im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg waren insgesamt ca. 100.400 Menschen inhaftiert, darunter auch John William. Mehr als die Hälfte überlebte nicht, besagt eine Schätzung.

Geisel der Gestapo

Geboren wurde John William 1922 in der damaligen französischen Kolonie Elfenbeinküste. Seine Mutter stammte von dort und war Schwarz, sein Vater ein weißer Franzose aus dem Elsass.

In Paris absolviert William Ende der 1930er Jahre eine technische Ausbildung als Mechaniker bei Renault. Als die Nazis Frankreich besetzen, muss er in einer Firma arbeiten, die Suchgeräte für Flugzeuge herstellt. Nachdem ein Kollege dort Sabotage verübt, wird William mit 12 weiteren Arbeitern von der Gestapo als Geisel genommen. 

Inhaftiert, gefoltert. Man wollte den Namen des Saboteurs herausfinden, er hat ihn aber nicht verraten und er ist dann über das Durchgangslager Compiègne im Mai 1944 nach Neuengamme gekommen.

Mit im Konvoi waren zehn weitere Schwarze Häftlinge aus Frankreich und den Niederlanden, von denen die meisten ebenfalls Widerstand gegen die Nazis geleistet hatten.

Die Zeit nach dem KZ

John William hatte Glück im Unglück: In Neuengamme wird er in der Rüstungsproduktion eingesetzt, wo die Überlebenschancen größer waren. Nach der Befreiung kehrt er nach Paris zurück, nimmt Gesangsstunden und beginnt dann in Bars und Cabarets aufzutreten, mit Jazz-Standards.

Seinen Durchbruch erzielt er aber indem er Titelmelodien von Hollywood-Kinofilmen auf Französisch interpretiert, darunter viele Westernsongs. Sein größter Hit wurde „La Chanson de Lara“ aus dem Kino-Liebesdrama „Dr. Schiwago“. 1966 erhielt William für seine Interpretation den Preis für die meistverkaufte Schallplatte des Jahres. 

John William - La chanson de Lara (1966)

Schweigen über die Vergangenheit

Erst in den 1990er Jahren erzählte John William ausführlicher über seine Zeit im Konzentrationslager – unter anderem in seiner Autobiographie „Si toi aussi tu m´abandonne“. 

Wir waren gleichsam Sklaven. Vom ersten Kontakt an ließen unsere Wächter uns wissen, dass wir nicht mehr waren als Nummern. Sie hatten von nun an das Recht über unser Leben – und unseren Tod. 

Danach tritt er als Zeitzeuge in Film und Fernsehen auf. Und bei Gedenkveranstaltungen von KZ-Überlebenden und Résistance-Mitgliedern, wo er unter anderem das antifaschistische Lied „Die Moorsoldaten“ vorträgt – auf französisch. 

2005 – sechs Jahre vor seinem Tod – wird John William für seine Verdienste zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. In Deutschland wird seit einigen Jahren in der Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme an sein Schicksal erinnert – und an das seiner Schwarzen Mithäftlinge.

Biopic „Monsieur Aznavour“ Charles Aznavour: Ein Leben für das Chanson

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David Siebert